Persischstunden (2019)

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Ein Jude im besetzten Frankreich entkommt dem sicheren Tod nur, weil er einem SS-Offizier die Lüge auftischt, er sei Perser. Fortan muss er seinem Peiniger Unterricht in Farsi geben, ohne auch nur ein einziges Wort zu kennen. Kann der Trick gutgehen?

Persischstunden (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Macht der Sprache

Im besetzten Frankreich des Jahres 1942 wird der Jude Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) von den Schergen des Regimes aufgegriffen und in ein Lager nach Deutschland geschickt. Dort entkommt er nur durch einen Zufall und eine vorherige Begegnung der sofortigen Erschießung, indem er behauptet, nicht Jude sondern Perser zu sein. Denn was er nicht weiß, sehr wohl aber die SS-Männer, die die Pistole schon an seinem Kopf haben: Einer ihrer Vorgesetzten, der SS-Hauptsturmführer Klaus Koch, hatte angeordnet, zügig einen Perser aufzutreiben, der ihm Farsi beibringen soll.

Zwar ist Gilles, der sich fortan nur noch Reza nennt, im Besitz eines Buches in dieser Sprache, doch natürlich kann er weder Farsi sprechen noch schreiben und kennt keine einzige Vokabel. Weil genau dies aber seine einzige Chance ist, dem sicheren Tod zu entkommen, erfindet Gilles / Reza kurzerhand eine Fantasiesprache, von der er behauptet, es sei Farsi. Und obwohl er immer wieder erheblichem Misstrauen begegnet und den Verdacht auf sich zieht, ein Betrüger zu sein, gelingt der Coup anfangs. Doch je mehr Wörter er erfindet, desto mehr droht er in seinem eigenen Lügengespinst den Überblick zu verlieren. Und jeder Fehler kann tödlich sein.

Wie weit kann ein Mensch in einer Extremsituation gehen, um allein durch die Kraft des Geistes und der Sprache sein eigenes Überleben unter widrigsten Umständen und mit der Allgegenwart des drohenden Todes zu sichern? Wie drehen sich dadurch Machtverhältnisse um, wenn doch Sprache immer auch ein Machtinstrument ist? Und kann solch ein Agieren überhaupt gelingen, ohne selbst schuldig zu werden? Es sind hochkomplexe Fragestellungen, die Vadim Perelman in seinem Film Persischstunden verhandelt. Und zugleich hat der Film auch fast etwas von einer Schelmenkomödie, denn die Lüge, auf die Gilles sein Überleben aufbaut, ist so dreist, sein Erfindungsreichtum so gewaltig, seine Finten so frech, dass man nicht umhin kann, diesem kleinen Mann ein Höchstmaß an Bewunderung zu zollen.

Zumal Gilles auch bereit ist, sich trotz der eigenen Privilegien mit seinen Mitgefangenen solidarisch zu zeigen. Als ihm zwei italienische Brüder aus einer fast aussichtslosen Lage helfen und einer der beiden dafür sein Leben lässt, ist er bereit, für das Überleben des anderen sich selbst zu opfern. Außerdem sorgt sein Fantasie-Konstrukt am Ende dafür, dass Koch sich seiner gerechten Sache nicht entziehen kann. Zuletzt sind es seine beachtlichen geistigen Fähigkeiten, die am Ende dafür sorgen, dass viele der Opfer des Lagers nicht in Vergessenheit geraten.

Persischstunden basiert auf der Geschichte Die Erfindung einer Sprache von Wolfgang Kohlhaase und fast meint man, die Handschrift des großen Drehbuchautors und seinen speziellen Tonfall auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Situationskomik, seinen feinen Blick für die menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten zu erkennen, ebenso wie seinen Sinn für punktgenau gesetzte Wendungen und überraschende Twists, die sich auch in der Drehbuchbearbeitung von Ilya Zofin erhalten haben. Die Inszenierung indes kann dieser Leichtigkeit und Eleganz nicht immer folgen: Neben dem überwiegend zurückhaltend agierenden Nahuel Pérez Biscayart neigt Lars Eidinger in manchen Szenen zu gnadenlosem Overacting, um dann im nächsten Augenblick wieder genau die Zwischentöne zu beherrschen, die es braucht, um einen ambivalenten Charakter wie jenen des ebenso verletzlichen wie cholerischen SS-Offiziers Koch glaubhaft und nachvollziehbar zu gestalten. Eine Balanceakt, der nicht immer gelingt. Auch die Filmmusik neigt bisweilen zum emotionalen Überschwang und setzt deutlich hörbare Akzente gerade in solchen Momenten, die eigentlich emotional stark genug wären.

Trotz dieser Abstriche und kleineren Schwächen ist Persisischstunden ein gelungenes Drama, das insbesondere am Ende packt und bewegt.

Persischstunden (2019)

Der belgische Jude Gilles Crémier, der in einem KZ interniert ist, gibt sich als Perser aus, um so einer Massenerschießung zu entkommen. Doch genau dadurch gerät er in den Fokus der Aufmerksamkeit, denn der Koch des Lagers brennt nun darauf, die Sprache zu erlernen. Nur hat Gilles natürlich überhaupt keine Ahnung von Persisch.

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