Speer goes to Hollywood (2021)

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Albert Speers monströse wie facettenreiche NS-Karriere faszinierte immer schon Zeithistoriker wie Ewiggestrige: Von „Hitlers Lieblingsarchitekten“ zum NS-Rüstungsminister und verurteilten Kriegsverbrecher bis hin zum millionenschweren Bestsellerautor, dessen Leben sogar Hollywood verfilmen wollte.

Speer goes to Hollywood (2021)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Es war Lüge auf den ersten Blick

Heidelberg, Schloss-Wolfsbrunnenweg 50: Der junge Andrew Birkin, damals ein Protegé Stanley Kubricks und viel später unter anderem Drehbuchautor für Annauds „Der Name der Rose“ und Tykwers „Das Parfüm“, sitzt 1971 einem betont offenen, wahlweise englisch wie französisch parlierenden Senioren im feinen Zwirn und mit formidablen Manieren gegenüber. Dessen Namen kannte damals nicht nur jede(r) in Westdeutschland, sondern im Grunde die ganze Welt kannte: Albert Speer (1905-1981). Profession: oberster NS-Geschichtsklitterer und gleichzeitiger Bestsellerautor, der alleine für seine fabulös-verblendeten „Erinnerungen“ (1969) vorab einen Vorschuss von 100.000 DM kassiert hatte.

Zu dieser Zeit war Hitlers (Ex-?-)Nazi-Posterboy in der weiterhin NS-verseuchten jungen Bundesrepublik längst (wieder) ein gemachter Mann. Sozusagen der Elder Statetsman des mit Pauken und Trompeten untergegangenen Naziregimes, dessen Haupttäter mit Ausnahme von Rudolf Heß und wenigen Freigesprochenen wie Hjalmar Schacht durch die Alliierten Siegermächte in Nürnberg allesamt zum Tod durch den Strick verurteilt worden waren.

Dass auch Hitlers langjähriger Parteidarling, megalomaner Lieblingsarchitekt und ausbeuterischer Reichsrüstungsminister Speer 1946 „nur“ zu einer 20-jährigen Haftstrafe in Berlin-Spandau verdonnert wurde, gilt vielen renommierten Geschichtswissenschaftlern wie Magnus Brechtken („Albert Speer. Eine deutsche Karriere“, Siedler Verlag 2017) bis heute als rechtshistorischer Fauxpas erster Güte, der eine posthume Legendenbildung zusätzlich befeuerte.

Ausgehend von diesem aufsehenerregenden Sachbuch, dem über 40-stündigen Interviewmaterial Birkins sowie einer Vielzahl neuer Quellen beispielsweise zu Himmlers geheimer Posener Holocaust-Rechtfertigungsrede, bei der selbstverständlich auch der angeblich „gute Nazi“ Speer trotz zahlreicher Abstreitungsversuche höchstselbst anwesen war, hat sich die belgisch-israelische Dokumentarfilmregisseurin Vanessa Lapa nach ihrer großartigen filmischen Auseinandersetzung mit dem Reichsführer SS (Der Anständige) nun einem weiteren prominenten NS-Täter gewidmet.

Und gleichzeitig dessen verqueerter Ego-Legendenbildung („Meine Gebäude waren für Jahrhunderte gebaut“) wie Hitler-/Speer-Mystifizierung („Hätte Hitler einen Freund gehabt, so wäre ich es gewesen) endgültig den Garaus gemacht. Dabei serviert Speer zwischen all den  erstaunlichen Horrorgeständnissen („Ich kann nicht sagen, dass ich gegen KZs war“) und ekelhaften Anschmeichelungsversuchen gegenüber seinem britischen Gast selbstverständlich Plumpudding und Sherry, ehe Birkins Fragen nach Schuld, Terror und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wieder einmal eine Nuance zu aufdringlich werden.

Dabei schwebte den Paramount Studios zu dieser Zeit und mit der Unterstützung durch keine geringeren Filmgenies als Carol Reed und Stanley Kubrick tatsächlich ein konkretes Filmprojekt über Alberts Speers schillernde Vita vor, den Andrew Birkin einmal sogar in Bezug auf Speers Visage als „Marlon Brando“ tituliert

Natürlich sollte dieser Film „bloß kein Dokumentarfilm“ (Speer) werden, sondern vielmehr wie ein genialischer Pinselstrich Vincent van Goghs aussehen: Understatement war Speers Sache nie; erst recht nicht im Hinblick auf seine Arbeit als Generalbauinspektor für die neue „Welthauptstadt Germania“ (ab 1937) oder als Reichsrüstungsminister (ab 1942): „Im September 1943 arbeiteten 12 Millionen Menschen für mich“, unterstreicht er voller Stolz die eigene Wirkungsmächtigkeit innerhalb des menschenverachtenden NS-Apparates.

Dass ihm selbst der unfassbare Massenmord in Auschwitz („Ja, natürlich, indirekt wusste ich es“) bekannt war oder dass viele KZ-Häftlinge beispielsweise in Dora-Mittelbau für die Konstruktion von V1-/V2-Rakten ihr Leben ließen, nahm er schlichtweg zur Kenntnis. Oder besser gesagt Malraux zitierend: „Ein Fisch sehe niemals das Äußere des Aquariums“, bis es in der Heidelberger Villa wieder kurzerhand Zeit für einen nächsten Lunch ist. Man sei ja in Deutschland schließlich anständig, gut erzogen und stets höflich gegenüber seinen ausländischen Gästen.

In kleinen, geradezu magischen Gesprächsfetzen wie diesen und in der außerordentlich klugen Montage (Joelle Alexis), die bemerkenswerte Bruchstücke aus Murnaus „Faust“ einbindet, beweist Vanessa Lapa ein weiteres Mal ihre große Dokumentarfilmkunst. Ihre besondere Art des Filmemachens fußt erneut herausragendem Archivmaterial, deckt gleichzeitig auf und eckt an, versteht es aber auch beständig zu unterhalten und jederzeit clevere Assoziationen zu schaffen, die nachhallen.

Wer also verstehen will, warum sich ein kultiviertes Land der Dichter und Denker ab 1933 in eine gigantische Horde mordender Bestien verwandelt konnte, muss sich lediglich mit der Lebenslügengeschichte dieses ach so „vornehmen Nazis“ beschäftigen. Ein Blender war er, ein dreister, korrupter und mörderischer obendrein!

Speer goes to Hollywood (2021)

Paramount Pictures plant 1971 Albert Speers Welt-Bestseller „Erinnerungen“ zu verfilmen, und Speer wirkt selbst am Drehbuch mit. Monatelange Gespräche, die von Drehbuchautor Andrew Birkin aufgezeichnet wurden, zeigen Speers skrupellosen Versuch, seine Vergangenheit mit dem geplanten Film reinzuwaschen.

Die bis dato unveröffentlichten Aufzeichnungen – 40 Stunden im Original – bilden die Tonebene von „Speer Goes to Hollywood“ und werden durch einzigartige Archivaufnahmen auf der Bildebene ergänzt. Regisseurin Vanessa Lapa kämpft sich dabei durch einen breiten Sumpf von Lügen, die seit langer Zeit die Wahrheit über Hitlers „Leibarchitekten“ verdecken. (Quelle: Salzgeber)

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