Prisoners of the Ghostland (2021)

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Japans Kultregisseur hat seinen ersten englischsprachigen Film gedreht. Der schickt Nicolas Cage in ein postnukleares Geisterland.

Prisoners of the Ghostland (2021)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Geisterbeschwörung à la Sion Sono

Ohne Nicolas Cage hätte es diesen Film vielleicht niemals gegeben. Als Sion Sono die Dreharbeiten für Prisoners of the Ghostland“, seinen ersten englischsprachigen Film, 2019 wegen eines Herzinfarkts unterbrechen musste und kurzzeitig in Frage stand, ob überhaupt wie geplant in den USA gedreht werden könnte, schlug Cage vor, das Filmen kurzerhand nach Japan zu verlegen. Während Sono dies nach der Premiere beim pandemiebedingt digitalen Sundance Filmfestival via Zoom und mit Hilfe einer Übersetzerin erzählte (Sono spricht trotz längerem Studienaufenthalt in Kalifornien bis heute kein Englisch), fragt man sich unweigerlich, wie der Film wohl ausgesehen hätte, wäre er nicht in Japan entstanden.

Was Sono nach mehr als 50 Werken hier wagt, ist eine wilde Mischung aus Eastern und Western. Sie beginnt in einer Bank, vor deren weißen Wänden ein roter Kaugummiautomat lockt. Die Kamera folgt einem kleinen Jungen mit einem Becher, in dem sich bunte Gummikugeln türmen. Der Junge ist von ihnen so fasziniert, dass er die beiden Männer in schwarzen Lederjacken, die mit Gewehren hereinstürmen, überhaupt nicht ernst nimmt. Cage ist einer der Männer, er schreit (in bester irrer Cage-Manier), lässt Geld einpacken, während sein Kumpane mit zwei Pistolen auf die Menschen zielt und dabei auch den Jungen ins Visier nimmt. Bereits hier steht die Frage im Raum, ob all das ein Traum ist. Zu weiß und steril ist die Bank, zu primärfarbenbunt die Kostüme der Kunden. Und noch bevor alles eskaliert, wechselt die Szene und drei Frauen in Kimonos flüchten durch eine rote Gasse in ein Auto, während über ihnen Kirschblüten rieseln. Eine dieser Frauen ist Bernice (Sofia Boutella), die Tochter des Governors (Bill Moseley). Der wird Cage, dem mittlerweile der Tod des Jungen während des Raubüberfalls zur Last gelegt wird, mit Aussicht auf Begnadigung darauf ansetzen, sie zurückzuholen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Was wie eine sehr einfache Westernfilmtrope klingt, ist für Sono natürlich nur eine Vorlage, mit der er spielen kann, die er nimmt, auseinander zieht, erhitzt, mit Bruchstücken anderer Genres (Actionfilm, Eastern) und Kunstformen (No-Theater, Surrealismus) würzt und zu einem völlig neuen Amalgam formt. Es gibt Samuraikämpfer, die auf Cowboys treffen, es gibt korrupte amerikanische Politiker, die Geishas kaufen, es gibt stachelbesetzte Autowrackbastler, die von einer besseren Zukunft träumen und es gibt die Geister, die radioaktiver Müll zudem gemacht hat, was sie sind.

Überhaupt zieht sich das Thema der Nuklearkatastrophe auch durch diesen Film. Seit dem Reaktorunglück von Fukushima drehte Sono wiederholt in den Ruinen der Sperrzone und setzte sich in seinen Filmen Himizu, The Land of Hope und The Whispering Star damit mal direkt, mal indirekt auseinander. In Prisoner of the Ghostland nun macht er die Katastrophe zum Ausgangspunkt, um eine gespaltene Gesellschaft zu zeigen: Die einen versuchen, seit der Katastrophe die Zeit anzuhalten (nicht als Metapher, sondern ganz symbolisch, indem sie mit Manneskraft die Zeiger der riesigen Uhr an der Reaktorruine festhalten), die anderen, dazu gehören nicht minder symbolisch die Anhänger und Abhängigen des amerikanischen Gouverneurs, wollen die Zeit beschleunigen, denn Zeit ist Geld. „Tick, tock“, schreit der Gouverneur seine Enkelin so lange an, bis sie im Takt wie eine Uhr mitzählt, bis alle ins „tick, tock“ einfallen.

Cage, der von den Bewohnern des Ghostlands der Einfachheithalber direkt „Hero“ genannt wird, muss sich zwischen diesen Fronten Verbündete suchen. Das ist die erste Lektion. Die zweite ist, dass er die Frau nicht retten muss, sondern dass nur sie selbst sich retten kann – was Boutella mit der Grazie der ehemaligen Tänzerin in wunderschönen Schwertkampfszenen vollendet. Und die dritte ist, dass es zwischen den ultrakonservativen Kräften, die alle Zeit anhalten wollen, und den neoliberalen, die jede Sekunde zu Geld machen wollen, einen Mittelweg geben muss. Und der führt über ein Bündnis mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft.

In all seiner bunten Pracht ist Prisoners of the Ghostland Sonos allegorischster Film und gleichzeitig ein hochpolitisches Actionspektakel, an dessen Ende man sich fragt, warum Sono nicht schon längst mit Cage zusammengearbeitet hat. Denn selten traf die irrsinnige Energie eines Darstellers (Cage bezeichnet den Film als „den wildesten, den ich jemals gemacht habe“) besser auf einen Regisseur, der sie in seinen eigenen künstlerischen Kosmos überführen kann.

Prisoners of the Ghostland (2021)

Ein berüchtigter Verbrecher muss einen bösen Fluch brechen, um ein entführtes Mädchen zu retten, das auf mysteriöse Weise verschwunden ist.

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