Rémi - Sein größtes Abenteuer (2018)

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Antoine Blossier hat Hector Malots Roman Sans famille verfilmt. Der Film ist bei Weitem nicht die erste Adaption, aber vielleicht die prachtvollste.

Rémi - Sein größtes Abenteuer (2018)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ein Findelkind kehrt heim

Kurz vor Weihnachten 2018 kam in Frankreich ein Film in die Kinos, der wie ein Wintermärchen anmutet. Zwar verteilt sich die Handlung über den Zeitraum eines ganzen Jahres, das große Finale ereignet sich jedoch im Schnee und passt damit perfekt zum Start in Deutschland, wo diese Romanadaption mit reichlich Verspätung nun ebenfalls zum Auftakt der kalten Jahreszeit in die Kinos kommt.

Wie jede gute Geschichte beginnt auch diese am Feuer eines Kamins. Dort sitzt der in die Jahre gekommene Rémi (Jacques Perrin) und erzählt im Kreise „seiner“ Kinder aus seinem Leben. Draußen stürmt und blitzt es, drinnen beruhigt die Stimmen des alten Mannes die aufgewühlten Gemüter. Dabei hat auch Rémi jede Menge Stürmisches zu berichten.

Seine Erinnerung führt uns in seine Kindheit zurück. Als Zehnjähriger erfährt Rémi (jetzt: Maleaume Paquin), dass die Mutter, die ihn großzog, nicht seine leibliche ist. Sein vermeintlicher Vater Jérôme Barberin (Jonathan Zaccaï), der im fernen Paris als Steinmetz arbeitet, hatte ihn dort eines Morgens vor einer Kirchentür gefunden und in der Annahme, seine Frau (Ludivine Sagnier) würde ihn ins Waisenhaus geben, zurück zu ihr aufs Land gebracht. Erst ein Jahrzehnt später, als er invalid aus der großen Stadt zurückkehrt, findet er die Wahrheit heraus. Mutter Barberin, wie sie im Roman und in dessen Verfilmung nur heißt, hat das Kind behalten und nach ihrem kurz zuvor verstorbenen Sohn benannt.

Sans famille (wörtlich: ohne Familie; deutscher Titel: Heimatlos) heißt Hector Malots Roman aus dem Jahr 1878, der bereits unzählige Adaptionen in Film und Fernsehen quer durch aller Herren Länder erfahren hat. Der Regisseur und Drehbuchautor Antoine Blossier hat ihm eine Rahmenhandlung verpasst und ihn erzählerisch klug verdichtet und verändert. Die zeitliche Nähe zu seinem englischen Kollegen Charles Dickens hat Malots Roman Vergleiche zu Oliver Twist (1837-1839) eingebracht. Malots Geschichte eines Findelkinds und mehr noch Blossiers Bearbeitung lassen sich aber auch als ein modernes Märchen mit vertauschten Rollen lesen.

Was im Märchen die böse (Stief-)Mutter ist, ist für den kleinen Rémi sein vermeintlicher Vater, dem er als Zehnjähriger zum ersten Mal begegnet. Die Wiedersehensfreude hält sich in Grenzen. Weil er nicht weiß, wie er ein weiteres Maul stopfen soll, verleiht Jérôme den Jungen für ein Jahr an den fahrenden Künstler Vitalis (Daniel Auteuil), der Rémis Talent als Sänger erkannt hat und für seine Zwecke nutzen will. Gemeinsam mit Vitalis‘ dressierten Tieren, dem Hund Capi und dem Äffchen Joli-Coeur, zieht Rémi durchs Land – immer auf der Hut vor Ordnungshütern, die Vitalis‘ öffentlichen Auftritten nicht wohlgesinnt sind.

Vor pittoresken Landschaften und prachtvollen Bauten wandelt sich diese Zweckgemeinschaft zu einer Ersatzbeziehung. Vitalis ersetzt Rémi die Eltern und Rémi dem fahrenden Künstler die Familie, hinter deren Abwesenheit sich ein ebenso schicksalhaftes Leben wie das des kleinen Jungen verbirgt. Ruhig und mitfühlend erzählt, sehen wir Rémi beim Älterwerden zu. Und obwohl nur ein Jahr vergeht, ist der Junge am Ende seiner Reise ein ordentliches Stück erwachsener, weil er an den Unwägbarkeiten des Lebens wächst.

Er freundet sich mit der etwa gleichaltrigen Lise (Albane Masson) an, die im Rollstuhl sitzt, und weckt deren Lebensgeister, was an Johanna Spyris ebenfalls gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Heidi-Romane erinnert. Und er lernt, dass der Tod zum Leben gehört. Gegen Ende wächst sich seine Geschichte gar zu einem Komplott dickensischen Ausmaßes aus. Ein Familienfilm, der sich sehen lassen kann und den Vergleich zu großen Vorbildern nicht scheut.

Rémi - Sein größtes Abenteuer (2018)

Der Waisenjunge Rémi wird von der sanftmütigen Friseurin Madam Barberin aufgezogen. Doch dann gerät er im Alter von zehn Jahren in die Obhut eines fahrenden Musikanten, der ihn mit auf Wanderschaft nimmt. An dessen Seite und in Begleitung von dem Hund Capi und dem kleinen Affen Joli-Coeur reist der Junge durch ganz Frankreich und kommt schließlich dem Geheimnis seiner Herkunft auf die Spur. 

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