Recycle

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Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Aus dem Leben eines Ex-Jihadisten

Rund eine Million Einwohner hat die jordanische Stadt Zarqa (oft findet man auch die Schreibweise Sarka), die damit hinter der Hauptstadt Amman die zweitgrößte Metropole des Landes ist. Zarqa ist nicht nur das industrielle Zentrum des Landes (rund 50 Prozent der Unternehmen im Lande haben hier ihren Sitz), die Stadt gilt auch als Hochburg radikaler Islamisten und zu einem beliebten Rekrutierungsort für opferbereite Jihadisten. Einer von ihnen, Abu Musab az-Zarqawi erlangte durch seine Position als Führer der Terrororganisation Al-Qaeda im Irak traurige Berühmtheit; er fand 2006 in Hibhib im Irak den Tod durch US-amerikanische Spezialkräfte, die dem gesuchten Top-Terroristen schon lange auf der Spur waren.
Auch Abu Ammar war früher ein Anhänger des Heiligen Krieges und lebte lange in Afghanistan, wo er als Bodyguard für verschiedene Mujaheddin-Führer und Politiker wie Gulbuddin Hekmatyar (zweimaliger afghanischer Ministerpräsident) und Scheich Adullah Azzam sowie für Burhanuddin Rabbani arbeitete. Heute wohnt Ammar wieder in einem der ärmsten Viertel der Stadt und lebt buchstäblich vom Müll. Tag für Tag fährt er mit seinem alten blauen VW-Pritschenwagen durch die Straßen der Stadt, immer auf der Suche nach Kartons, die er sammelt und einer Recyclinganlage zuführt. Nebenbei schreibt Abu Ammar an einem Buch über den Jihad und ist doch immer wieder aufgrund seiner bitteren Lebensumstände dabei, an seinem Glauben zu zweifeln.

Wie Abu Ammar und Abu Musab az-Zarqawi stammt auch der Filmemacher Mahmoud al-Massad aus Zarqa. Durch die internationale Aufmerksamkeit der Medien im Zuge der Berichterstattung über den Al-Qaeda-Führer aufmerksam geworden, zeigt er anhand seines Protagonisten die Zustände im Nahen Osten, die von Arbeitslosigkeit und tiefer Resignation geprägt sind, so dass vielen Männern nur zwei Auswege aus der Misere bleiben: Entweder sie schließen sich den Jihadisten an oder sie gehen in die reichen westlichen Staaten, um dort ihr Auskommen zu finden und die in der Heimat gebliebenen Familienangehörigen zu unterstützen. Wer wie Abu Ammar versucht, sein Glück zuhause zu finden, der wird über kurz oder lang an der Aussichtslosigkeit seines Unterfangens verzweifeln.

Mahmoud al-Massads Dokumentation war bereits auf zahlreichen Festivals zu sehen und erhielt unter anderem den World Cinema Kamera-Preis in der Sparte Dokumentation in Sundance 2008 , den Cinema in Motion Award beim San Sebastian International Film Festival Work in Progress sowie eine besondere Erwähnung beim Planete Doc Review — Dokumentarfilm Festival Warschau 2008.

Der Film lebt weniger von spektakulären Ereignissen als vielmehr von der sehr genauen Beobachtung des Alltags und der vielfältigen Probleme gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und dann auch wieder ganz privater Natur. Vor diesem komplexen Geflecht wird mit der Zeit umso deutlicher, welches die Ursachen für Extremismus, Radikalisierung und Migration sind und wie man sie beseitigen kann. Dass dringend gehandelt werden muss, wenn man diese Probleme in den Griff bekommen will, steht schon lange fest. Der Geist Abu Musab az-Zarqawis, der dem Zuschauer im Verlauf des Films immer wieder begegnet, sollte Warnung genug sein, wohin das Ignorieren der Aussichtslosigkeit vieler Menschen im Nahen Osten führen kann.

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