Tarnation

Tarnation

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Eine verstörende Form der persönlichen Dokumentation

Die augenscheinliche Idylle einer bürgerlichen kleinen Familie in Texas zerbricht, als die zwölfjährige Renee nach einem Sturz vom Dach mit Elektroschocks behandelt wird und damit für sie und ihre Eltern ein langer Leidensweg beginnt. Renee entwickelt psychische Erkrankungen erheblichen Ausmaßes und ist auch als junge Frau nur selten in der Lage, ihr Leben selbstständig zu meistern. Aus einer flüchtigen Affäre entsteht ihr Sohn Jonathan, einerseits ein großes Glück für die labile allein stehende Mutter, doch andererseits ist sie kaum in der Lage, das Kind angemessen zu versorgen, und so wächst der Junge in unruhigen und erschreckend desolaten Verhältnissen auf. Dennoch entsteht eine rührend innige Verbindung zwischen Mutter und Sohn, die zwar häufig unterbrochen wird, sich aber als unverbrüchlich erweist, und letztlich ist es der erwachsene Jonathan, der die Fürsorge für seine kranke Mutter übernimmt.
Jonathan Caouette ist Anfang dreißig, hat sich nach seiner entsetzlichen Kindheit und Jugend mit seinem Lebensgefährten ein tragendes Zuhause in New York City eingerichtet und arbeitet gelegentlich als Darsteller studentischer Filme, Werbespots und Musikvideos. Doch vor allem die Position hinter der Kamera bedeutet für Caouette eine mächtige Passion, die ihn früh in ihren Bann zieht: Bereits als Kind beginnt der kleine Jonathan, der auf Grund der Krankheiten seiner Mutter überwiegend bei seinen Großeltern und in Heimen aufwächst, seine Umgebung und letztlich sich selbst und sein Leben zu filmen.

„Mit der Kamera konnte ich als Kind das Leben ertragen. Ich benutzte sie wie eine Waffe, ein Schutzschild und um zu erspüren, wie ich mich fühlte. Zu Filmen war eine Art Selbstgespräch“, beschreibt Caouette seinen Drang, sich vom alltäglichen Horror seiner Kindheit abzugrenzen. Der Junge, der Zeuge der Vergewaltigung seiner Mutter wird, versenkt sich in eine Welt von Filmen, ersinnt permanent seine eigenen Versionen von Geschichten und wird im Alter von acht Jahren selbst zum Kameramann, was ihm, wie er rückblickend bemerkt, geradezu ein Überleben in einem permanenten Wahnsinn ermöglicht. So entsteht eine umfangreiche Sammlung haarsträubender Videoaufnahmen, die durch Mitschnitte von Theateraufführungen und spätere Kurzfilme ergänzt wird.

Als er die Möglichkeiten der Schnitt-Software iMovie entdeckt, beginnt Caouette zunächst planlos, frühes Material zu sichten und zusammenzustellen und nutzt Ausschnitte davon für ein Casting bei John Cameron Mitchell (Hedwig & The Angry Inch). Und damit beginnt Tarnation, sich zu manifestieren: Offenbar beeindruckt von den Aufnahmen ermutigt Mitchell ihn, diesen eigenartigen Film fertig zu stellen und zeigt die Rohschnitte auch seinem Regiekollegen Gus Van Sant (My Private Idaho, Elephant, Last Days), der sich ebenfalls begeistern lässt und gemeinsam mit Mitchell als Herstellungsleiter fungiert. Fieberhaft und wie in einem Rausch macht sich Caouette nun an die Arbeit, sein ungewöhnliches Material zusammen zu schneiden.

Doch just in diesen Zeiten wird er unvermittelt mit seiner traumatischen Herkunft konfrontiert, denn seine Mutter Renee erleidet nach einem Suizid-Versuch einen Gehirnschaden, und Caouette kehrt nach Texas zurück, um sich um sie zu kümmern und sie zu sich nach New York zu holen. Nun erweitert sich die entstehende filmische Dokumentation um einen aktuellen Erzählstrang, denn erneut begleitet Caouette sein Leben und die schwierige Beziehung zu seiner Mutter mit der Kamera, so dass das liebevolle Porträt einer vom Schicksal zerfetzten Frau eingebettet in eine verstörende Familiengeschichte entsteht.

