The Hunt (2020)

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Liberale schlachten Trump-Wähler ab – diese (stark verkürzte) Prämisse von „The Hunt“ sorgte schon lange vor dem Erscheinen des Films für eine Kontroverse, in die sich sogar der Präsident höchst selbst einschaltete. Nun zeigt sich: alles unbegründet. Denn dieser Film ist im Kern völlig unpolitisch.

The Hunt (2020)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Der Skandal, der keiner ist

Wenn ein Film bereits vor seinem Start für Kontroversen sorgt, dann steckt meist wenig Substanz dahinter – aber umso mehr Marketingpotential. „The Hunt“ ist das jüngste Paradebeispiel dafür: „The most talked about movie of the year is one that no one’s actually seen“, lautete Anfang des Jahres ein Poster-Werbespruch, angereichert durch diverse Pressezitate, die den Film als „sick“, „evil“ oder als „disturbance“ bezeichneten. Der Kinostart war in den USA zuvor aufgrund zweier Amokläufe verschoben worden, in Deutschland bleib er komplett aus. Nun ist „The Hunt“ digital verfügbar und es lässt sich mit Blick auf die Kontroverse konstatieren: Es wird nach wie vor nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Ihren Ursprung nahm die Debatte um The Hunt als bekannt wurde, dass hier liberale Eliten sogenannte deplorables (die Erbärmlichen und Kläglichen) jagen würden – ein Wort, das, seitdem Hillary Clinton die Anhänger ihres Kontrahenten im Präsidentschaft-Wahlkampf auf diese Weise bezeichnete, in den USA faktisch verbrannt ist. Donald Trump höchst selbst befeuerte die Kontroverse um The Hunt im Herbst 2019 noch weiter, pöbelte auf Twitter gegen Hollywood, bescheinigte dem Film, er sei gemacht worden, um Unruhe und Chaos zu stiften. In der Tat finden die deplorables in The Hunt mehrfach Erwähnung, so schon direkt zu Beginn in einer SMS, die alles ins Rollen bringt: „At least the hunt is coming up. Nothing better than going out to The Manor and slaughtering a dozen deplorables“, heißt es da.

Einem blutigen Intermezzo im Inneren eines Flugzeugs folgt der nicht minder blutige Auftakt der titelgebenden Jagd: Ein Dutzend Menschen erwacht, geknebelt und orientierungslos, in einem Wald. In einer dort platzierten Kiste finden sie diverse Waffen, die sie an sich nehmen. Kurz darauf fallen die ersten Schüsse, von denen gleich mehrere ihr Ziel finden. Köpfe und Körper explodieren, der body count steigt bereits in den ersten Minuten sprunghaft an. Nur eine Handvoll der Gejagten entkommt dem Gelände und versucht von da an, einen Ausweg aus dem zu finden, was sie selbst „Manorgate“ nennen (den Hashtag muss man sich an dieser Stelle hinzudenken). Oder, wie im Fall der abgeklärten Crystal (Betty Gilpin), den Spieß umzudrehen.

Die Ausgangslage ähnelt also der von Kinja Fukasukus Battle Royale (2000) oder den Hunger Games aus der Tribute-von-Panem-Tetralogie (2012-2015). Mit dem großen Unterschied, dass es den Zuschauer*innen hier sehr schwer gemacht wird, mit den Gejagten auch nur irgendwie zu sympathisieren, handelt es sich doch im Wesentlichen um Rednecks, homophobe, rassistische Waffennarren, Klimawandelleugner und/oder Antisemiten. Oder vielmehr: überzeichnete Klischees davon. Die Jäger wiederum, so stellt sich heraus, entsprechen dem, was in den USA gern abfällig unter liberals subsumiert wird: Privilegierte, snobistische Mitglieder der Wirtschaftselite, überpenibel im Umgang mit political correctness – und dabei nicht minder überzeichnete Abziehbilder von social justice warriors.

