Sabah

Sabah

Eine Filmkritik von Verena Kolb

Eine nahezu klassische Liebesgeschichte in Zeiten der Islamophobie

Sabah ist eine klassische Liebesgeschichte: Mann und Frau begegnen und verlieben sich ineinander, können diese Liebe jedoch nicht leben, ohne sich gleichzeitig gegen Familie und Kultur zu wenden. In Ruba Naddas Film ist es Sabah, die zwischen Liebe und familiären Werten steht. Sabahs Familie hat sich zwar in Kanada niedergelassen, praktiziert jedoch traditionellen muslimischen Glauben. Stephen dagegen ist kein Moslem – und so scheint ein gemeinsames Leben unmöglich zu sein. —
Die 40-jährige Sabah (Arsinée Khanjian) ist unverheiratet, nicht berufstätig, jedoch fest in den Alltag ihrer Familie eingebunden. Während der ältere Bruder nach dem Tod des Vaters die Familie organisiert und verwaltet, kümmert sie sich um die kranke Mutter. Wirklich frei ist sie aber offensichtlich nur, wenn sie zwischen dem Einkauf und dem Gang zur Apotheke heimlich ins öffentliche Hallenbad huscht, um ein paar Bahnen zu schwimmen. Bruder Majid (Jeff Seymour) lenkt nämlich nicht nur die familiären Finanzen, sondern vor allem auch die sozialen Verhältnisse innerhalb der Familie. Wie alle anderen Frauen in der Familie muss Sabah stets Rechenschaft darüber ablegen, wo und wie sie ihren Nachmittag verbracht und was sie eingekauft hat. Als Sabah einmal länger als angekündigt außer Haus weilt, legt ihr Majid am Abend ein Mobiltelefon ins Zimmer, welches sie fortan immer bei sich tragen soll, um jederzeit erreichbar zu sein. Darüber hinaus sorgt das Familienoberhaupt dafür, dass die muslimische Tradition aufrecht erhalten und gepflegt wird. Dabei geht er soweit, dass er für seine 18-jährige Nichte Souhaire (Fadia Nadda) den Ehemann erwählt und sie aus der Familie ausschließt, als sie sich weigert, Mustafa (David Alpay) zu heiraten.

Im Schwimmbad begegnet Sabah eines Tages und dann immer Stephen (Shawn Doyle). Die beiden verabreden sich, und Schritt für Schritt bahnt sich zwischen den beiden eine Liebesgeschichte an, die nicht unschuldiger und schöner auf der Leinwand hätte gezeigt und nicht schöner hätte erzählt werden können. Sabah ist schüchtern und gehemmt, zeigt sich von Anfang neugierig, aber auch äußerst vorsichtig, fast skeptisch: Mit viel Wärme und Tiefe spielt Arsinée Khanjian die muslimische Kanadierin, die dabei ist, ihr Herz zu verlieren, und gleichzeitig hinter jeder Straßenecke ihren älteren Bruder fürchtet, der mit Stephen nicht nur nicht einverstanden wäre, sondern Sabah – wie die heiratsunwillige Nichte – aus dem Familienkreis verbannen würde. Denn für den traditionsbewussten Majid gilt: „Eine arabische Frau verliebt sich nicht“ – und schon gar nicht in einen Nicht-Moslem. Stephen, ein großer, gutaussehender und vor allem liebevoller und liebenswerter Mann, wäre wohl der Traum einer jeden Schwiegermutter – aber er hat nicht dieselben Wurzeln, gehört nicht derselben Religion an und kann somit nicht als Schwiegersohn in Betracht gezogen werden. Auf lange Sicht bleibt für Sabah nur die Entscheidung zwischen ihrer Familie und Stephen, der immer ungeduldiger wird – eine Entscheidung, die sie immer wieder von sich schiebt, dabei jedoch zusehends in immer größere Bedrängnis gerät.

Ruba Nadda zeigt die Kollision von Liebe und Kultur, den Konflikt zwischen persönlicher Freiheit einerseits und dem Wunsch der Zugehörigkeit zur Familie und Kulturgemeinschaft andererseits, auf eine leichte und humorvolle Art. Für erlösende Lacher sorgen vor allem die Aktionen von Souhaire, dargestellt von Naddas jüngerer Schwester Fadia: Auf direkte und provozierende Weise stellt sie sich den Erwartungen und Anweisungen ihres Onkels Majid. Sie ist diejenige, die sich ohne Tschador nach draußen traut und die Diskotheken der Stadt erforscht. Und als Majid eine erste Begegnung mit Wunschbräutigam Mustafa arrangiert, tritt sie – im Wissen, dass dieser sich eine moderne, selbstbewusste und sich selbst verwirklichende Frau an seiner Seite wünscht – in einem schwarzen Galabiyah auf, das sie fast vollständig verschleiert und versteckt, und spielt eine glaubensstarke und unterwürfige Braut, die ihren Tag nach Gebetsritualen einteilt und dem zukünftigen Ehegatten ihr Leben opfern will. Dabei geht es in der Familie sonst ganz anders zu: Feste werden mit Musik und Tanz fröhlich gefeiert, die Frauen legen im Haus das Kopftuch ab, und zu runden Geburtstagen gibt’s auch schon einmal Geschenke. Damit ist der Film auch ein faszinierender Einblick in die kleine arabische Kultur Torontos. Tiefe Gefühle, Ängste und Menschen, die ihre Situation mal mit Humor nehmen, mal im kulturellen Konflikt fast verzweifeln, sind die Protagonisten in Sabah. Und es tut immer wieder gut, im Film Muslime nicht nur als Terroristen, sondern als Menschen kennen zu lernen.

Sabah

Sabah ist eine klassische Liebesgeschichte: Mann und Frau begegnen und verlieben sich ineinander, können diese Liebe jedoch nicht leben, ohne sich gleichzeitig gegen Familie und Kultur zu wenden.
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Meinungen
MONIKA · 02.09.2006

Sehr sehenswert!
Liebe einmal anders!
Zum teil sehr lustig, aber auch etwas zum Nachdenken.
Unbedingt anschauen. Ein Frauenfilm, nicht nur für Frauen!!!

Kommentare

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