The Other Side of the River (2021)

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Um männlicher Bevormundung und Gewalt im Elternhaus und in der Ehe zu entkommen, schließen sich viele junge Frauen in Nordostsyrien kurdischen Polizeieinheiten an. Der Dokumentarfilm begleitet Hala, die von dem Wunsch beseelt ist, auch ihre jüngeren Schwestern in ein freies Leben mitzunehmen.

The Other Side of the River (2021)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Das Drama einer syrischen Feministin

Hala hat den Euphrat überquert, um einer Zwangsheirat zu entgehen. Mit 19 Jahren riss sie von zuhause aus, als die Kurden ihre nordsyrische Heimatstadt Minbij von der Terrorherrschaft des sogenannten Islamischen Staats befreiten. In der Polizeiakademie der autonom verwalteten kurdischen Provinz Rojava absolviert sie mit vielen anderen jungen Frauen eine militärische Ausbildung mit feministischer Schulung. Sie will nach Minbij zurückkehren, um auch ihre Schwestern aus dem Elternhaus zu befreien.

Es ist eine hochdramatische Geschichte der ideologischen und kulturellen Gegensätze, die die deutsche Regisseurin Antonia Kilian in ihrem Langfilmdebüt erzählt. Kilian ging 2016, als sie im Fernsehen Bilder der Befreiung Minbijs sah, nach Nordostsyrien. Als Feministin und linke Aktivistin interessierte sie sich für die kurdische Frauenbewegung in Rojava. Sie beobachtet Halas Ausbildung an der Polizeiakademie. Die junge Frau aus konservativem arabischen Elternhaus soll Mitglied einer Frauenverteidigungseinheit werden, die sich angelehnt an die Ziele der kurdischen Partei PYD für die Befreiung der Frauen im Nahen Osten starkmacht. Engagiert und hochmotiviert nimmt Hala die feministische Lehre so ernst wie die Ausbildung an der Waffe. Doch in Minbij, einer Stadt mit überwiegend arabischer Bevölkerung, wird sie feststellen, dass sie die Macht der ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln unterschätzt hat.

In Rojava genießt Hala die Gemeinschaft der Frauen, die zusammen trainieren, essen, spielen. Im Brustton der Überzeugung verkündet sie, dass sie niemals einen Mann heiraten werde. Ihre Eltern hätten ihr gesagt, dass sie keine Ehre habe, als sie zur Polizeiakademie ging, aber für die Verteidigung ihrer Ehre sorge sie schon selbst. Oft schaut sie Fotos ihrer Schwestern auf dem Handy an, kleine Videos, welche diese ihr heimlich schicken. Die Sehnsucht nach ihnen ist groß.

Die Überquerung des Euphrat zurück nach Minbij markiert auch sinnbildlich einen Seitenwechsel. Nun muss sich zeigen, ob Halas neu gewonnene Freiheit auch im heimischen Umfeld trägt. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sosan, die mit ihr nach Rojava geflohen war, wohnt sie nun im Gebäude der örtlichen Polizei. Dort arbeiten sie in einer Fraueneinheit. Wenn die stolze Hala in ihrer khakifarbenen Uniform, ohne Kopftuch durch den Ort geht, fällt sie auf zwischen anderen Frauen. Auf dem Markt wendet sich eine voll verschleierte Frau an sie: Sie möchte auch zur Frauenpolizei, um ihrer Familie zu entfliehen. Hala und ihre Kameradinnen führen Gespräche mit Frauen, die Gewalt erfahren, sie rücken auch bewaffnet aus, um Täter oder Opfer in ihrem Umfeld abzuholen.

Hala wird befördert, kann sich eine Wohnung mit ihrer Schwester leisten. Doch der gesellschaftliche Druck zieht sich wie eine Schlinge um ihren Hals. Immer öfter fängt die Kamera die nachdenkliche Stimmung ein, die Traurigkeit, die Hala umgibt. Irgendwelche bösen Gerüchte über sie machen die Runde, erreichen sogar das Ohr der Vorgesetzten. Halas Vater droht offen mit Ehrenmord, weil die Tochter ihm Schande mache. Als Sosan heiraten will, fühlt sich Hala noch mehr isoliert. Sie sitzt zwischen allen Stühlen: hier die unbeugsame Familie, dort die feministische Polizeimiliz, die ihr nicht so radikal wie erhofft im Kampf um die eigenen Schwestern zur Seite steht. Die Miliz will offenbar nicht mit der Brechstange gegen die Gesellschaft vorgehen, unterscheidet zwischen Theorie und Praxis. Hala wiederum will unbedingt verhindern, dass ihre Schwestern heiraten – erst recht, wenn der Vater das für sie arrangiert.   

Halas Überlegungen bleiben oft im Dunkeln. Was ihre Schwestern denken, wird erst recht nicht verbalisiert. Das liegt zum einen an der Sprachbarriere, die eine direkte Verständigung zwischen den Protagonistinnen und der Filmemacherin im Grunde nicht zulässt. Zum anderen schottet Halas Familie die zuhause lebenden Töchter offenbar auch stark ab. Sie machen in Anwesenheit der Kamera nicht den Eindruck, als sei ihnen die freie Rede gestattet.

Halas Drama spielt sich weitgehend in Bildern ab, als Prozess einer Vereinsamung. In der filmischen Beobachtung spiegelt sich auch das Gefühl des kulturellen Fremdseins, das die Filmemacherin erfährt und in ihrem Offkommentar anklingen lässt. Sie ist Zaungast, bekommt nur einen Teil von Halas Situation und Erleben mit, spürt die Distanz der Umgebung zur Kamera. Visuell aber gerät der Film ausdrucksstark. Die karge Landschaft mit den vielen zerbombten Häusern signalisiert Bedrückung, der mächtige Euphrat verheißt Belebung und Veränderung. Sich lachend in die Fluten zu stürzen, beschert Hala einmal einen Moment des Glücks, das es in Minbij für sie sonst nicht gibt.

The Other Side of the River (2021)

Mit oder ohne Waffen: Polizistin Hala würde für die Rettung ihrer Schwestern vor Zwangsheirat und IS alles tun.

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