Suzanna Andler (2021)

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Eine mondäne Marguerite-Duras-Adaption mit Charlotte Gainsbourg als betrogener Millionärsgattin. Benoît Jacquot weiß ein oder zwei Dinge über geschmackvolles Arthauskino. Die Frage ist nur: Was gibt uns das?

Suzanna Andler (2021)

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Reiche Leute in schönen Häusern

„Ich bin die meistbetrogene Frau an der ganzen französischen Riviera“, sagt Suzanna Andler (Charlotte Gainsbourg). Man kann sich das kaum vorstellen, wie sie so kerzengerade dasteht. In einem perlenbesetzten Minikleid von Saint Laurent, darüber eine Pelzjacke, ein mondäner Kurzhaarschnitt, die Zigarette in den langen, schmalen Fingern.

Benoît Jacquot (Leb wohl, meine Königin!) begann seine Karriere einst als Regieassistent von Marguerite Duras, die auch zu seiner Mentorin wurde. Dass er nun ihr 1968er Bühnenstück verfilmt, darf man also sicher als eine Verbeugung verstehen. Gainsbourg spielt die 40-Jährige, die seit Jahrzehnten von ihrem Ehemann, einem charmanten Millionär, betrogen wird. Nun hat zum ersten Mal auch sie sich einen Liebhaber genommen: einen deutlich jüngeren und deutlich ärmeren Journalisten (Niels Schneider).

Suzanna läuft durch im Halbdunkel gelegene Flure, die Kamera folgt ihr auf Schritt und Tritt. Als der Makler die Fensterläden öffnet, sehen wir sie das erste Mal im Profil, beschienen vom fahlen Licht des Winters. In Südfrankreich besichtigt sie eine Villa direkt am Meer, die sie womöglich für den kommenden Sommer mieten will. Zwei Millionen für den August. „Wenn du darüber nachdenkst, kannst du es dir leisten“, sagt der Liebhaber, bei dem man selten auseinanderhalten kann, ob er es in liebevollem oder genervtem Tonfall sagt. Aber Suzanna ist sich nicht sicher. Sie geht ein paar Schritte auf der Terrasse, kommt wieder herein, schläft auf dem Sofa ein.

Das Problem, dahinter kommt man schnell, ist nicht die Anzahl der Schlafzimmer oder die Farbe der Vorhänge. Es ist ihre Ehe, ihre Affäre, ihr ganzes Leben. Die Handlung von Suzanna Andler umfasst nur etwa einen Tag und spielt sich bis auf ein kurzes Intermezzo am Strand ausschließlich im Wohnzimmer der Villa ab. Den Großteil der Zeit wird geredet: mit dem Liebhaber, mit einem Kindermädchen, einer Freundin am Strand, per Telefon mit dem Ehemann, wieder mit dem Liebhaber. Über die Villa, die Untreue des Mannes, den Beginn ihrer Affäre, wer davon weiß, was die gemeinsamen Freunde dazu sagen. Suzanna Andler ist von vorn bis hinten eine exquisite Angelegenheit: von der geschmackvollen Kleidung über die minimalistische Einrichtung bis hin zum goldenen Licht des Sonnenuntergangs, der sich im Laufe des Abends in den Fensterscheiben bricht. Die Art, wie die Kamera sachte die Figuren umkreist, ganz nah kommt und versucht in ihren Gesichtern zu lesen, wer gerade zur Abwechslung einmal die Wahrheit sagt.

Aber während Suzanna immer wieder nach der Uhrzeit fragt, ertappt man sich irgendwann auch selbst beim Blick auf die Uhr. Vielleicht war ein Stück über eine Frau, die sich fragt, ob sie das gleiche Recht auf eine Affäre hat wie ihr Mann, die offen ihr Unglück ausspricht und ihr Leben infrage stellt, im Jahr 1968 provokativ. Aber mit jeder Minute, die man mit Gainsbourg und Schneider in dieser feudalen Villa an der Côte d’Azur feststeckt, stellt sich drängender die Frage, was Jacquots Version der Suzanna Andler uns eigentlich heute zu geben hat. Man mag es als seinen Vorteil auslegen, dass er so völlig losgelöst von der Welt scheint. Der Film ist in den 1960er-Jahren angesiedelt, aber abgesehen davon, dass Suzanna einmal ein klobiges Schnurtelefon in der Hand hält, kann man ihn sich problemlos auch in der Gegenwart vorstellen. Der völlig abstrakte Reichtum rückt Suzanna dabei in die gleiche Riege wie zum Beispiel die Royals – Figuren irgendwo zwischen Realität und Fantasie, an deren Existenz man als Zuschauer aus der Ferne teilhaben kann ohne sich je zu sehr zu identifizieren, an denen man sich abarbeiten kann, ohne dass es je zu offensichtlich etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat. Vor allem aber lässt diese Entrücktheit Suzanna Andler in einem wenig schmeichelhaften Sinne altmodisch erscheinen: schön, professionell, aber völlig jenseits von allem, das gerade relevant ist.

Suzanna Andler (2021)

In den 1960er Jahren besucht Suzanna Andler eine geräumige Villa an der Riviera und überlegt, ob sie diese für den Sommer anmieten soll. Doch sie hat Zweifel. Und das liegt nicht allein an dem Anwesen selbst, sondern auch an ihrer eigenen Situation, denn sie befindet sich gerade an einem Scheideweg. Nun will sie sich mit ihrem Liebhaber treffen, doch es steht die Frage im Raum, wie lange sie die Lügen noch aufrecht erhalten kann und will. 

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