Tanz der Unschuldigen (2020)

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Die Inquisition fürchtet nichts mehr als weibliche Körper und weibliche Lust. Ihr Anspruch auf die eine Wahrheit aber ist machtlos gegen den Tanz, den die jungen Mädchen in Tanz der Unschuldigen“ mit dem Film gemeinsam tanzen.

Tanz der Unschuldigen (2020)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Nichts ist gefährlicher als eine tanzende Frau

Im stechenden Licht des Tages dringt ein Inquisitor in das baskische Dorfleben einer Gruppe junger Mädchen ein. Sie sollen Hexen sein, im Auftrag des Christentums und im Auftrag des Königs muss ihnen der Prozess gemacht werden. Denn, wie der Inquisitor dem Dorfpriester versichert: Nichts ist gefährlicher als eine tanzende Frau. Und nichts lockt zugleich so sehr. Im Licht der Hexenverfolgung steht die Furcht vor weiblichen Körpern und weiblicher Lust. In ihrem Schatten steht mehr noch die Faszination, die von ihnen ausgeht. Pablo Agüeros Film Tanz der Unschuldigen“ entsteht genau an diesem Schnittpunkt.

Es ist 1609 und die Männer des baskischen Dorfes, in dem Ana (Amaia Aberasturi) und ihre Freundinnen leben, sind zur See gefahren. Die Mädchen verbringen manche Nächte im Wald, um heimlich Apfelwein zu trinken, zu tanzen und um wohldosiert Pilze zu essen, die sie in harmlose Ekstase versetzen. Ein Inquisitor (Alex Brendemühl) kommt mit Soldaten, seinem Schreiber und einem Folterer in das Dorf. Er verkündet seinen Dienst im Namen des Königs: Hexen aufspüren, sie verurteilen und verbrennen. Nur einen Hexensabbat hat er noch nie zu Gesicht bekommen. Genau darin erkennen Ana und ihre Freundinnen die einzige Chance, vielleicht lange genug zu überleben, bis ihre Väter heimkehren. Sie zeigen dem Inquisitor, was er fürchtet und begehrt: tanzende Frauen.

Im harten, strahlenden Licht des Mittags erscheint der Inquisitor. Er wird vom jungen Pfarrer Cristóbal (Asier Oruesagasti) und den Müttern und Großmüttern des Ortes (Jeanne Insausti u.a.) empfangen. Die Mädchen sitzen im Schatten, verrichten träge ihre Arbeit und scherzen übereinander, als sie von den Soldaten verhaftet werden. Sie werden brutal in eine behelfsmäßige Zelle genötigt und der Reihe nach vom Inquisitor verhört. Ihre Arglosigkeit lässt sie noch spaßen, sie verabreden sich, Geschichten von ihrer Verworfenheit zu spinnen, um ihn hinzuhalten. Blutend, zitternd und am ganzen Körper rasiert kehren sie nach der Folter zurück.

Kaum auszuhalten ist die Doppelbödigkeit dieser Folter, die jene zwei Gesichter der Hexenverfolgung von Furcht und Lüsternheit in einer Sequenz verdichtet: Nackt liegt Ana auf einem Tisch festgebunden, während der Folterer auf Anweisung des Inquisitors nach einem Teufelsmal sucht. Während der junge Pfarrer noch versucht, Ana in der gemeinsamen baskischen Sprache Mut zuzusprechen, wird er vom Inquisitor belehrt: Die einzige Möglichkeit, das Mal sicher aufzuspüren, sei zu prüfen, ob die Frau an dieser Stelle Schmerz verspürt. Oft befinde es sich an den verborgensten Stellen, weiß der Folterer zu berichten, unter der Beinbehaarung, im Schambereich, in den Augen. Doch Ana widersteht dem Schmerz, indem sie zu singen beginnt. Die Mädchen aus der Zelle stimmen in das alte Volkslied ein, das von Begehren und warmen Küssen erzählt. Der Inquisitor ist sich sicher: Sie haben die Hexe gefunden.

Es beginnt ein Spiel im dämmrigen Verhörzimmer, in dem Ana sich aus den Fingern saugt, was den Inquisitor sichtlich erregt und ihn nur vorgeblich mit Schrecken erfüllt: Erzählungen vom großen Glied des Luzifer und der überwältigenden Lust, die es bereiten kann, vom Singen und Tanzen im Wald, zu dem sie die anderen Mädchen verhext hat. Der Inquisitor sieht seine Chance gekommen, endlich den entfesselten Hexentanz beobachten zu können. Für die Mädchen ist dieses Spektakel der einzige Ausweg.

Wie dem jungen Priester, der noch ernsthaft denkt, es gehe hier um Glauben und die Rettung der Seele, so zeigt sich auch dem Film hinter der verlogenen Rhetorik der Teufelsbekämpfung das andere, menschliche Gesicht des Inquisitors und seiner Begleiter: Beim Abendessen zeigen die drei Eindringlinge ihre Abscheu für die baskische Region und die Bräuche, für die Menschen auf dem Land, für ihre Lieder und ihr Essen. Die Hexenjagd ist auch eine Bürokratie, die ihre Termine einhalten und ihren politischen Zweck erfüllen muss.

In der Dunkelheit der Zelle dagegen erwächst aus der Freundschaft der Mädchen verzweifelte Solidarität, die den Kampf aufnimmt und sich in der Erfindung ihrer Hexengeschichte formiert. Ihr Tanz stemmt sich gegen die Macht des Inquisitors, der Eindeutigkeit verlangt, wo er die Wirkung von Vielstimmigkeit und Gemeinschaft fürchtet. Er trägt das kalte Licht eines als Wahrheit getarnten Herrschaftsanspruchs vor sich her. Die Mädchen entziehen sich diesem Licht gerade im anderen Schimmer des lodernden Hexenfeuers. Der Film taucht in die Rhythmen des ausgelassenen Tanzes ein. Er bewegt sich vom Tag in die Nacht, vom Licht selbstherrlicher Gewalt in das Leuchten gemeinschaftlicher Widerständigkeit. Ganz wie der Film entkommen die Mädchen vielleicht gerade deswegen der Macht der Inquisition: Gemeinsam lassen sie sich in jene Unsicherheit fallen, die weiß, dass es die eine Wahrheit nicht gibt. Nur eine immer wieder neu ertanzte Wirklichkeit.

Tanz der Unschuldigen (2020)

Baskenland, 1609. Die Männer der Region sind auf See und Amaia nimmt zum ersten Mal an den nächtlichen Tänzen im Wald mit den anderen Dorfmädchen teil. Sie ist erst 20 Jahre alt. Im Morgengrauen werden sie alle verhaftet.

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