Paulista - Geschichten aus Sao Paulo

Paulista - Geschichten aus Sao Paulo

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die alltägliche Jagd nach Liebe

Paulista ist keine Bezeichnung für die Bewohner der brasilianischen Metropole Sao Paulo, sondern eine Adressangabe in der Großstadt, die zum Dreh- und Angelpunkt verschiedener Geschichten wird, die sich berühren und dann wieder auseinanderstreben, sich überkreuzen und denen neben einer verbindenden Figur auch ein gemeinsames Thema zugrunde liegt – die Suche nach der Liebe und die Hoffnung, dass das Leben dadurch eines Tages besser wird.
Das Zentrum von Roberto Moreiras episodisch angelegtem Film Paulista — Geschichten aus Sao Paulo / Quanto dura o amor? aus dem Jahre 2009 ist die bislang eher erfolglose Schauspielerin Marina (Silvia Lourenço), die nicht mehr länger nur für alberne Kindertheaterstücke durch die Provinz tingeln will. Zufällig hört sie von einem Casting für Anton Tschechows Onkel Wanja in Sao Paulo und dank ihres Kollegen Caio (Sergé Guizé) findet sie im Großstadtdschungel Unterschlupf bei dessen Bekannter Suzana (Maria Clara Spinelli). Bei einem Besuch in einem Club lernt sie die impulsive und schöne Musikerin Justine (Danni Carlos) kennen und lieben. Auch Marinas Mitbewohnerin Suzana, eine schöne und selbstbewusste Anwältin, verstrickt sich in amourösen Abenteuern – bei ihr ist es der sanfte und einfühlsame Kollege Gil (Gustavo Machado), der sie umschwärmt und in den auch sie sich verliebt. Doch Suzana trägt ein Geheimnis mit sich herum, dass sie kaum wagt, ihrem Geliebten anzuvertrauen, weil sie vermutet, dass dieser Schatten der Vergangenheit wahrscheinlich alles zerstört, was gerade erst so zart zu gedeihen beginnt. Und schließlich ist da noch der Schriftsteller Jay (Fábio Herford), der in Liebe zu der Prostituierten Michelle (Leilah Moreno) entflammt ist und diese am liebsten für immer bei sich hätte. Die aber sieht in ihm vor allem ein lohnendes Geschäft…

Trotz der Anordnung um einen einzigen Ort herum – das Haus in der Avenida Paulista, das tagsüber trist und grau wirkt, dessen Ausblicke auf die Hochstraßen Sao Paulos in der Nacht einem aber schlichtweg den Atem rauben – und der Verknüpfung der einzelnen Geschichten durchaus das Bindeglied Marina wirkt Paulista – Geschichten aus Sao Paulo weniger konstruiert und statisch als viele andere Episodenfilme. Auch dass die drei Liebesgeschichten wie selbstverständlich drei auch in ihrer sexuellen Orientierung sehr unterschiedliche Beziehungen beleuchten, fällt dem Zuschauer im ersten Moment kaum auf, sondern wirkt, als sei es das Normalste auf der Welt. Dass dem Film das gelingt, hängt zum großen Teil mit den Schauspielern zusammen, bei denen vor allem Silvia Lourenço mit ihrer erfrischenden Art und ihrem manchmal fast kindlichen Charme zu überzeugen weiß.

Auch wenn der Film nicht vollständig zu überzeugen weiß, weil die einzelnen Geschichten nicht ausgewogen genug sind und nicht genügend tief in die Seelen ihrer Protagonisten eindringen, gelingen Roberto Moeira immer wieder bemerkenswerte Momente, in denen der Ausblick auf die Stadtlandschaften Sao Paulos immer wieder treffende Bilder für die offene Struktur der vielschichtigen Liebeswirren auf die Leinwand zaubert. Wenn man nachts aus den Fenstern auf die Avenida Paulista schaut, sieht man inmitten der vielspurigen Straße eine ovale Öffnung, die den Blick freigibt auf eine darunter liegende Ebene, auf der sich nochmal so viele Autos bewegen. So ähnlich mag es wohl auch mit den Geschichten aus Sao Paolo sein: Hinter denen, die wir zu Gesicht bekommen, verbergen sich – so darf man zumindest vermuten — weitere, die man nicht sieht. Dass er die sichtbaren mit den unsichtbaren Geschichten verknüpft und ohne viel Aufhebens Hetero-, Homo- und Transsexualität gleichberechtigt nebeneinander stellt, ist nicht die einzige Stärke, aber mit Sicherheit etwas sehr Bemerkenswertes an diesem erfrischenden Film. In Kombination mit den gelungenen Bildfindungen der Kamera von Marcelo Trotta bietet Paulista — Geschichten aus Sao Paulo eine echte Alternative zu Omnibus-Filmen wie Paris, je t’aime und New York, I Love You.

Paulista - Geschichten aus Sao Paulo

Paulista ist keine Bezeichnung für die Bewohner der brasilianischen Metropole Sao Paulo, sondern eine Adressangabe in der Großstadt, die zum Dreh- und Angelpunkt verschiedener Geschichten wird, die sich berühren und dann wieder auseinanderstreben, sich überkreuzen und denen neben einer verbindenden Figur auch ein gemeinsames Thema zugrunde liegt – die Suche nach der Liebe und die Hoffnung, dass das Leben dadurch eines Tages besser wird.
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Meinungen
Kim · 15.03.2013

Ein Mensch, der behauptet, eine transsexuelle Frau sei "als Mann geboren" ist transphob. Das ist vergleichbar mit der Homophobie der 60er und 70er, in denen Leute auch behauptet haben, homosexuell seien "heterosexuell geboren" und würden sich später alles aussuchen. Man kan Transphobie auch hübsch verpacken, deswegen bleibt es trotzdem Transphobie.

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