Sounds and Silence - Unterwegs mit Manfred Eicher (2009)

Sounds and Silence - Unterwegs mit Manfred Eicher (2009)

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Das Leuchten des Klangs

Er hat mehr als 1000 Schallplatten und CDs produziert. Doch die Hektik des Geschäftslebens scheint keine Spuren in seinem Gesicht zu hinterlassen. Manfred Eicher ist der Poet unter den Plattenfirmeninhabern. Die Schweizer Peter Guyer und Norbert Wiedmer haben ihm und seinen Musikern eine meditative Dokumentation gewidmet – einfühlsam und genau, hochmusikalisch und ganz auf die Kraft der Bilder bauend.

„Edition of Comtemporary Music“, kurz „ECM“ heißt das Label, das Manfred Eicher 1969 gründete. Unter den Liebhabern von Künstlern aus dem Grenzbereich zwischen Klassik und Jazz hat ECM einen hervorragenden Klang. Aber auch wer mit dem Kürzel bislang nichts anzufangen wusste, hat die große Chance, in diesem Film Musiker kennenzulernen, die ihn weiter beschäftigen werden. Sounds and Silence stellt Künstler vor, deren musikalische Experimente nicht abschrecken, sondern anlocken. Wer sich unter zeitgenössischer Musik vor allem wilden Free Jazz, schräge Geräuschkulissen oder disharmonische „Neue Musik“ vorstellte, wird eines Besseren belehrt. Manfred Eicher hat nur solche Aufnahmen produziert, die er selbst gerne hören wollte. Kein schlechtes Kriterium für ein Label, das sich ganz einer Musik verschreibt, für die man sich Muße nehmen muss.

Genau diese Zeit fürs intensive Hinhören und –schauen gönnt sich der Film. Er folgt einem Prinzip, das auf den ersten Blick ganz einfach erscheint und im Untertitel benannt wird: „Unterwegs mit Manfred Eicher“. Die Kamera geht also auf Reisen und sieht zu, wie Manfred Eicher seine Musiker besucht: in Konzertsälen oder Aufnahmestudios, in Kirchen oder Flughäfen, auf der Fahrt durch Städte und Landschaften, in Estland und Tunesien, in Argentinien und Griechenland. Das Roadmovie wird so zur Folie für die weltumspannende Sprache der Musik, für einen Dialog der Mentalitäten und Kulturen. Die Dokumentarfilmer brauchen wenig Interviewszenen, um die Geschichte von Eicher und seinen Musiker zu erzählen. Ihnen genügen die Konzert- und Probeaufnahmen, die oft noch nachklingen, wenn sich die Kamera schon wieder auf den Weg gemacht hat.

Den Klang „zum Leuchten“ bringen – so umschreibt Manfred Eicher einmal sein Anliegen. Und fügt hinzu, dass er sich dabei einen Kometen mit Schweif vorstellt, der da plötzlich, in einem wundersam gelungenen Moment kosmischen Zaubers, am Himmel erscheint. Mehr kann und muss man eigentlich nicht sagen über das Anliegen des Produzenten, der sich so sehr in die Musik versenkt, dass er in einer anderen Welt zu schweben scheint. Und der doch im nächsten Moment wieder sehr präsent an den Reglern dreht oder präzise beschreibt, warum an einer bestimmten Stelle der Oberton des Pianos nicht von den Drums verschluckt werden darf.

Es sind die Gesichter, in denen zu lesen steht, was die Musik für diese Komponisten und Instrumentalisten bedeutet. Etwa wenn Arvo Pärt, einer der bedeutendsten Vertreter der modernen Klassik, eine Probe besucht. So entrückt, so mit jeder Faser seines Körpers in die Musik versetzt, hat man selten einen Menschen im Film gesehen. Es sind diese ganz besonderen Momente, die Peter Guyer und Norbert Wiedmer eingefangen haben. Augenblicke, in denen man spürt, dass etwas sehr Intensives passiert, das man mit Worten nicht fassen kann.

So wie die Musik ein stummer Dialog ist, so sind es auch die Großaufnahmen und Schnitte. Mit zu den eindringlichsten Szenen gehören die, wenn zwei Musiker über ihre Instrumente miteinander kommunizieren. Die Cellistin Anja Lechner und der Bandoneonspieler Dino Soluzzi etwa oder Anouar Brahem, Virtuose auf dem Oud, einer Kurzhalslaute aus dem Mittelmeerraum, ebenfalls im Duo mit einem Bandoneonisten. Da ist es wieder, was Manfred Eicher so liebt: das Leuchten des Klangs – und der Augen.
 

Sounds and Silence - Unterwegs mit Manfred Eicher (2009)

Er hat mehr als 1000 Schallplatten und CDs produziert. Doch die Hektik des Geschäftslebens scheint keine Spuren in seinem Gesicht zu hinterlassen. Manfred Eicher ist der Poet unter den Plattenfirmeninhabern. Die Schweizer Peter Guyer und Norbert Wiedmer haben ihm und seinen Musikern eine meditative Dokumentation gewidmet – einfühlsam und genau, hochmusikalisch und ganz auf die Kraft der Bilder bauend.

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