The Salt of Tears (2020)

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Als der junge Schreiner Luc nach Paris fährt, begegnet ihm eine junge Frau — und als er zurückkehrt, tritt eine zweite in sein Leben. Doch ist eine von ihnen auch die große Liebe, nach der er sich so sehnt?

The Salt of Tears (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Dreiecke der Liebe

An einer Bushaltestelle in einem Vorort von Paris treffen sie zum ersten Mal aufeinander: Luc (Logann Antuofermo) ist Schreiner und kommt aus der Provinz, um die Aufnahmeprüfung an einer renommierten Kunsthandwerksschule zu absolvieren, Djemila (Oulaya Amamra) hat die Schule geschmissen und will irgendwann an der Abendschule ihren Abschluss nachholen. Man geht ein Stück des Weges miteinander, verabredet sich, verbringt eine kurze Zeit miteinander, bevor Luc wieder in die Provinz zurückkehrt, wo er im Betrieb seines Vaters (André Wilms) mitarbeitet. Es ist der Anfang einer Liebesgeschichte — und wenn Luc an der Schule angenommen wird, wer weiß?

Doch kaum zurück in der Provinz, begegnet ihm da schon die nächste Frau, seine Jugendliebe Geneviève (Louise Chevilotte), mit der er gleich mal Sex in der Badewanne hat. Und so findet sich Luc plötzlich in einer Dreiecksgeschichte wieder: einerseits ist da Geneviève, die von einem kleinbürgerlichen Leben in dem Provinzstädtchen träumt; andererseits die Erinnerung an Djemila im fernen Paris, mit der er dann auch eine Verabredung auf ein Rendezvous aus Feigheit platzen lässt.

Als die Zusage von der Kunsthandwerksschule kommt, führt das zum Zerwürfnis zwischen Luc und Geneviève, die sich eine Fernbeziehung nicht vorstellen kann und die ihm zudem gesteht, dass sie schwanger von ihm ist. Luc ist entsetzt und nicht bereit, sich der gemeinsamen Verantwortung zu stellen. Mit brüsken Worten weist er sie zurück und entschwindet, ohne sich weiter um sie zu kümmern, nach Paris. Dort trifft er schließlich auf die Krankenschwester

Betsy (Souheila Yacoub), in die er sich verliebt. Doch anders als bei den anderen beiden Frauen ist es sie, die in Liebesdingen den Ton angibt. Und so findet sich Luc schnell in einer weiteren, komplizierten Dreiecksbeziehung wieder, weil ein Kollege von Betsy mit in die gemeinsame Wohnung einzieht. Und mit dem hat Besty gelegentlich Sex.

Le sel des larmes ist ein merkwürdiger und auch ärgerlicher Film, der gleich in mehrfacher Hinsicht aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen scheint. Da sind einerseits die wunderschönen, leicht körnigen Schwarzweißaufnahmen, die ein Paris der Vorstädte und jenseits der Postkartenidylle zeigen. Es ist das Paris der „kleinen Leute“, der Tischler und Krankenschwestern und deren Suche nach der Liebe. Zugleich fällt auf, dass Garrels Vorstellung der jungen Leute und deren Leben aus einem buchstäblich anderen Zeitalter zu stammen scheint: Mobiltelefone scheint es keine zu geben (nur an einer Stelle taucht einmal kurz eines auf), stattdessen werden Adressen auf Handflächen geschrieben und Liebesbriefe per Post geschickt. Dazu passen auch die Äußerungen von Lucs Vater, der sich an einer Stelle darüber beklagt, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Menschen keine Möbel mehr bräuchten, weil dann alle Nomaden geworden seien — eine Aussage, die geradezu symptomatisch für die Modernitätsverweigerung steht, die der Film aus jeder Pore atmet.

Ähnlich anachronistisch verhält es sich mit dem Geschlechterbild, das der Film transportiert, denn es sind nicht nur Djemila und Geneviève, die sich seltsam rückwärtsgewandt verhalten, sondern auch Luc selbst scheint ein merkwürdiges Verhältnis zur Liebe zu haben. Nicht nur, dass er sich den beiden gegenüber überaus mies verhält, sondern später wird er eine Frau regelrecht verfolgen, während der irritierende Off-Erzähler dazu räsoniert, er habe wohl die wahre Liebe noch nicht gefunden — als gäbe ihm das das Recht, sich wie ein aufdringlicher Casanova zu verhalten.

Und selbst als ihm mit Betsy endlich eine Frau begegnet, die ihm mindestens ebenbürtig ist, setzt bei ihm keine grundsätzliche Wandlung ein. Das Titelgebende „Salz der Tränen“ bezieht sich auf Tränen, die Luc am Ende vergießen wird, doch es sind Tränen, die aus einem ganz anderen Grund fließen als jenem, um den es die ganze Zeit ging. Die Tränen der Frauen, die Garrel einfach so aus dem Leben seines Protagonisten wieder verschwinden lassen wird, sind dem Film hingegen keinerlei Beachtung wert. Ein Ärgernis!

The Salt of Tears (2020)

Angetrieben von dem Wunsch, Kunsttischler zu werden, kommt Luc nach Paris. Als er sich in den Banlieues verirrt, fragt er Djemila nach dem Weg. In der Schüchternheit des Mädchens wittert Luc die Chance auf ein Abenteuer. Sie sehen sich wieder, doch er muss zurück nach Hause, zu seinem Vater, der ebenfalls Tischler ist. Dort begegnet er Geneviève, die er von früher kennt, und beginnt eine Romanze mit ihr. Als Luc einen Platz an der renommierten Möbelbauerschule École Boulle bekommt, folgt er seinem Traum, zieht nach Paris und lässt Geneviève zurück. Bald betritt eine dritte junge Frau seine kleine Wohnung und bringt die Unbeschwertheit der Großstadt mit. 

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