Peninsula (2020)

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Vier Jahre nach seinem Zombiefilm „Train to Busan“ kehrt Regisseur Yeon Sang-ho in die südkoreanische Hauptstadt zurück und sieht nach, was aus den Lebenden und den Untoten geworden ist. Das Ergebnis überrascht.

Peninsula (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Atemlos durch die Nacht

Die Untoten lassen Yeon Sang-ho nicht los. Nach einem kurzen Zwischenspiel mit der Actionkomödie „Telekinese“ kehrt der Südkoreaner in die Welt zurück, die er 2016 gleich mit zwei zusammenhängenden Zombiefilmen einriss. Im selben Universum wie „Train to Busan“ und „Seoul Station“ angesiedelt, schlägt „Peninsula“ allerdings ganz andere Töne an.

Vier Jahre sind seit dem Ausbruch der tödlichen Seuche vergangen. Die koreanische Halbinsel steht unter Quarantäne. Keiner darf rein, keiner raus. Der Soldat Jung-seok (Gang Dong-won) und sein Schwager Cheol-min (Kim Do-yoon) haben es gerade noch rechtzeitig auf das letzte Schiff nach Hongkong geschafft, dabei aber alles verloren. Seither blasen sie im fahlen Licht heruntergekommener Spelunken Trübsal. Dann erhalten sie ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.

Eine Unterweltgröße weiß von einem Lastwagen voller Geld. 20 Millionen US-Dollar stecken in Seoul fest. In der südkoreanischen Postapokalypse sind die Bündel allenfalls als Klopapier zu gebrauchen, in Hongkong und dem Rest der Welt lässt sich alles damit kaufen. Der Plan ist simpel: rauf auf die Halbinsel, den Lkw finden und wieder runter. Alles bei Nacht, weil die wandelnden Toten in der Dunkelheit so gut wie blind sind, aber möglichst geräuschlos, weil sie umso besser hören. Der Einsatz ist hoch, der Profit ebenfalls. Gelingt es Jung-seok, Cheol-min und zwei weiteren Mitstreitern, das Gefährt sicher in den Hafen von Incheon zu bringen, macht der Gangsterboss mit ihnen halbe-halbe. Zehn Millionen für ihn, zehn für die Glücksritter, schlappe 2,5 Millionen pro Nase. Doch nach vier Jahren ohne Recht und Ordnung herrschen in der menschenleeren Metropole längst eigene Gesetze.

Als Yeon Sang-ho seine Zombiefilm-Trilogie 2016 startete, war zu befürchten, dass er damit lediglich auf einen im Grunde schon abgefahrenen Zug aufspringen würde. Doch bereits die Form ließ aufhorchen. Yeon kommt aus der Animationsbranche, hat dort mit The King of Pigs (2011) und The Fake (2013) zwei schwer verdauliche Beiträge abgeliefert und auch bei seiner Beschäftigung mit den Untoten auf die Magie der Animation gesetzt. Während Train to Busan Yeons Realfilmdebüt markierte, erzählte er dessen Vorgeschichte in Seoul Station in hübscher Zeichentrickoptik. Hier wie da ging es allerdings düster und sozialkritisch zu.

Den damit eingeschlagenen Weg setzt der 1978 geborene Drehbuchautor und Regisseur nun nicht fort. Gesellschaftskritik blitzt nur vereinzelt auf. Mit seinen Figuren wechselt Yeon auch die Tonalität. Pensinsula wird zwar als Fortsetzung von Train to Busan beworben, wartet jedoch mit komplett neuem Personal auf. Das bietet einige tolle Charaktere, etwa den Sadisten Hwang (Kim Min-jae), der die Straßen säubert, und den Opportunisten Seo (Koo Kyo-hwan), der über Leichen geht, um von der Halbinsel zu kommen. Besonders die Frauenfiguren begeistern, nehmen sie ihr Schicksal doch selbst in die Hand. Mehr als einmal retten sie Jung-seok die Haut. Mal ist es der Mut der kampferprobten Mutter Min-jung (Lee Jung-hyun), mal sind es die Talente ihrer Töchter. Jooni (Lee Re) fährt wie ein Ass und räumt die Zombies mit ihrem Wagen reihenweise von der Straße. Ihre kleine Schwester Yu-jin (Lee Ye-won) lenkt sie mit ihren ferngesteuerten Spielzeugautos ab. Erst durch die drei Frauen lernt der lebensmüde Söldner, das Leben wieder zu schätzen.

Die Barbarei von Hwangs marodierender Bande auf der einen, der Humanismus einer Kleinfamilie auf der anderen Seite – auf diesen Gegensatz lässt sich die Handlung herunterbrechen. Der Rest ist atemlose Endzeit-Action. Statt des schlurfenden Sozial-Horrors wie in Seoul Station oder des beschleunigten Klassenkampfs wie in Train to Busan gibt es diesmal einen Mix aus Mad Max und The Fast and the Furious – furios in Szene gesetzt. Gladiatorenkämpfe in einer heruntergekommenen Arena voll beängstigender Zombieknäuel wechseln sich mit minutenlangen Verfolgungsjagden ab. Yeon hat dafür nicht ohne Grund die Schlafenszeit gewählt. Die computergenerierten Bilder geraten schnell an ihre Grenzen. Bei Nacht und im dunklen Kinosaal sticht das schlicht weniger ins Auge.

Yeons dritter Zombiefilm ist leicht(er) konsumierbares Popcorn-Kino, dem auch Fans seiner vorangegangenen Filme noch etwas abgewinnen können. Der Witz der Figuren, die unbändige Lust am Genre und die pure Freude daran, die Grenzen des Machbaren auszureizen, übertragen sich mühelos aufs Publikum.

Der Film beweist zudem, dass der Blockbuster auch in Krisenzeiten funktionieren kann. Wie schon Train to Busan sollte auch Peninsula seine Weltpremiere an der Croisette feiern. Doch das Coronavirus machte den Filmfestspielen in Cannes einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen startete Yeons Zombiekracher am 15. Juli in den Kinos und führte zwischenzeitlich die weltweiten Charts an. Das gute Krisenmanagement in Südostasien macht’s möglich. Allein in seinem Produktionsland sahen den Film trotz Abstandsregeln bereits zwei Millionen Menschen. Während die echte Pandemie im Rest der Welt weiter tobt, begeistert in Südkorea eine erfundene.

Peninsula (2020)

„Peninsula“ ist das Sequel von „Train for Busan“ aus dem Jahre 2016 und spielt vier Jahre nach den Ereignissen des Vorgängerfilms, ohne dabei die Geschichte oder die Charaktere weiterzuverfolgen. Durch eine Zombie-Epidemie ist das Land in eine tiefe politische wie gesellschaftliche Krise geraten, denn mittlerweile ist das ganze Land von dem Virus befallen.

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