Sieben Mulden und eine Leiche

Sieben Mulden und eine Leiche

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Meine Mutter, der Messie

So enden normalerweise Geschichten oder auch Filme: Ein kurzer Anruf, bei dem einem lakonisch mitgeteilt wird, dass die eigene Mutter gestorben ist. Im Falle von Thomas Haemmerli, einem Schweizer Journalisten, war es der 8. Mai 2004, exakt der Tag seines 40. Geburtstages, an dem ihn diese Nachricht ereilte. Doch bei ihm war dies erst der Ausgangspunkt für einen Film, der sich auf recht eigentümliche Weise mit der Person der Toten auseinander setzt. Die eigentliche Initialzündung für das Projekt ergab sich, als Thomas und sein Bruder Erik zum ersten Mal die Wohnung der Verstorbenen betraten: Zwar hatten die beiden einiges erwartet, doch was sie vorfanden, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen; es war nicht mehr zu leugnen: Ihre Mutter war ein lupenreiner „Messie“ gewesen. Bergeweise stapelten sich Papiere, Unterlagen, Dokumente, Fotografien, die bis in die 1880er Jahre zurückreichten und Filme aus den Dreißigern und Vierzigern des Jahrhunderts, Sammelsurien eines Lebens, das irgendwann einmal aus der Bahn geraten war.
Thomas, der sich als TV-Journalist einen Instinkt antrainiert hat, immer dann hinzuschauen, wenn andere den Blick abwenden, dokumentierte das sich ihm bietende Chaos. Zunächst ohne jede Intention, das gedrehte Material für einen Film zu verwenden. Diese Idee entstand erst mit der Zeit und im Verlauf der Entrümpelungsaktion, die ihn und seinen Bruder einen Monat lang Tag und Nacht beschäftigte. Mehrere Tage war die Mutter vor ihrem Auffinden tot in der Wohnung gelegen und war auf der Fußbodenheizung regelrecht kompostiert, so dass der Leichengeruch noch allgegenwärtig war. Wie er und sein Bruder es in dieser bedrückenden Atmosphäre schafften, dem Chaos Herr zu werden und wie sich mit der Beseitigung des angesammelten Mülls Stück um Stück die Fragmente einer Biographie enthüllten, die ebenso faszinierend wie bedrückend ist, davon handelt dieser Film, den sein Regisseur einen „Schockumentarfilm“ nennt. Sieben Mulden (gemeint sind Bauschutt-Container) werden die beiden Haemmerlis benötigen, um all die Hinterlassenschaften der Mutter zu entsorgen.

Im Laufe ihrer Aufräumarbeiten entdecken sie nicht nur allerhand Unterlagen und Getier, das in menschlichen Behausungen eigentlich nichts zu suchen hat, sondern sie kommen auch der eigenen Familiengeschichte auf die Spur: Einstmals war die Familie der Haemmerlis reich gewesen und hatte „ein fesches Leben“ geführt: Glamouröse Partys und eine Hochzeitsfeier, auf der unter anderem der junge Kofi Annan (von der Großmutter nur „der Näger“ genannt) zu Gast war, ausgedehnte Reisen, verwickelte Familienverhältnisse, wechselnde Liebschaften und schließlich die Scheidung, der ein 30 Jahre währender Rechtsstreit folgte. Der Vater, ein vermögender Anwalt aus der Bahnhofsstrasse, hinterließ seinen Söhnen einen immensen Schuldenberg von 62 Mio. Franken und eine ganze Reihe von anhängigen Prozessen.

Und auch das Erbe der Mutter hatte es in sich, wie sich beim Betreten der Wohnung herausstellen sollte. Sammeltendenzen gab es schon immer, so erinnert sich Thomas Haemmerli, doch irgendwann wurden sie zur Manie. Vielleicht war es der Wunsch, all das erlittene zu kompensieren, das marode gewordene Leben festzuhalten und die Fassade der Gut- bis Großbürgerlichkeit um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Die beiden Söhne, allen voran Thomas, nabelten sich schnell ab, und auch die Mutter tat das Ihre dazu, den Kontakt nicht allzu eng werden zu lassen. Als die Wohnung zusehends zur Müllhalde wurde, erfand sie immer wieder neue Ausreden, um ja keine Besucher in ihre Wohnung mehr zu lassen – ein für „Messies“ typisches Verhalten.

Selten hat eine Dokumentation so gespalten wie diese. In der Schweiz bereits heftig diskutiert, wird der Film auch hierzulande bei den Zuschauern einiges an Diskussionsbedarf und Fragen aufwerfen: Spiegelt Thomas Haemmerlis Sicht auf die Dinge und auf seine verstorbene Mutter nicht eine hemmungslose materialistische Einstellung wieder, in der Gegenstände und Menschen allein nach ihrem „Wert“ taxiert und dementsprechend aufgehoben oder weggeworfen werden? Ist der Film eine schonungslos ehrliche und sehr offene Annäherung an das Phänomen „Messie“, das in unserer Gesellschaft immer noch viel zu wenig wahrgenommen wird? Oder beutet Haemmerli hier die bizarre Lebensführung seiner Mutter aus, um sich ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu sichern? Kann man, darf man das Leben und den Tod der eigenen Mutter auf diese Weise begleiten – mit viel Sarkasmus, Galgenhumor und auch Spott? Letzten Endes kann diese Frage nur jeder für sich selbst beantworten, muss den Film an seinen eigenen moralischen Wertvorstellungen und Erfahrungen messen.

Das wirklich Interessante an diesem Film neben all dem gezeigten Chaos muss man sich sowieso selbst erschließen: Es sind die Verletzungen sowohl der Mutter als auch der beiden Söhne, die sich Zeit ihres Lebens vielleicht nicht so nahe waren wie in diesem Dokument, das schonungslos all das auf den Tisch bringt, was innerhalb eines Familienlebens schief gehen kann.

Sieben Mulden und eine Leiche

So enden normalerweise Geschichten oder auch Filme: Ein kurzer Anruf, bei dem einem lakonisch mitgeteilt wird, dass die eigene Mutter gestorben ist.
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Meinungen
Veronica · 04.05.2010

Dieser Film ist einzigartig, super zusammengeschnitten, total interessant und wie die beiden das ganze mit ihrem Galgenhumor unterstreichen ist einfach nicht zu toppen.
An manchen Stellen müsste man eigentlich weinen wenn einem das Staunen nicht davon abhalten würde.
Auf jeden Fall habe ich direkt nach dem Film angefangen die Schulbladen auszumisten.

Kommentare

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