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Um einer toxischen Beziehung zu entgehen, flieht eine Mutter mit ihrem Kind in ein kleines Dorf. Dort aber scheint ein kinderfressendes Monster sein Unwesen zu treiben. Oder ist alles nur eine Einbildung?

Ogre (2021)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Eine gespenstische Spur

Der Horrorfilm ist wahrlich kein leichtes Genre. Als Regisseur*In steht man immer vor der Herausforderung, einerseits neue Geschichten zu erzählen, die clever mit Genre-Regeln spielen, andererseits aber den Rahmen der Konventionen nicht vollends aufzugeben. Das Publikum in Sicherheit wiegen, um ihm dann mit einem Twist das Fürchten zu lehren – das ist große Kunst. Es geht aber auch anders.

Arnaud Malherbe wählt bei Ogre eben diesen anderen, ja behutsam-leisen Weg: Er nuanciert in den Motiven und der Atmosphäre, webt aus einer altbekannten Geschichte ein stimmiges Schauerstück. Dieses mag zwar nicht sonderlich überraschend ausfallen, überzeugt aber in der emotionalen Dichte der Form.

Chloé (Ana Girardot) versucht ihrer Vergangenheit zu entfliehen. Ihr Ex-Partner hat ihr das Leben zur Hölle gemacht. Nun soll auf dem Land alles besser werden; für sie und ihren achtjährigen Sohn Jules (Giovanni Pucci). Von den Dorfbewohnern wird sie als neue Lehrerin zunächst herzlichst empfangen. Außerdem entwickelt sich zwischen Chloé und dem Dorfarzt Mathieu (Samuel Jouy) eine vielversprechende Romanze, von der Jules allerdings ganz und gar nicht begeistert ist.

Dann häufen sich die unheimlichen Zeichen: Ein Kind ist verschwunden, tote Kälber werden gefunden und irgendetwas schleicht des Nachts ums Haus. Außer Jules will niemand die Bedrohung sehen – und die Lage spitzt sich zu.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des kleinen Jungen. Wenn er sich zurückziehen will, schaltet er das Hörgerät ab. Mit diesem formalen Kniff, dass der Ton dann gedämpfte Atmosphäre wird, erzeugt Ogre eine ungemeine Spannung, die gleichzeitig die Anspannung und die Einsamkeit von Jules reflektiert. So gesehen kann man zu keinem Zeitpunkt sicher sein, ob sich die Bedrohung nur in dessen Vorstellungswelt abspielt, das traumatisierte Kind sich also etwas zusammenreimt, oder tatsächlich ein Menschenfresser durch die Wälder streift.

Wer harten und blutigen Horror erwartet, den muss man enttäuschen. Arnaud Malherbes Film ist schaurig und melancholisch, und bisweilen auch verdammt unheimlich. Terrorkino ist das allerdings nicht. Vielmehr ist der Horror in Ogre eine Metapher, ein Nachhall dessen, was Chloé und Jules erleben mussten. Das Unbehagen des Jungen, wenn seine Mutter sich gegenüber dem Arzt öffnet, ist daher doppelt codiert: Er glaubt, dass sich unter dem adretten Äußeren eine blutrünstige Bestie versteckt und natürlich ist das auch die Angst vor einem neuen Mann im Leben der Mutter. Was, wenn sich der Albtraum der häuslichen Gewalt wiederholen sollte?

Die märchenhaften Züge der Geschichte drängen sich nicht auf, erzeugen aber großartige Bilder. Da steht Jules im Garten vor dem Vogelhäuschen, das wie eine Nachbildung des alten Landhauses aussieht, in das er eingezogen ist, und betrachtet die Vögel, wie sie die Körner aufpicken. Nach und nach entsteht eine ins Fantastische gewendete Beziehung zwischen Mensch und Tier, die im weiteren Verlauf eine große Rolle spielen wird. So vorhersehbar die Entwicklungen im Verlauf des Films auch sein mögen, so sehr kann man sich an den Kleinigkeiten begeistern.

Während der ersten körperlichen Annäherung zwischen Chloé und Mathieu kullert eine schmerzvolle Träne über die Wange der Frau. Es bedarf keiner großen Worte, um die Furcht vor der Körperlichkeit auszudrücken: Da hat sich etwas eingeschrieben, was die Berührung zu einem Stich werden lässt: Die Welt ist aus den Angeln gehoben. Häusliche Gewalt wird in diesem Film zu einer gespenstischen Spur, die sich durch das ganze Leben zieht. In eben solchen Szenen ist Ogre stark und eigenwillig. Nur beim Horror, da hätte Malherbe durchaus die Schraube ein wenig deutlicher anziehen können: Die große Bedrohung durch das Wesen ist nicht immer nachvollziehbar.

Ogre (2021)

Ein Kind ist verschwunden und eine wilde Bestie greift das Vieh an. Jules, ein Kind, das vor kurzem im Dorf angekommen ist, spürt, dass etwas Unheimliches in der Nähe seines Hauses ist.

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