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„Sick of Myself“ ist die zynische Abrechnung mit der von sich selbst besessenen Gesellschaft. Der Film führt groteske Komödienelemente mit dezentem Körperhorror zusammen und wirkt dabei dennoch konstant wie ein homogenes Ganzes, dessen Bösartigkeit paradoxerweise sogar ein bisschen Freude bereitet.

Sick of Myself (2022)

Eine Filmkritik von Moritz Henze-Jurisch

Aufmerksamkeit als Währung

Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung des 21. Jahrhunderts. So postuliert es Georg Franck, seines Zeichens eigentlich Professor an der Universität Wien für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung und somit nicht offensichtlich mit der Medienwissenschaft verbunden, der gar von einer “Ökonomie der Aufmerksamkeit” spricht. Anders als Geld ist die maximal mögliche Aufmerksamkeit eines Menschen allerdings begrenzt, immerhin hat jeder Tag nur 24 Stunden, wodurch sie theoretisch ein noch viel wertvolles Gut als Geld ist. Der schwedische Regisseur Kristoffer Borgli hat sich für sein Langfilmdebüt „Sick of Myself“ dieser These angenommen und einen grotesken filmischen Kommentar abgeliefert, der sich irgendwo zwischen bösartiger Gesellschaftkomödie und ekelhaftem Bodyhorror bewegt. 

Signe (Kujath Thorp) ist in letzter Zeit nicht besonders zufrieden. Seitdem ihr Freund Thomas (Eirik Sæther) mit seiner ungewöhnlichen Ausstellung zeitgenössischer Kunst durchaus einige Erfolge erzielen konnte, interessieren sich anscheinend alle nur noch für ihn und niemand mehr für sie. Um wieder konstant im Mittelpunkt jeglicher sozialen Interaktion stehen zu können, greift Signe zu immer drastischeren und auch zunehmend selbstzerstörerischen Maßnahmen.

Wenn man möchte, kann man in Sick of Myself durchaus gewisse Parallelen zu Joachim Triers Der schlimmste Mensch der Welt sehen. Beide Filme stammen aus Schweden und beschäftigen sich mit Narzissmus beziehungsweise narzisstischen Menschen in einer oberflächlich doch eigentlich „heilen“ Welt. Wo Joachim Trier sich jedoch um psychologische Tiefe bemüht, kommt Kristoffer Borgli um einiges bösartiger und zynischer daher. Der Status quo, eine Welt in der nahezu jeder nur noch an seinen eigenen Profit (nicht ausschließlich monetär) denkt, wird unkommentiert so hingenommen. Passenderweise wird auch Hauptfigur Signe nicht psychologisiert, sondern ihr Verhalten als Reaktion auf ihre Umwelt wahrgenommen. Sympathisch macht sie ihr zutiefst egoistisches Verhalten vordergründig nicht. Trotzdem entwickelt sich im Laufe des Films eine gewisse Bindung zu ihr. Auch wenn ihre Motive schwer nachvollziehbar sind, agiert Signe mit einer unverschämten Selbstverständlichkeit, als ob sie eine kosmische Ungerechtigkeit in Ordnung bringen möchte. Kujath Thorps Darstellung schafft es dabei, diese ignorante Haltung immer noch mit dem notwendigen Maß Menschlichkeit zu koppeln, wodurch die Figur niemals zur Karikatur wird. 

Um sämtliche Aufmerksamkeit ihrer Umwelt vollends für sich zu vereinnahmen, begibt sich Signe bevorzugt in die Rolle des mutmaßlichen Opfers. Sowohl auf der psychischen als auch auf der physischen Ebene agiert sie völlig hemmungslos und schmerzbefreit. Dabei werden vor allem stark mit Fremdscham geplagte Zuschauer*innen den Film schon als blanken Horror erleben, bevor dieser sich dann auch tatsächlich langsam Richtung Körperhorror entwickelt und diverse Ekeleffekte präsentiert. 

Dieser dezente Genrewechsel kehrt symbolisch überhöht nicht nur das Innere seiner Protagonistin nach außen, sondern auch das einer gesamten Gesellschaft. Besonders subtil ist diese Art der Inszenierung nicht, sie ergänzt sich aber hervorragend mit dem außergewöhnlichen Humor des Films. Hier zeigt sich auch eine seiner größten Stärken: Trotz der überzeichneten Situation driftet Sick of Myself niemals ins zu Absurde oder gar Klamaukige ab. Durch diese Ernsthaftigkeit gelingt es dem Film durch seinen zynischen Witz immer wieder, die Zuschauenden gezielt zu irritieren, und lädt zudem dazu ein, das Gezeigte und dessen Symbolik zu reflektieren und einzuordnen. Trotz all dieser Gegensätze ist Sick of Myself ein hervorragend ausbalancierter Film.

Sick of Myself (2022)

Signe und Thomas sind ein attraktives Paar, tatsächlich aber verbunden in innigem Narzissmus und erbitterter Konkurrenz, wer von den beiden der noch schlimmere Mensch ist. Als Thomas mit seiner bizarren Kunst tatsächlich von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, legt Signe nach mit einem Akt der Selbstzerstörung, auf den Extrempunker GG Allin stolz sein würde.  (Quelle: Fantasy Filmfest 2022)

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