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In einer kleinen Dorfgemeinschaft in der Oberpfalz verweben sich Familiengeschichten mit den Verbrechen der deutschen Geschichte. „Schweigend steht der Wald“ mutet sich in diesen erzählerischen Bögen ganz schön viel zu.

Schweigend steht der Wald (2022)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Über die Geschichte schweigen, um einen Märchenwald zu bauen

Die Vergangenheit einer kleinen Dorfgemeinschaft tief in einem Wald in der Oberpfalz ist finster. Und sie ist, natürlich, auch mit den Verbrechen der deutschen NS-Geschichte verwoben. Saralisa Volm inszeniert in ihrem Regiedebüt „Schweigend steht der Wald“ die dichte Atmosphäre eines lauernden, atmenden Waldes und erzählt von der Aufdeckungsarbeit einer jungen Frau, die dem erdrückenden Schweigen der Eltern und Großeltern ihre Suche nach Wahrheit entgegensetzt. Dabei kann der Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Wolfram Fleischhauer basiert, seine Stärken nicht immer ausspielen.

Es ist 1999, Anja Grimm (Henriette Confurius) macht ein Praktikum beim Forstamt und nimmt Bodenproben in einem kleinen Waldstück. Sie war schon einmal hier, in den späten 1970ern als kleines Mädchen im Urlaub mit ihrem Vater, der bei einem Waldspaziergang spurlos verschwand. Als sie eine Anomalie im Erdboden entdeckt, die auf eine ungewöhnlich tiefe Grabung schließen lässt, beginnt sich die wohlgehütete Geschichte des Dorfes zu entfalten. Warum erschlägt Xaver (Christoph Jungmann), der sowieso aufgrund seiner Behinderung vom Dorf ausgestoßen ist, plötzlich seine eigene Mutter und bedroht Anja im Wald? Was hat der ehemalige Dorfpolizist Gustav Dallmann (August Zirner) zu verbergen? Warum hilft ihm sein Sohn Konrad (Robert Stadlober), der den Fußstapfen des Vaters als Polizist gefolgt ist, obwohl er es besser wissen müsste? Und warum beginnt auch Rupert (Noah Saavedra), den Anja noch als Kind aus dem damaligen Urlaub kennt, sich plötzlich abweisend zu verhalten?

Die Antworten finden sich in den eigenartigen Bodenproben und in den Vertuschungen, die bei den Ermittlungen zum Verschwinden von Anjas Vater nun zutage treten. Schon zu Beginn des Films scheint der ganze Ort sich erst Schicht für Schicht aus den übergroßen Makro-Aufnahmen von saftig-schmatzender Erde hervorschälen zu müssen. Schnell wird Anja auf eine seltsame Anordnung aufmerksam: Die Anomalie ist rechteckig auf einer Fläche von ein paar Quadratmetern, und es führen Pflanzen zu der seltsamen Lichtung, die für die Gegend untypisch sind, weil sie sonst nur in Sumpfgebieten auftauchen – oder in alten Schienenspuren wachsen.

Langsam nähert sich Schweigend steht der Wald damit einer Enthüllung: Es geht um Massengräber, angelegt für die Ermordeten eines Todesmarsches aus dem benachbarten Konzentrationslager Flossenbürg im Frühjahr 1945. Alle im Dorf wissen davon, alle verschweigen es, um endlich Ruhe von der Vergangenheit zu haben. Auch Rupert hat Pläne für einen Märchenwald mit Wipfelpfad, der ihm endlich ein wenig Freiheit verspricht vom Gefühl, in der Eintönigkeit des gottverlassenen Dorfes steckengeblieben zu sein. Diese Pläne würden zugrunde gehen, wenn die Verbrechen ans Licht kämen. Wie schon die Großeltern, dann die Eltern, nun die Kinder: Wirtschaftlicher Aufschwung geht nur mit einem großen Schweigen.

Dass der Film sich mit dieser Wendung so viel Zeit lässt, nimmt ihr jedoch den nötigen Raum und lässt stellenweise einen bloß narrativen Effekt entstehen, wo sonst eine so überzeugende und vielsagende Bildsprache für sich steht. Die Einführung in die Verstrickungen der Familien im Dorf und Anjas unausweichliches Eintauchen in eine viel zu lange vergrabene Vergangenheit werden begleitet von den dräuenden Bildern des Waldes. In ihren verzerrten, verfremdeten Perspektiven erzählen sie viel mehr über den Ort und seine Verbrechen, als es der allzu wörtliche Kommentar der Figuren schaffen könnte. Diese bleiben insgesamt hinter der stärksten Figur des Films zurück: dem eigenwilligen, undurchdringlichen und rätselhaften Wald. Der Vater-Sohn-Konflikt von Gustav und Konrad Dallmann wird erwähnt, aber nie ausgespielt, er bleibt ohne Konsequenz, selbst noch im offenen Ende des Films. Die Spannung zwischen Anja und Rupert kippt unvermittelt, ohne dass die beiden genug Zeit gehabt hätten eine Beziehung zu entfalten, die dieses Umschlagen wirklich spürbar machen würde. Das Verhältnis von Volksmärchen und deutscher Geschichte könnte spannende Bögen herstellen, es bleibt aber bei lediglich vagen Andeutungen.

Viel Energie verwendet Schweigend steht der Wald auf das Rätseln um die Antworten, die gleichzeitig sehr früh offenliegen. Auf der anderen Seite fehlt es an Kontur: Anja verschwindet hinter einer funktionalen Rolle, um die Geschichten der Väter und Söhne des Dorfes zu erzählen. Dieses Dorf selbst bleibt dabei farblos, es entwickelt sich kein Gefühl für jene Gemeinschaft, die so bedingungslos ihr Schweigen verteidigt. Schweigend steht der Wald beginnt überzeugend mit der herausragenden Inszenierung eines Waldes als Ort voller Geheimnisse, die dabei viel mehr verraten als die schwere Beladung mit einem Bilder- und Symbolfundus, den der Film schließlich nicht mehr stemmen kann.

Schweigend steht der Wald (2022)

Ausgerechnet im Oberpflälzer Wald absolviert Anja ihr Forstpraktikum. Hier verschwand ihr Vater vor 20 Jahren auf ungeklärte Weise. Nach einer bedrohlichen Begegnung mit dem geistig zurückgebliebenen Xaver, der kurz darauf seine bettlägerige Mutter erschlägt, vermutet Anja, er könnte vielleicht auch ihren Vater ermordet haben. Spuren von Grabungen im Waldboden, auf die sie während ihrer Kartierungsarbeiten stößt, bestärken sie in ihrem Verdacht. Rupert, den Anja noch aus Kindertagen kennt, verliebt sich zwar in sie, doch ihre Fähigkeit, den Wald zu lesen, betrachtet er argwöhnisch und hat genau wie die Alten im Dorf kein Interesse an weiteren Nachforschungen. Zu riskant ist der drohende Imageschaden für die Region. Dann wird die skelettierte Leiche von Anjas Vater gefunden. Tatsächlich deutet alles auf Xaver als Täter hin, erst recht, als er kurz darauf Selbstmord begeht. Skeptisch gegenüber der wundersam schnellen Aufklärung des Falls wird Anja den Eindruck nicht los, auf ein Geheimnis gestoßen zu sein.

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