Tender (2020)

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Wie flirten Jugendliche, was schnappen Kinder über die Liebe auf? Der Kurzfilm von Isabel Pagliai sieht und hört sich an einem idyllischen See um, an dem junge Leute den Sommer genießen. Dokumentarisches verbindet sich mit einem künstlerischen Konzept, das Bild und Wort oft voneinander trennt.

Tender (2020)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Stimmengewirr in lauer Sommernacht

Einen Dokumentarfilm über die Liebe zu drehen, geht das überhaupt? Die Französin Isabel Pagliai hat Heranwachsende im Aufruhr der Gefühle beobachtet. Drei Protagonist*innen stehen im Zentrum des Geschehens, das sich an verschiedenen Sommertagen und -abenden an einem See in Frankreich abspielt. Der 15-jährige Hugo flirtet heftig mit Chaïnes, was oft wie eine Mischung aus Herumalbern und Kräftemessen anmutet. Am Anfang des Films haben die Zuschauer*innen bereits erfahren, dass diese Beziehung schon zu Ende ist. Hugo erklärt da gerade der elfjährigen Mia, dass eine andere Ex-Freundin ein Kind von ihm erwartet und er in Chaïnes gar nicht verliebt gewesen sei. Dann geht die Handlung einige Monate zurück, springt wieder in die Gegenwart, und bald lässt sich nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob Hugo und Chaïnes ihr Techtelmechtel wieder aufgenommen haben oder es einfach noch in der Luft dieses trägen Sommers hängt.

Der exklusiv beim Streaming-Anbieter Mubi veröffentlichte Film (Startdatum 26. Mai) ist nur 43 Minuten lang. Oft sind es gerade die Kurzfilme, die stilistische Experimente wagen und neue erzählerische Wege einschlagen. Pagliais Film ist dafür ein gutes Beispiel. Mit statischer Kamera nimmt er oft nur den See ins Visier, über den sich die Dunkelheit senkt. Die sprechenden Personen blicken vermutlich auch auf das Wasser, sitzen aber hinter der Kamera. Während ihn Mia befragt, ist wiederum der erzählende Hugo nicht zu sehen, nur sie selbst. 

Die Namen der beiden Turtelnden hinter der Kamera – manchmal sind sie auch davor – muss man sich auch erschließen aus dem Kontext des Gehörten und anhand des Abspanns. Dort ist zu erfahren, dass auch Mias Geschwister mit von der Partie waren. Blonde Kinder sind manchmal im Bild, ein Junge verziert seinen Arm mit Filzstift. Im Alter von acht oder zehn Jahren, was soll man da schon machen an endlosen Abenden? Es wird aufs Wasser gestarrt, in den Himmel. Einmal schwenkt einer einen brennenden Ast am Lagerfeuer wild herum. Was die Kinder hören, sind außer quakenden Fröschen die Dialoge der Jugendlichen aus dem Off, rufende Stimmen, Personen, die sich necken und aufziehen. Es entsteht für das Publikum der Eindruck, selbst am Ufer in der grünen Natur zu sitzen, einem verwunschenen Fleckchen, an dem offenbar reges Treiben herrscht und dennoch die meisten auch wieder mit sich und ihren Gedanken allein sind. 

Hugo und Chaïnes fühlen sich zueinander hingezogen und auch wieder nicht. Er wird nicht klug aus ihr, sie nicht aus ihm. Was sind echte Gefühle, und woher weiß man, ob sie halten? Die sexuell aufgeladene Sprache kreist um Unausgesprochenes. Provokationen, Beschimpfungen, Witze, körperliche Annäherung wechseln in wilder Folge. Die Jugendlichen, die sich auf unbekanntes Terrain wagen, überspielen ihre Unsicherheit mit Kraftsprüchen. Dadurch, dass die Dialoge so oft aus dem Off kommen, ebenso wie Geräusche, die beispielsweise darauf schließen lassen, dass jemand in einer Kiste mit mitgebrachten Sachen kramt, strecken auch die Zuschauer*innen ihre Antennen weit aus. Eine sinnliche Atmosphäre der Unmittelbarkeit entsteht, in der es ständig notwendig wird, sich zu orientieren, Bezüge herzustellen. 

Das große Ganze, das sich da draußen abspielt, entzieht sich einem dennoch, weil es zu gewaltig ist, weit über den Einzelnen und über den Moment hinausweist. Man könnte es das Geheimnis des Lebens nennen. Stilistisch weist der Film Ähnlichkeiten mit Angela Schanelecs Werken auf oder mit dem ebenfalls auf Mubi angebotenen Kurzfilm Ganze Tage zusammen von Luise Donschen. Als eigenwilliges Experiment hat Pagliais Film gerade die richtige Länge, um dieser verwirrenden, aufgeschnappten Eindrücke nicht überdrüssig zu werden. Es geht nicht um Charakterzeichnung und auch nicht um inhaltliche Relevanz des Geschehens. Die Eindrücke schüren lediglich die Neugier und lassen einen teilnehmen am Erlebnis flüchtiger Augenblicke, in denen sich viel Wahrheit offenbart und doch auch so wenig zu bewegen scheint. 

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