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Leckere Fusionsküche aus Comedy und Horror: „The Menu“ ist eine Satire auf die Welt der Gourmets und Sterne-Restaurants, garniert mit ein bisschen Blut.

The Menu (2022)

Eine Filmkritik von Mathis Raabe

Eat the Rich

Die Rache an den Eliten ist ein Evergreen im Genrekino. Regisseur Mark Mylod — eigentlich bekannt als Comedy-Spezialist im US-Fernsehen, wo er für diverse Episoden von HBOs Business-Satire „Succession“ verantwortlich zeichnet — zelebriert diese ebenfalls in seiner ersten Kino-Arbeit seit über zehn Jahren und parodiert dabei eine besondere Sektion der Eliten: die Fine-Dining-Szene. Restaurants, die über Monate ausgebucht sind, weil man dort für horrende Summen winzig kleine Portionen serviert bekommt, die auf dem Teller aber zu geometrischen Formen arrangiert werden. Menschen, die sich nicht komisch dabei vorkommen, Begriffe wie „Mundgefühl“ zu verwenden. In diesem Setting inszeniert er in „The Menu“ eine Rache der Dienstleistungsgesellschaft.

Ein Restaurant, so exklusiv, dass man auf eine einsame Insel schippern und sich dann hinter einer schweren Tür einsperren lassen muss? Man kann sich gut vorstellen, dass die Foodies der High Society Feuer und Flamme wären. An diesem Ort findet sich in The Menu ein Ensemble aus unter anderem drei Tech-Bros, einer Restaurantkritikerin und einem abgehalfterten Hollywood-Star ein – und Margot, gespielt von Anya Taylor-Joy, die Identifikationsfigur und Stimme der Vernunft, die hier offensichtlich fehl am Platz ist, weil sie von einem besonders anstrengenden und geltungsbedürftigen Foodie, gespielt von Nicolas Hoult, als Last-Minute-Date mitgeschleppt wurde.

Ralph Fiennes gibt den strengen Chefkoch Slowik, der jeden Gang mit einer Geschichte anmoderiert und bald mehr Kommentar als tatsächliches Essen serviert. Es gelte, das übergreifende Thema des Menüs zu erraten, sagt Hoults Figur. Man ahnt bereits: Es kann nichts Gutes sein. Ralph Fiennes schaute zur Vorbereitung auf die Rolle Netflix’ Food-Porno-Serie Chef’sTable, auch die Ästhetik des Films ist daran angelehnt: Die Kamera schwelgt nur so durch den offenen Restaurantraum aus Balken, Blech und Backstein. Jedes Gericht bekommt eine perfekt ausgeleuchtete Nahaufnahme, dazu werden die Zutaten eingeblendet. Mitunter ist das Essen auf Steinen und Ästen serviert, so als wären die Teller Terrarien.

Dass Hauptfigur Margot fehl am Platz ist, sogar selbst in der Service-Industrie arbeitet, bemerkt auch Chefkoch Slowik. Er fordert sie auf, sich für eine Seite zu entscheiden. Erlösung bedeutet das nicht, es ist nur eine ideologische Positionierung: „Stirbst du mit denen, die geben, oder mit denen, die nehmen?“ Zu Beginn des Films ist zu sehen, dass das Service- und Küchenpersonal auf Pritschen schläft und in 20-Stunden-Schichten arbeitet. Die überarbeiteten Angestellten haben also allen Grund zur Revolte. Slowik unterwerfen sie sich noch immer, aber vor ihm hätte wohl selbst Gordon Ramsay Angst. Dessen Unmut wiederum scheint eher daher zu rühren, dass seine hohe Kunst bei seinen Gästen zur reinen Status-Performance verkommt. Ein Paar wird allein deshalb bestraft, weil sie Stammgäste sind, was tausende Dollar gekostet haben muss, und sich trotzdem an kein Gericht erinnern können. Mit Geld allein kann man sich vielleicht einen Stilberater zulegen, aber eben keinen Geschmack.

An The Menu wird man sich erinnern, auch nach der Rechnung und dem Verdauungsschnaps noch, für seinen tollen Cast und sein bissiges Drehbuch. Janet McTeers Restaurantkritikerin und ihre Worthülsen sind ein besonderes Highlight. Einige Gags kommen mit dem Holzhammer, und das dürfen sie auch, dies ist Popcorn-Genrekino für die Spätschiene. Trotzdem wird es nie so blödsinnig, dass sich nicht mehr erkennen ließe, dass hier reale Vorbilder vorgeführt werden sollen. Mitunter wird es sogar sehr nuanciert: Für einen Gang werden die Gäste nach Gender getrennt, sodass der Film sexuelle Übergriffe in der Service-Industrie verhandeln kann.

The Menu wird aber nicht, wie man erwarten könnte, ein Menschenjagd-Film wie so viele andere Klassensatiren im Horrorgenre von A Dangerous Game (1932) bis Ready Or Not (2019). Dabei wünscht man sich gen Ende durchaus ein bisschen Action anstelle immer weiterer Gänge, die eigentlich Meta-Kommentare sind, bis der Plot mehr Twists hat als eine Fusilli-Pasta. Ähnlich wie das Menü von Chefkoch Slowik ist der Film konzeptuell etwas überfrachtet. Dafür schmeckt er aber jederzeit frisch und nicht nach Aufgewärmtem und inspiriert mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu, nach dem Kinobesuch einen Burger mit Pommes essen zu gehen.

The Menu (2022)

Als ein Paar (Anya Taylor-Joy und Nicholas Hoult) sich auf eine malerisches Insel zurückzieht, landen die beiden in einem exklusiven Restaurant, wo der Küchenchef (Ralph Fiennes) ihnen ein üppiges Mahl serviert, das allerdings einige schockierende Überraschungen bereithält.

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