Pankow '95 (1983)

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Rapid Eye Movies gilt als Perlentaucher unter den Filmlabels. Der Schwerpunkt liegt auf asiatischem Kino, immer wieder holt das Label aber auch Produktionen wie „Pankow ‚95“ an die Oberfläche. Nach 38 Jahren ist dessen restaurierte Fassung als Wiederaufführung zu sehen.

Pankow '95 (1983)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ausgeflippte Zukunft

Im selben Jahr, in dem Udo Lindenberg in einem Song einen Sonderzug nach Pankow fahren ließ, brachte Gábor Altorjay seinen zweiten Spielfilm in die Kinos. Darin blickt der ungarische Künstler und Regisseur in eine ausgeflippte Zukunft. In Altorjays schräger Sci-Fi-Dramödie ist der Berliner Stadtteil Pankow auch 1995 immer noch Teil der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), denn die Wiedervereinigung hat Altorjay, der 1967 aus Ungarn in die Bundesrepublik floh, nicht vorhergesehen. Während Westdeutschland in Arbeitslosigkeit versinkt, werden die Ostdeutschen irre.

Dr. Werner Frisch (Dieter Thomas Heck) passt auf die Ausgeflippten auf. Mit schicker Tolle und teurem Pelzkragen herrscht er über sein kleines Reich, die Nervenklinik des Bezirkskrankenhauses Berlin-Pankow. An der Seite seiner Pflegekräfte Bethermann (Magdalena Montezuma) und Pieck (Anthony Ingrassia) gleitet Frisch über die Flure. Jörg Jeshels Kamera erhebt die drei in extremer Untersicht zu Göttern in Weiß. Doch wissen sie, was sie tun? Und was treiben ihre Insassen so, wenn der Arzt und sein Personal nicht hinsehen?

Im Zentrum der Handlung ruht Johann Wolfgang Amadeus Zart (Udo Kier), ein unruhiger Geist, der schon dem Namen nach ein großer Musiker werden sollte, stattdessen nun aber an einer Theorie über die Verschwörung der Jugend schreibt. Alle 15 Jahre, so J. W. A. Zarts Schlussfolgerung, lehnt sich die Folgegeneration gegen die vorangegangene Generation auf. Draußen vor der Tür künden Graffiti von deren Unmut. „30 Jahre Mauer — Wir werden langsam sauer“ ist dort zu lesen. Das Volk hält derweil das Maul und stellt sich vor der Fleischerei brav in die Schlange, auch wenn es nichts zu beißen gibt.

In der Klinik, die in den tollsten Pastelltönen leuchtet, wird Zart von den Mitpatienten Angelo (Angelo Galizia), Lajos (Karel Dudesek) und Armin aus Wuppertal (Tom Dokoupil) flankiert. Der erste ist der Sohn des argentinischen Generals Astor Durando (Rene Durand), der alsbald mit Zarts Ehefrau Laura (Christine Kaufmann) ins Bett steigt, während ihr Schäferhund dem Schäferstündchen zuschaut. Lajos erschreckt mit Vorliebe Frauen und Armin fällt schwangere Frauen an. Das hat mit seiner Zeugung zu tun. Als Retorten-Baby aus dem Westen ist seine Haut nicht nur grasgrün wie beim Hulk, er ist auch viel zu schnell gewachsen. Obwohl erst 13 Jahre jung, sieht er aus wie ein Erwachsener.

Das Faszinierendste an Altorjays Spielfilm ist dessen Besetzung. An der Seite des späteren Weltstars Udo Kier geben sich neben der international bekannten Christine Kaufmann auch die ein Jahr später früh verstorbene Kultfigur der alternativen Szene und Werner-Schroeter-Muse Magdalena Montezuma, Musiker Tom Dokoupil, von dem auch die Filmmusik stammt, und kein Geringerer als Fernsehmoderator der Dieter, der Thomas, der Heck ein Stelldichein. Nina Hagen grüßt in einem Cameo als Jungfrau Maria aus dem Fernsehapparat. Und auch Diedrich Diederichsen, Peter Pewas und der Regisseur selbst schauen in Kurzauftritten rein. All das klingt schräger, als der fertige Film letztlich ist. Denn im Grunde passiert nicht viel.

Altorjay, der auch das Drehbuch zur kaum als Handlung zu bezeichnenden Handlung verfasste, erzählt auf zwei Zeitebenen, was Zart und seine Mitpatienten im Irrenhaus erlebten und wie sie dem entkamen. Trotz einer kompakten Laufzeit von unter eineinhalb Stunden ist das am Ende viel zu lang geraten. Den Serotoninspiegel, den Dr. Frisch bei seinen Patienten unablässig misst, steigert der Filmkonsum zumindest nicht. Sicherlich ist auch dieser Film eine Perle, die sich wunderbar in den Katalog von Rapid Eye Movies einfügt – allerdings eine für Cinephile, die das Kino um des Kinos willen lieben.

Pankow '95 (1983)

 

Gábor Altorjays schräge Zuklunftsvision wirft einen Blick in das Jahr 1995: Nach wie vor existieren beide deutsche Staaten, die DDR ist ein riesiges Irrenhaus mit gewaltigen finanziellen Problemen. 

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