The Program - Um jeden Preis

The Program - Um jeden Preis

Eine Filmkritik von Andreas Günther

Fehlstart

Der ehemalige Radrennprofi Lance Armstrong war gedopt – bei seinen insgesamt sieben Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005, aber auch davor und sogar danach bei seinem Comeback-Versuch. Auf die Entlarvung folgten die Aberkennung der Titel und eine lebenslange Sperre. The Program – Um jeden Preis informiert darüber alle, die es noch nicht wussten oder es wieder vergessen haben. Und was gibt es außerdem zu sehen? Immerhin handelt es sich um einen Spielfilm, ein Sportlerdrama. Da ist es erwünscht, in Spannung zu versetzen, auch Wahrnehmungen zu problematisieren und – durchaus entlang der Fakten – Emotionen und Motive aufzuspüren. Doch an solchen Freiräumen radelt The Program – Um jeden Preis lustlos vorbei.
Der Film beginnt mit einem Fehlstart. 1993 debütiert der damals 21-jährige Lance Amstrong (Ben Foster) auf der Tour de France. Auf den talentierten Amerikaner aufmerksam geworden, interviewt ihn Sunday-Times-Journalist David Walsh (Chris O´Dowd) ein bisschen, während sie Tischfußball spielen. Was ihn eigentlich antreibe, fragt Walsh. Er habe einfach Freude am Fahren, erwidert Armstrong. Walsh steht mit offenem Mund da. Armstrong nutzt seine Unaufmerksamkeit und schießt ein Tor.

Dieser Typ erschleicht sich den Sieg, wenn keiner hinschaut. Sogleich breitet sich die Befürchtung aus, der Film könnte nur auf dieser einen Botschaft herumreiten. Dass sie sich bewahrheitet, wiegt fast weniger schwer als die Stumpfsinnigkeit, die das Publikum deshalb über sich ergehen lassen muss. „Ich mag ihn“, lässt Drehbuchautor John Hodge seinen Walsh nach der Überrumpelung beim Tischkicker sagen. Aber zu glauben ist das kaum, und der weitere Verlauf lässt keinen Funken Sympathie für Armstrong zu. Moralisch mag das in Ordnung gehen. Den Film macht es überflüssig.

Während Regisseur Stephen Frears und sein Kameramann Danny Cohen noch in jedem einzelnen Bild von Männern auf Rädern bekunden, dass ihnen die Sportart am Allerwehrtesten vorbeigeht, begibt sich Ben Fosters niederlagengefrusteter Lance Armstrong nach überstandener Krebserkrankung in das Doping-Programm von Doktor Michelle Ferrari (Guillaume Canet). Durch EPO hat Armstrong nun endlich genug rote Blutkörperchen für den Sauerstoff –Transport, um zu siegen. Heimlich Epo spritzen, Rad fahren, triumphieren, lügen, Charity-Auftritte, wieder Epo spritzen, triumphieren, lügen – so strampelt sich der Film monoton über die Runden, bis auch dank Walsh das Kartenhaus zusammenbricht.

Sowenig wie über die Vertuschungen der Sportinstitutionen ist irgendetwas über den Menschen Armstrong zu erfahren. Woher er eigentlich kommt, warum er solchen Ehrgeiz fürs Radfahren beweist, wenn seine natürliche physische Konstitution große Erfolge auf diesem Gebiet doch ausschließt – der vollkommen unterforderte Ben Foster bekommt keine Gelegenheit, es zu zeigen, er darf bloß den Fiesling grimassieren. Walshs zugrundeliegendem Buch und rechtlichen Unwägbarkeiten mag das geschuldet sein. Aber dann ist es sinnlos, an den Start zu gehen.

The Program - Um jeden Preis

Der ehemalige Radrennprofi Lance Armstrong war gedopt – bei seinen insgesamt sieben Tour-de-France-Siegen zwischen 1999 und 2005, aber auch davor und sogar danach bei seinem Comeback-Versuch. Auf die Entlarvung folgten die Aberkennung der Titel und eine lebenslange Sperre.
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Meinungen
Martin Zopick · 21.09.2020

Stephen Frears kann einfach alles. Hier hat er sich die entzauberte Ikone des Radsports Lance Armstrong (Ben Foster) vorgenommen, den siebenmaligen Gewinner der Tour de France. Der Verdacht hatte sich so gegen 2004 immer mehr verdichtet und viele wussten davon. Nur ein Beweis fehlte immer noch. Und der Held leugnete hartnäckig jemals leistungssteigernde Substanzen genommen zu haben. Der Journalist David Walsh (Chris O‘ Dowd), der Armstrong persönlich kannte, nahm die Fährte auf. Er wittert den Betrug und recherchiert im Umfeld. Als er eindeutige Beweise schuldig blieb, musste seine Zeitung Schadensersatz zahlen. Offiziell spricht alles für Armstrong: die überwundene Krebserkrankung und seine Stiftungen für Radsportler bringen dem verheirateten Vater in der Presse eine makellose weiße Veste ein. Armstrong zieht sich aus dem Sport zurück. Erst als seinen Nachfolger beim Toursieg, Floyd Landis (Jesse Plemons) Gewissensbisse schier auffressen gesteht der alles und zieht Armstrong mit ins Verderben.
Frears zeigt Armstrong als vom Ehrgeiz zerfressenen Radrennfahrer, der mit Hilfe von Sportarzt Ferrari (Guillaume Canet) ein nahezu perfektes System des Dopings aufgebaut hat. Er wird am Ende ein Opfer seiner grenzenlosen Ambitionen. Bleibt ein Image eines armen Würstchens, einsam und depressiv. Und wer in der Post-Armstrong Ära einen Tour Sieger auf dem Treppchen sieht, sagt sich: schau, da steht wieder ein Gedopter!
Frears verteufelt Armstrong nicht, macht ihn aber auch nicht zum Idol. Er ist lediglich ein Krimineller, der jahrelang gelogen hat.

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