The Underground Railroad (Miniserie, 2021)

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Eine junge Sklavin nutzt eine geheime unterirdische Eisenbahnstrecke, um ihrem grauenvollen Plantagenalltag zu entfliehen, und begibt sich auf eine lebensgefährliche Suche nach der Freiheit. Wird die von Barry Jenkins kreierte und inszenierte Miniserie ihrer preisgekrönten Romanvorlage gerecht?

The Underground Railroad (Miniserie, 2021)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Licht am Ende des Tunnels?

In seinem unter anderem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman „The Underground Railroad“ erweitert der afroamerikanische Schriftsteller Colson Whitehead ein historisch verbürgtes Schleusernetzwerk um eine aufregende fiktive Komponente und entwickelt daraus eine mitreißende Erzählung, die den Rassismus in den USA auf schonungslose Weise seziert. Handelte es sich bei der titelgebenden „Underground Railroad“ in der Realität um ein Geflecht aus geheimen Routen und Schutzhäusern, mit dem Abolitionist*innen versklavten Menschen eine Flucht von Südstaatenplantagen ermöglichten, erweist es sich in Whiteheads Buch in erster Linie als eine versteckte unterirdische Eisenbahnstrecke mit mehreren Stationen, die eine junge Sklavin namens Cora Richtung Norden führt. 

Der hochgelobte Bestseller diente dem bei der Oscar-Verleihung 2017 mit seinem Coming-of-Age-Drama Moonlight reüssierenden Filmemacher Barry Jenkins als Vorlage für eine zehnteilige Miniserie, die – das zeichnet sich sehr früh ab – zu einem packenden, schmerzhaften und erschütternden Ereignis avanciert. Ähnlich wie sein Regiekollege Steve McQueen, der in 12 Years a Slave die wahre Geschichte des ursprünglich freien Afroamerikaners Solomon Northup in kompromissloser Manier auf die große Leinwand brachte, nähert sich Jenkins dem Leid der Versklavten mit einem ungeschönten Blick, ohne jemals in billigen Voyeurismus abzugleiten. Gewaltexzesse sind in The Underground Railroad nie selbstzweckhaft, sondern zeigen, wie das brutale Unrechtssystem der Sklaverei funktionierte.

Gleich das erste Kapitel, das auf einer Plantage in Georgia spielt, mutet den Zuschauer*innen einiges zu. Gemeinsam mit der Protagonistin Cora (Thuso Mbedu) müssen wir zusehen, wie ein Sklave vor den Augen der ganzen Belegschaft ausgepeitscht und anschließend bei lebendigem Leib verbrannt wird, während Gutsbesitzer Randall (Benjamin Walker) parallel Gleichgesinnte an eine reich gedeckte Tafel bittet. Genuss und unbarmherzige Bestrafung gehen in dieser Szene Hand in Hand – was den ohnehin schrecklichen Anblick noch beklemmender macht. Das Fehlen jeglicher Empathie und das Gefühl der eigenen Überlegenheit drücken sich auch in der Sprache Randalls und seiner Mitstreiter*innen aus. Immer wieder wird über Sklaven geredet, als seien sie Dinge oder Zuchtvieh. 

Als solches will Caesar (Aaron Pierre) nicht sein ganzes Leben fristen und plant daher seine Flucht, von der er Cora überzeugen will. Erst im Laufe der ersten Episode weicht ihre anfangs abweisende Haltung auf. Der Ausbruch gelingt. Allerdings holt sich die junge Frau, die einst von ihrer Mutter Mabel (Sheila Atim) auf der Plantage zurückgelassen wurde, dabei blutige Hände. Caesar, der Kenntnis von der geheimen Eisenbahnstrecke unter der Erde hat, und seine Begleiterin schlagen sich zu einem weißen Helfer namens Fletcher (Sean Bridgers) durch, der sie mit hoffnungsvollen Worten auf die Reise schickt: Unterwegs würden sie das wahre Gesicht Amerikas kennenlernen. Ein Gesicht, das sich dann aber allzu oft als hässliche Fratze entpuppt.

