Stillwater - Gegen jeden Verdacht (2021)

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Lose an den Fall Amanda Knox angelehnt, begibt sich matt Damon als besorgter Vater in Marseille auf die Suche nach dem wahren Täter in dem Mordfall, wegen dem seine Tochter seit fünf Jahren im Gefängnis sitzt.

Stillwater - Gegen jeden Verdacht (2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein Amerikaner in Marseille

Nein, dieser Bill (Matt Damon) ist kein guter Vater – auch wenn das, was er für seine Tochter Allison (Abigail Breslin) unternimmt, auf den ersten Blick so erscheint. Der hart arbeitende Schrank von einem Mann, der sich auf Baustellen verdingt oder auf Bohrinseln, lässt irgendwann im Verlauf der Geschichte seine Heimat in Stillwater, Oklahoma hinter sich und begibt sich nach Marseille – jenem Ort, an dem seine Tochter seit fünf Jahren im Gefängnis sitzt. Sie, die nicht schnell genug wegkommen konnte aus der ländlichen Enge Oklahomas, soll während eines Studienaufenthaltes in Marseille ihre Geliebte Lina im Affekt erstochen haben. Deswegen wurde sie verurteilt, deshalb sitzt sie im Knast und beteuert doch immer wieder ihre Unschuld.

Ihre Anwältin hat den Fall längst zu den Akten gelegt, als Abigail eines Tages ihren Vater bei einem seiner Besuch, die er immer wieder unternimmt, mit neuen Details überrascht: Sie habe gehört, so erfährt er, dass ein junger Mann namens Akim später auf einer Party den Mord gestanden haben soll. Und ihr Vater soll nun die Anwältin davon überzeugen, sich auf die Suche nach dem Tatverdächtigen zu machen. Die allerdings winkt ab und so macht sich Bill selbst auf die Suche, allerdings ohne seiner Tochter die Wahrheit darüber zu sagen, dass offiziell keinerlei Aussicht auf Wiederaufnahme des Verfahrens besteht.

Dies ist nicht der erste Vertrauensbruch, den Bill seiner Tochter im Laufe der Jahre zugefügt hat, so stellt sich in den Gesprächen zwischen Allison und ihrem Vater heraus. Doch als wollte er etwas wiedergutmachen, was der alleinerziehende Vater im Laufe vieler Jahre versäumt hat, verbeißt sich Bill förmlich in den Fall und erhält dabei Hilfe von der Schauspielerin Virginie (Camille Cottin), die er durch einen Zufall kennengelernt hat. Und die scheint auf einen wie ihn nur gewartet zu haben, da sie, so drückt es eine Freundin aus, eine Art Helferinnen-Syndrom hat: „Zuerst Zero Waste, dann die Flüchtlinge und jetzt eben diesen Fall“ – Virginie muss immer auf die eine oder andere Art die Welt retten. Das Team, das Virginie und Bill (und in gewisser Weise auch Virginies kleine Tochter Maya) formen, entdeckt bald erste Spuren und kommt sich auch privat näher. Doch in Marseille laufen die Dinge ein wenig anders als in Stillwater, Oklahoma.

Neben der Thrillerhandlung, die an einigen Stellen gehörig auf der Stelle tritt, ist Stillwater auch ein Film über eine sowohl private wie auch kulturelle Annäherung. Immer wieder nehmen Virginie und ihre Freunde und Freundinnen den schweigsamen Amerikaner auf den Arm, fragen nach den Waffen, die er besitzt (zwei sind es an der Zahl), ob er Trump gewählt habe (nein, weil er zu der Zeit im Knast saß). Wenn Bill in einem üblen Viertel von Marseille aufs Maul bekommt, dann vor allem deshalb, weil er US-Amerikaner ist und Maya muss ihm erst alles Wissenswerte über Fußball (also den echten, nicht dessen amerikanische Abwandlung) beibringen, bevor er in Marseille richtig dazugehört – zumindest für eine gewisse Zeit.

Die private Annäherung, von der Stillwater erzählt, bezieht sich nicht nur auf jene zwischen Tochter und Vater, sondern auch auf die Beziehung Bills zu Virginie und Maya. Fast scheint es so, als wolle er mit seiner Fürsorge für das Kind das aufwiegen, was er bei seinem eigenen Kind versäumt hat. Auch wenn der Film, bei dem unter anderem Thomas Bidegain (Drehbuchautor für Jacques Audiard bei dessen Werken Ein Prophet, Der Geschmack von Rost und Knochen sowie Dheepan, aber auch für Verstehen Sie die Béliers?) am Skript mitwirkte, dies psychologisch nicht ausbuchstabiert, so drängt sich der Eindruck förmlich auf, dass hier einer Buße tut und Abbitte leistet für Versäumnisse in seinem eigenen Leben.

Es sind Zwischentöne wie diese und kleine, liebevolle Detailbeobachtungen, die Stillwater zu einem sehenswerten Film machen, der sich am Ende einer allzu glatten Auflösung und einem Happy End verweigert – auch wenn man es allen Beteiligten allen Ambivalenzen zum Trotz so sehr gewünscht hätte.

Stillwater - Gegen jeden Verdacht (2021)

Ein US-amerikanischer Arbeiter auf einer Ölbohrinsel reist nach Frankreich, um sich dort um seine ihm fremd gewordene Tochter zu kümmern, die wegen eines Mordes angeklagt ist. Sie aber schwört, dass sie mit der Tat nichts zu tun hat. Also macht sich ihr Vater in Marseille auf Spurensuche in der Hoffnung, so seine Tochter zu entlasten. In dieser Zeit lernt er nicht nur eine Französin und deren Tochter kennen, sondern bekommt auch eine Ahnung davon, was seine Aufgabe im Leben sein könnte. 

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