Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (2021)

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Der 25. Film des Marvel Cinematic Universe führt in eine asiatische Fantasiewelt, in der sich ein junger Mann seiner Vergangenheit stellen muss. Ein frisches Setting, ein familiäres Drama, aber auch ein paar abgenutzte Superheld*innen-Elemente treffen in dieser Comicadaption aufeinander.

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (2021)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Trauma mit zerstörerischer Kraft

Nach dem Ende der weltweiten Corona-Lockdowns stauen sich in den Kinos mittlerweile die Filme. Erkennbar ist dies auch am Beispiel des Marvel Cinematic Universe. Anfang Juli 2021 ging der Blockbuster „Black Widow“ an den Start. Rund zwei Monate später folgt nun „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“, der 25. Beitrag des Leinwandgroßprojektes. Und bis Ende 2021 erblicken außerdem noch „Eternals“ und „Spider-Man: No Way Home“ das Licht der Welt. Eine derartige Ballung kennt man aus dem Marvel-Kosmos bislang nicht. Für 2022 sieht es allerdings ähnlich aus. Fans der fortlaufenden Superheld*innen-Reihe dürfen sich auch im nächsten Jahr auf vier neue Titel freuen, sofern es nicht wieder zu flächendeckenden Schließungen kommt.

Der Fantasy-Actionstreifen Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings ist schon deshalb interessant, weil er das Marvel-Universum um ein unbekanntes, frisches Setting erweitert und die Riege der Weltenretter*innen ein bisschen diverser macht. Vorwürfe des Whitewashings mussten sich die Franchise-Lenker*innen rund um Kevin Feige vor allem für die Besetzung Tilda Swintons in Doctor Strange gefallen lassen, da hier eine in den Comicvorlagen eindeutig asiatische Figur in eine weiße umgewandelt wurde. Mit Shang-Chi (Simu Liu) betritt endlich der erste fernöstliche Superheld die Bühne und darf sich in einem Film beweisen, der manchmal die befreiende Kraft von Black Panther besitzt – jenes Abenteuers, das eine schwarze Perspektive in das Marvel-Universum einbrachte.

Parallelen gibt es auch zu Natasha Romanoffs Solokapitel Black Widow, in dem sich die von Scarlett Johansson verkörperte Protagonistin mit ihrer traumatischen Vergangenheit als gehirngewaschenes Mitglied einer Einheit von Killerinnen stellen muss und zwischenmenschliche Beziehungen eine größere Rolle spielen. Triebfeder des Plots von Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings ist ein familiäres Drama, das zwar nicht in seiner ganzen Tiefe erforscht wird, jedoch für eine im Blockbuster-Kino nicht unbedingt übliche emotionale Grundierung sorgt.

In San Francisco führt Shang-Chi unter dem Namen Shaun ein ruhiges, unauffälliges Leben als Hoteldiener, das von einem Moment auf den anderen allerdings auf den Kopf gestellt wird. Seine beste Freundin und Kollegin Katy (Awkwafina) staunt Bauklötze, als in einem Bus mehrere Angreifer über den jungen Mann herfallen und ihr Kumpel plötzlich bemerkenswerte Kampffertigkeiten an den Tag legt. Wie sie kurz darauf erfährt, ist Shang-Chi der Sohn des mächtigen Wenwu (Tony Leung), der eine geheime, in ihrem Wirken leider arg diffus bleibende Terrororganisation leitet und mithilfe zehn magischer Ringe in den letzten 1000 Jahren viel Unheil angerichtet hat. Seinen Filius bildete er zu einem Killer aus und bemühte sich, ihn auf seine spätere Rolle als Anführer vorzubereiten. Shang-Chi aber ergriff irgendwann die Flucht und entzog sich so den Plänen seines Seniors. Gemeinsam mit Katy begibt sich der Titelheld schließlich nach Macau, wo er seine Schwester Xialing (Meng’er Zhang) aufsucht. Das Wiedersehen endet jedoch in einer halsbrecherischen Flucht vor den Handlangern Wenwus, der um jeden Preis ein ganz persönliches Ziel verfolgt.

Shang-Chi ist ein Protagonist, der seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat, nun aber nicht mehr davonrennen kann und seinem Schicksal ins Auge blicken muss. Diese klassische Entwicklung zeichnet der Film zufriedenstellend nach. Spannender als der junge Mann im Zentrum ist allerdings die Vaterfigur, die zwischen blinder Zerstörungswut, Machtgier, Gebrochenheit und Verzweiflung schwankt. Wenwu zählt nicht zu den typischen Ich-will-die-Welt-erobern-Bösewichten, denen man schon (zu) oft in der Marvel-Reihe begegnen musste, sondern wird in seinem Handeln angetrieben vom Verlust seiner Frau Jiang Li (Fala Chen). Dank ihr kam der einst gefürchtete Eroberer etwas zur Ruhe und gründete eine Familie. Dass ausgerechnet er ihren gewaltsamen, durch seine „Geschäfte“ bedingten Tod nicht verhindern konnte, belastet ihn schwer und lässt ihn auf eine destruktive Mission aufbrechen.

Weil die in Rückblenden offenbarte Ermordung Jiang Lis den Kern der Geschichte bildet, entführt uns Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings in ihren Heimatort, der in einer anderen Dimension liegt. Besonders hier erstrahlt der Film in einer saftigen Farbenpracht und legt ein Panorama kleiner fantastischer Details offen. Auf der Reise in dieses Refugium kann sich neben einem witzigen Überraschungs-Sidekick, den man aus der Marvel-Saga bereits kennen kann (mehr wird nicht verraten!), auch Katy hervortun, die in gewisser Weise als Sprachrohr des Publikums fungiert. Mehr als einmal wundert sie sich darüber, in was für ein Abenteuer sie da hineingeraten ist. Awkwafina versieht ihre Rolle mit erfrischend rauem Charme und zeigt, dass sie ganz genau weiß, wie man kleine komische Einschübe timen muss. Deutlich weniger Profilierungsmöglichkeiten hält das Drehbuch für Meng‘er Zhang bereit. Shang-Chis Schwester verharrt zumeist in der zweiten Reihe und ist daher nie richtig greifbar. Eine kurze Szene nach Ablauf des Abspanns legt jedoch nahe, dass sie sich in Zukunft etwas mehr in den Vordergrund begeben darf.

Die für einen Marvel-Film unabdingbaren Actionsequenzen arrangiert Regisseur Destin Daniel Cretton, der zuletzt das Justizdrama Just Mercy inszenierte, mit einer beachtlichen Souveränität. Haften bleiben nicht nur der packend orchestrierte Kampf in einem fahrenden Bus. Auch die handfesten Konfrontationen auf einem Bambusgerüst lassen den Puls in die Höhe schnellen. Wie in manch anderen Titeln der Reihe schwächelt allerdings der große Showdown, der uns eigentlich komplett in das Geschehen hinziehen und überwältigen soll. Das an einen Godzilla-Beitrag erinnernde Monsterspektakel, das Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings hier ins Rollen bringt, bewirkt genau das Gegenteil. Die Figuren werden zu Spielbällen in einer größtenteils am Computer erzeugten, stellenweise enttäuschend künstlich anmutenden Auseinandersetzung, die vor einem eintönig dunklen Hintergrund stattfindet. Sich dem Leinwandtreiben völlig hinzugeben, will am Ende nicht recht gelingen.

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (2021)

Als Shang-Chi ins Netz der mysteriösen Terrororganisation Ten Rings gerät, muss er sich seiner eigenen Vergangenheit stellen, von der er dachte, sie hinter sich gelassen zu haben.

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