The Euphoria of Being (2019)

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Eine mittlerweile 94-jährige Holocaust-Überlebende und eine 60 Jahre jüngere Tänzerin finden zusammen, um gemeinsam eine Performance einzustudieren, die die Traumata der Vergangenheit auf die Bühne bringt. Die Regisseurin und Choreographin Réka Szabó hat diesen Prozess in einem hinreißenden Film begleitet.

The Euphoria of Being (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Pas de deux gegen das Vergessen

Kann man ein Trauma, das Jahrzehnte zurückliegt und mit dem man sein gesamtes Leben verbracht hat, auch noch im hohen Alter bearbeiten und vielleicht sogar in etwas Produktives umformen? Der Dokumentarfilm „The Euphoria of Being“, der die Online-Ausgabe des DOK.Fest München 2020 eröffnete, geht dieser Frage nach und gibt eine Antwort, die bei aller Vorhersehbarkeit doch erstaunt.

Angeregt durch die im Jahre 2005 erschienene Autobiografie mit dem Titel „Anima rerum (Die Seele der Dinge)“ der 1925 geborenen ungarischen Jüdin Éva Pusztai-Fahidi nimmt die Budapester Choreographin Réka Szabó, die künstlerische Leiterin eines der bedeutendsten Ensembles für zeitgenössischen Tanz ihres Landes ist, Kontakt mit der Holocuast-Überlebenden auf und überzeugt diese davon, deren Lebensgeschichte in Form eines Tanzstückes auf die Bühne zu bringen. Allerdings soll die mittlerweile hochbetagte Dame gemeinsam mit der jungen Tänzerin Emese Cuhorka die Performance bewältigen. Und das erweist sich im kommenden Zeitraum der Proben nicht nur als körperlich herausfordernder Prozess, sondern auch als psychisch schmerzende Reise in die Vergangenheit.

Insgesamt 49 Verwandte von Éva Pusztai-Fahidi fielen dem Rassenwahn und dem Terror der Nationalsozialisten zum Opfer. Sie überlebte als einzige einer Familie, die 1936 zum Katholizismus konvertierte, die Vernichtungslager und kehrte schwer traumatisiert zurück. Doch reden konnte sie im Ungarn der Nachkriegszeit über das Erlebte nicht. Vielmehr schloss sie sich den ungarischen Kommunisten an, lebte in Budapest und vermied jede Erinnerung an die Vergangenheit. Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs begann ihre Erinnerungsarbeit, die durch einen Besuch in Stadtallendorf angestoßen wurde, dem Standort des KZ-Außenlagers Münchmühle, in dem sie überlebte. Und dieser Auslöser brachte sie schließlich dazu, über das Erlebte und Erlittene nicht nur zu sprechen, sondern auch ein Buch zu schreiben.

Obwohl Réka Szabó an der entstehenden Performance einen entscheidenden Anteil hat, überlässt die Tänzerin, Choreographin und Filmemacherin die sprichwörtliche Bühne ganz ihren beiden Protagonistinnen, zwischen denen sich zunehmend ein Band der Freundschaft und des Vertrauens formt, das den Altersunterschied von mehreren Generationen und mehr als 60 Jahren scheinbar mühelos überbrückt. Nur gelegentlich sieht man auch die Filmemacherin selbst in einem Spiegel auftauchen. Hauptsächlich aber beschäftigt sich der Film mit dem Entstehungsprozess und den Gesprächen, in deren Verlauf sich die ganze Tragödie des Lebens von Éva Pusztai-Fahidi offenbart.

Dass die eigentliche Probenarbeit, die sich über einen Zeitraum von drei Monaten erstreckt und die immer wieder in Zwischentiteln zur zeitlichen Orientierung ins Bild gesetzt wird, den narrativen roten Faden bildet, könnte auf den ersten Blick ein wenig eintönig geraten. Doch es gelingt dem Film, auch jenseits der Frage, ob das Projekt gelingen wird, die Spannung und das Interesse an den beiden Protagonistinnen aufrecht zu erhalten. Das liegt vor allem, aber nicht ausschließlich an der geistig überaus regen und erstaunlich beweglichen Éva Pusztai-Fahidi, sondern ebenso an deren Bühnenpartnerin Emese Cuhorka sowie an dem genauen Blick und der großen Sympathie, mit der die Choreographin und Regisseurin dieser beeindruckenden Zeitzeugin Raum lässt.

Réka Szabós Filmdebüt The Euphoria of Being hat schon eine gewaltige Festivalkarriere hingelegt: Nach der Weltpremiere im letzten Jahr beim Festival in Locarno in der Critics’ Week gab es beim Sarajevo Film Festival den Human Rights Award im Dokumentarfilm-Wettbewerb. Seitdem war der Film auf zahlreichen weiteren Festivals zu sehen, unter anderem beim weltgrößten Dokumentarfilmfestival IDFA in Amsterdam.

Seit den Probearbeiten im Jahre 2015 ist die Tanzperformance mit dem Titel Sea Lavender 77 mal aufgeführt worden, in Budapest ebenso wie in Wien und Berlin. The Euphoria of Being ist aber weitaus mehr als ein Film über die Entstehungszeit dieses außergewöhnlichen Tanzprojekts — der Film ist ebenso biographisches Fragment, Beobachtung einer Trauerarbeit und Studie über Kreativität als Form der Traumabewältigung sowie ein Werk über eine Freundschaft über Generationen hinweg und gegen das Vergessen.

The Euphoria of Being (2019)

Éva Fahidi war 18 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Sie überlebte als Einzige. Bewegt von Fahidis Autobiografie „The Soul of Things“ studiert die Regisseurin und Choreographin Réka Szabó mit Fahidi und der Tänzerin Emese Cuhorka eine Tanzperformance ein. Der Film dokumentiert die monatelange Probenarbeit: Schnell entwickelt sich eine intensive Beziehung zwischen den drei Frauen. Fahidi stößt dabei aber nicht nur an ihre physischen Grenzen. Der dialogische Prozess schwemmt schmerzhafte Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Mehr und mehr wird die performative Arbeit zur Auseinandersetzung mit dem Trauma. 

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