Mit dieser Mischung aus exzessiver Gewalt und der extremen Zuspitzung beider politischen Lager ist die Satire auf die Polarisierung und Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft, an der sich The Hunt versucht, alles andere als feinfühlig geraten. Dass der Film diese Spaltung noch weiter befeuere, ist ein Vorwurf, der seine politische Aussagekraft maßlos überschätzt. Dafür ist The Hunt einerseits zu sehr Genre, in erster Linie also darauf bedacht, durch extrem blutige, variationsreiche, überraschende glory kills sowie One-Liner an der Schwelle zur Geschmacklosigkeit vornehmlich die Bedürfnisse von Action- und Splatter-Fans anzusprechen (und das, zugegeben, gelingt ihm auch). Andererseits fällt die politische Ebene (von Subtext kann nicht mehr die Rede sein) derart klischeebeladen aus, dass ein Diskurs völlig verunmöglicht wird. Die Gespräche sind selten mehr Ansammlungen populistischer Schlagworte und Phrasen (da ist bei Flüchtlingen etwa von „Krisen-Statisten“ die Rede), die Referenzen auf George Orwells Animal Farm wirken inkonsistent und alles andere als durchdacht. The Hunt suhlt sich stattdessen, ohne sich erkennbar auf eine Seite zu schlagen, mit großer Freude in seiner Verachtung und seinem Spott für beide Lager. Das kann man –  in satirischer Hinsicht – wahlweise als zahnlos oder schlicht als konsequent betrachten (und angesichts der Hufeisen-Theorie, die der Film etabliert, auch problematisch finden). Seinen Unterhaltungswert kann man ihm dank des hohen Tempos, der wendungsreichen Geschichte und seiner großartigen Hauptdarstellerin Betty Gilpin (Glow) jedoch nicht absprechen.

Letztere mutet, als einzige apolitische Figur dieses Films, zunächst wie ein Fremdkörper an, bildet mit ihrem vehementen Nihilismus, ihrer stoischen Kälte und ihrer dauerhaft entnervten Ausstrahlung jedoch den angemessenen Kontrapunkt zum Wahnsinn und -witz der (politischen) Extreme, die die Drehbuchautoren Damon Lindelof und Nick Cuse (Watchmen) hier in solch mannigfaltige Stereotype gießen. Wenn Liberale und Konservative derart entzweit sind, dass ein Konsens unmöglich scheint, wird der unpolitische Weg zur einzigen Lösung, so die Conclusio. Auf filmisch-dramaturgischer Ebene funktioniert das zwar. Als Polit- und Gesellschaftssatire bietet The Hunt jedoch keine auch nur halbwegs ernstzunehmende Lösung an: Sein Ansatz ist nicht progressiv, sondern völlig destruktiv.

Im Zeichen des jüngsten besorgniserregenden Booms verschwörungstheoretischer Bewegungen und Narrative erhält The Hunt dann aber doch noch eine unvorhergesehene Relevanz: Die Ähnlichkeit zwischen der Idee, reiche Eliten würden sich im Geheimen am Abschlachten sozial Schwächerer erfreuen, und der von einem weltweiten Komplott hinter SARS-CoV-2 (inklusive der Wahnvorstellungen über Mikrochips oder Unfruchtbarkeitsmittel in Impfstoffen) ist unverkennbar. Was anfangs einen problematischen Beigeschmack hat, wird später jedoch durch einen vergleichsweise cleveren Twist entkräftet. Am Ende ist The Hunt ein guter Action-Splatterfilm, der trotz seines politischen Anstrichs aber reichlich unpolitisch ist. Und der es nicht verdient hat, zum Mittelpunkt einer Kontroverse geworden zu sein.

The Hunt (2020)

Im Dunstkreis einer düsteren Internet-Verschwörungstheorie formiert sich eine zur globalen Elite zugehörigen Gruppe erstmals in einem abgelegenen Landhaus, um als sportliche Betätigung Menschen zu jagen. Doch der Plan der Jäger geht nicht auf, denn eine der Gejagten, Crystal, versteht sich besser auf das Spiel. Sie dreht den Spieß um und nimmt sich auf dem Weg zur mysteriösen Frau im Zentrum der Verschwörung einen Killer nach dem Anderen vor.

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