Tarnation ist ein aufwühlendes Dokument eines Mannes und seiner Kindheit, ein explosives Kaleidoskop aus Video-Tagebüchern, das Caouette beispielsweise durch Fragmente der Popmusik, mit der er aufwächst, Nachrichten eines Anrufbeantworters und Einblicke in die schwule Subkultur, in der er Rückhalt findet, ergänzt. Ist die Form dieses Zusammenschnitts persönlicher Selbstdarstellung über Jahrzehnte hinweg an sich bereits spektakulär, so berühren dabei vor allem die tragischen Ereignisse in dieser Familie und insbesondere die unerschütterliche Zuneigung zwischen Mutter und Sohn, für den das Filmen offensichtlich auch eine therapeutische Dimension als Strategie zur Bewältigung seiner erschütternden Geschichte angenommen hat.

Der außergewöhnliche Dokumentarfilm mit einem Budget von nicht mehr als 218, 32 US-Dollar wurde 2003 unter der Rubrik experimentelle Filme auf dem Sundance Film Festival gezeigt und 2004 außer Konkurrenz bei den Filmfestspielen in Cannes, wo er beim Publikum einen tiefen Eindruck und auch Respekt vor dem Mut dieses jungen Filmemachers hinterlassen hat, seine derart persönlichen Aufzeichnungen zu offenbaren und zu einer ganz außergewöhnlich authentischen Kunstform zu gestalten. Von Kritikern bereits als Visionär gefeiert ist es Caouette gelungen, mit Tarnation ebenso viel Aufsehen wie Anerkennung zu ernten, und seine Verbundenheit mit der Kamera verspricht, dass diesem sensationellen Debüt noch weitere Werke folgen werden. Der Film wird bei uns in den Kinos mit deutschen Untertiteln zu sehen sein, und es bleibt mit Spannung zu erwarten, inwieweit diese originelle und bewegende Form einer zutiefst persönlichen Dokumentation die Entwicklung dieses Genres beeinflussen wird.

Tarnation

Die augenscheinliche Idylle einer bürgerlichen kleinen Familie in Texas zerbricht, als die zwölfjährige Renee nach einem Sturz vom Dach amit Elektroschocks behandelt wird und damit für sie und ihre Eltern ein langer Leidensweg beginnt.
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Meinungen
Vaya Wieser-Weber · 26.08.2007

Selten hat mich ein Film so berührt, bewegt und in den Bann gezogen. Gerade die Aufnahmen seiner Selbstgespräche als 11jähriges Kind zerriessen mir das Herz -sie zeigen ein hochsensibles und so intelligentes Kind, dessen Leiden unermesslich sein mussten. Faszinierend dabei ist, mit welchem Respekt und welcher Liebe er seine wie die Geschichte seiner Familie zeigt - frei von Vorwürfen und Anklagen - weder gegen Einzelne noch gegen das Leben. Was mich glücklich machte, war die Unfähigkeit Caouette's, nun als Erwachsener Mann nicht mehr so in die Kamera sprechen zu können,wie er es als Kind und Jugendlicher tat. Auch wenn ich seinen weiteren Lebensweg und auch seine weiteren filmischen Werke mit Spannung verfolgen werde, wünsche ich ihm eigentlich, dass er nach diesem Film die Kamera, die ja Ausdruck seiner Autotherapie war, für immer weglegen kann, da er sie nicht mehr benötigt...

verena · 17.04.2007

absolut beeindruckend. ein sehr bewegender film, gerade weil er dokumentarisch ist. man fühlt mit jonathan und wünscht sich, dass er nach dieser kindheit in texas in nyc ein glückliches leben führen kann, ohne dass ihn die vergangenheit einholt…

Age of Aquarius · 06.08.2006

Ein seltsamer Film, der sehr berührt und wichtig ist, ohne dass man ihn gut nennen kann. Manche Sequenzen sind zu anstrengend, weil ein Teil der Geschichte nur mit eingeblendeten Schriftzügen erzählt wird, das hätte man anders lösen können, da der Film sowieso optisch extrem fordernd ist. Und ohne die Hintergrundinformationen aus der Kritik hier hätte man nur die Hälfte richtig verstanden. Trotzdem: Respekt auf der ganzen Linie für Jonathan, so was zu überleben und sich dann mit diesem Dokument der Welt stellen!

Dokufilmer · 14.06.2006

Beeindruckend wie ma mit so wenig Mitteln so einen bewegenden Film machen kann. Ein echter Meilenstein!!!!

Kommentare

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