In der zweiten Folge begegnen wir Cora und Caesar nach einem Zeitsprung in einer Stadt in South Carolina, in der auf den ersten Blick eine andere Stimmung herrscht. Afroamerikaner*innen dürfen sich hier frei bewegen, tragen schicke Kleidung, werden zum Lesen ermuntert und haben Aufstiegschancen. Ein Neustart scheint für die Geflüchteten, die sich langsam zueinander hingezogen fühlen, in greifbarer Nähe. Doch auch in dieser vermeintlich so schönen neuen Welt tun sich irgendwann gefährliche Risse auf. Eine andere, weniger offen grausame Form der Unterdrückung schält sich nach und nach heraus und veranschaulicht den Facettenreichtum rassistischer Denk- und Handlungsmuster. 

Der grauenhaften Erfahrung der Sklaverei begegnet Jenkins ein ums andere Mal mit den Inszenierungs- und Stilmitteln des Horrorkinos. Bereits Kapitel eins sorgt mittels einer irritierend übersteigerten, das subjektive Empfinden betonenden Soundkulisse für Verunsicherung. Peitschenhiebe klingen wie Donnerschläge. Und das Zirpen der Insekten schwillt permanent bedrohlich an. Gänsehautmomente und eine gespenstisch-bedrückende Atmosphäre produziert The Underground Railroad auch im Fortgang. Etwa in der North-Carolina-Passage, die uns in eine Siedlung religiöser Eiferer entführt, oder dem ersten Tennessee-Kapitel, das uns durch eine graue, in Rauchschwaden getauchte, endzeitlich anmutende Landschaft streifen lässt. Der Horror, den Cora und andere Versklavte erleben und erlebt haben, findet in den Bildern und auf der Tonspur seine Entsprechung, ohne dass der Regisseur und Serienschöpfer auf den schnellen, reißerischen Schock setzen würde.

Die Flucht der von Thuso Mbedu ebenso verletzlich wie willensstark verkörperten Hauptfigur entfaltet eine enorme emotionale Wucht und zieht einen Gutteil ihrer Spannung aus dem Katz-und-Maus-Spiel, das sich Cora mit dem Sklavenfänger Ridgeway (Joel Edgerton) liefert. Nicht nur dank Edgertons intensiver Darbietung wird dieser die Liebe seines Vaters (Peter Mullan) spürende, unter dessen fehlender Anerkennung jedoch leidende Mann zu einem spannenden Antagonisten. Sein übertriebener, geradezu fanatischer Ehrgeiz auf der Jagd nach Cora liegt vor allem darin begründet, dass es ihm nicht gelungen ist, ihre entlaufene Mutter zu finden. Trotz seiner offenkundigen Verachtung für Afroamerikaner*innen hat Ridgeway mit Homer (Chase Dillon) ausgerechnet einen kleinen schwarzen Jungen an seiner Seite. Dieser treue Gehilfe mit gutem Instinkt und wachsamen Augen ist eine faszinierende, da gängige Muster sprengende Figur, über die man gerne noch ein bisschen mehr erfahren hätte.

Auch wenn die Intensität der Miniserie nach der Hälfte, zumindest zwischenzeitlich, etwas nachlässt, wartet man gebannt auf die nächsten schicksalhaften Wendungen, die Coras Leidensweg bereithält. Die kinoreifen, stimmungsvollen Bilder haben eine sogartige Wirkung. Die Schauspielleistungen – selbst in Nebenrollen – sind überzeugend. Sehenswert ist The Underground Railroad aber vor allem deshalb, weil verschiedene Ausprägungen von Rassismus und Repression zum Vorschein kommen. Ausprägungen, von denen manche noch immer nicht überwunden sind. Die Ideologie der white supremacists beispielsweise unterscheidet sich kein bisschen von den grässlichen Vorherrschaftsansichten, die in der North-Carolina-Episode hervorbrechen. Warum nur, fragt man sich im Anschluss an die aufwühlende Sichtung, können wir Menschen nicht alle das beherzigen, was Ridgeway senior seinem Sohn an einer Stelle begreiflich machen will: im Gegenüber stets auch nach sich selbst zu suchen?

The Underground Railroad (Miniserie, 2021)

Barry Jenkins‘ Miniseries ist die Adaption von Colson Whiteheads  mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichneten historischen Roman gleichen Titels, der von zwei Sklaven erzählt, die im 19. Jahrhundert mittels eines unterirdischen Eisenbahnsystems in den Norden fliehen.

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