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In Sebastián Lelios neuem Werk „The Wonder“ muss sich Florence Pugh im Irland des 19. Jahrhunderts auf die Suche nach der Wahrheit begeben.

The Wonder (2022)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Tiefer (Irr-)Glaube

Der extrem einflussreiche Horrorfilm „Der Exorzist“ (1973) von William Friedkin hat, auf Basis des gleichnamigen Romans von William Peter Blatty, ein Narrativ populär gemacht, das seither immer wieder variiert wird: Ein Geistlicher nimmt sich eines Phänomens an, dem mit Logik, mit Wissenschaft einfach nicht beizukommen ist – was letztlich auch die Nicht-Gläubigen bitterlich erkennen müssen.

Die Literaturverfilmung The Wonder des chilenischen Filmemachers Sebastián Lelio (Eine fantastische Frau) geht gewissermaßen den entgegengesetzten Weg. Gemeinsam mit der in Dublin geborenen Schriftstellerin Emma Donoghue, von der auch die gleichnamige Romanvorlage stammt, sowie der englischen Theaterautorin Alice Birch schildert Lelio in seiner Adaption, wie die britische Krankenschwester Lib Wright (Florence Pugh) im Jahre 1862 in ein kleines Dorf in den irischen Midlands reist, um dort die elfjährige Anna (Kíla Lord Cassidy) zu beobachten. Diese ist weitgehend gesund – was jedoch einem Wunder zu gleichen scheint, da sie angeblich seit vier Monaten nichts mehr gegessen hat. Von vielen wird sie deshalb für eine Heilige gehalten.

Vor Ort muss Lib erfahren, dass sich ihre Aufgabe tatsächlich auf die reine Beobachtung des Mädchens beschränkt. Sie darf Anna nicht helfen; sie soll lediglich im Wechsel mit einer Nonne (Josie Walker) in achtstündigen Schichten Wache halten und nach 14 Tagen einen Bericht vorlegen. „Warum eine Nonne?“, fragt Lib irritiert. „Willkommen in Irland!“, lautet die trockene Antwort. Die Gemeinschaft ist erzkatholisch – und noch immer schwer traumatisiert von der nur wenige Jahre zurückliegenden großen Hungersnot im Lande.

Am Anfang, und auch wieder ganz zum Schluss, thematisiert Lelio die Tatsache, dass er sich mit der Infragestellung sogenannter Wunder befasst – und hierfür ausgerechnet ein Medium nutzt, das bekanntlich „25-mal in der Sekunde Lüge“ ist (so Rainer Werner Fassbinder in Umkehrung einer Aussage von Jean-Luc Godard). Via Voice-over begrüßt uns eine Erzählerin und teilt uns mit, dass dies der Beginn des Films The Wonder ist. Wir sehen eine Studiokulisse, die langsam in die Welt der geschilderten Ereignisse, ins Irland des späten 19. Jahrhunderts, übergeht.

Der Plot greift das Phänomen der sogenannten Fastenmädchen auf, nimmt aber keinen konkreten realen Fall als Vorbild, sondern wählt den Pfad der Fiktion. Die Geschichte um Anna ist somit vielleicht eher das, was Michael Haneke in Bezug auf Fassbinders Definition als Lüge „im Dienste der Wahrheit“ bezeichnete. Visuell lässt The Wonder unter anderem an Cary Fukunagas Charlotte-Brontë-Interpretation Jane Eyre (2011) denken. Auch hier wird jedweder Kostümfilm-Kitsch vom heftigen Wind in der rauen Natur rasch weggeweht. Lib wirkt mit ihrer hellblau leuchtenden Kleidung oft wie ein Farbtupfer in den überwiegend gedeckten Farben des Umfeldes. Zudem bildet sie einen optischen Kontrast zur schwarzen Tracht der Nonne und zum weißen Nachthemd, das Anna in einigen Szenen trägt.

Wie es nicht anders zu erwarten war, spielt Florence Pugh (Midsommar) ihre Rolle mit absoluter Hingabe. Wir sind zweifellos auf Libs Seite, etwa wenn sie sich gegenüber dem Dorfarzt (Toby Jones) und dem Priester der Gemeinde (Ciarán Hinds) behaupten muss. Dennoch ist die junge Krankenschwester keine makellose Heldin, die immer genau weiß, was zu tun ist. Beinahe unnötig wirkt indes der tragische Hintergrund, der für die Figur entworfen wird – als sei dieser erforderlich, um Lib eine Motivation für ihr Handeln zu geben.

Neben Pugh beeindruckt auch die Newcomerin Kíla Lord Cassidy als Anna. Sollen wir in der Elfjährigen ein unterdrücktes Kind sehen, das unter den Erwartungen der Gesellschaft leidet? Oder womöglich doch eine Betrügerin, die den Wunsch hegt, zur Heiligen stilisiert zu werden? Die Schauspielerin lässt dies zunächst gekonnt in der Schwebe. Zwischen Pugh und ihr entwickelt sich eine Chemie, die jedem Moment Wucht verleiht. Wenn The Wonder gegen Ende ein gewisses Maß an Pathos erreicht, können wir dies leicht verzeihen, da sich die Figuren jede Ergriffenheit redlich verdient haben.

The Wonder (2022)

Ein junges Mädchen hört in den irischen Midlands im Jahr 1862 einfach auf zu essen, bleibt aber auf wundersame Weise gesund und munter. Die englische Krankenschwester Lib Wright wird in das kleine Dorf geschickt, um die elfjährige Anna O’Donnell zu beobachten. Touristen und Pilger strömen herbei, um das Mädchen zu sehen, das seit Monaten ohne Nahrung überlebt haben soll. Beherbergt das Dorf eine Heilige, die sich nur von „himmlischem Manna ernährt“ oder gibt es hier andere unheilvolle Motive? Dieser vom Phänomen der „Fastenmädchen“ des 19. Jahrhunderts inspirierte Psychothriller ist eine Verfilmung des berühmten Romans von Emma Donoghue („Raum“).

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