Nö (2021)

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Dietrich Brüggemanns neuer Film blickt in 15 Szenen auf eine Beziehung. Wie immer ist seine Schwester Anna Brüggemann an entscheidenden Stellen mit von der Partie. Ein Film über die Liebe, das Leben und deren absurd-surrealistische Überhöhung.

Nö (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

(15) Szenen (k)einer Ehe

Dietrich Brüggemann besinnt sich auf seine Stärken. Nach einer allenfalls in Ansätzen gelungenen Nazi-Farce („Heil“, 2015) und drei kreativen „Tatort“-Folgen kehrt er mit einer Beziehungskiste ins Kino zurück, die formal bis zu seinen Anfängen reicht. Sein szenisches Liebesdrama ist lockerleicht und bitterböse, voll origineller Ideen und guter Dialoge. Vielleicht liegt es ja daran, dass seine Schwester Anna Brüggemann, die wie immer in den Filmen ihres Bruders auch vor der Kamera steht, diesmal wieder als Co-Autorin am Drehbuch beteiligt war.

Im besten Fall ist das Kino ein Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen. In Dietrich Brüggemanns besten Filmen ist es ein Seismograf eines Lebensgefühls (s)einer Generation oder besser gesagt eines bestimmten Milieus: gut ausgebildeter, linksliberaler Großstädter. Wer studiert hat und dafür von zu Hause weggezogen ist, findet sich garantiert irgendwo in 3 Zimmer/Küche/Bad (2012) wieder. Und wer nach dem Studium inzwischen voll im Berufs- und Eheleben steht, kann mühelos an Brüggemanns neuen Film andocken, der das alltägliche Auf und Ab absurd bis surreal überhöht.

Los geht es im Bett. Dina (Anna Brüggemann) will sich binden, Michael (Alexander Khuon) denkt über eine Trennung nach. Eine Konstellation, die sich im Verlauf des Films allmählich umkehren wird. Mit tollen Sätzen – etwa dem, dass den zweien dasselbe egal sei und es in einer Beziehung mehr darauf ankomme, was einem egal sei als auf das, was einem wichtig sei – überzeugt Dina Michael vom Bleiben. In den 13 darauffolgenden Episoden folgen wir den beiden, sie Schauspielerin, er Arzt, durch die nächsten sieben Jahre, bevor die abschließende 15. Episode uns zu ihren Anfängen führt.

In gewisser Weise kehrt auch Dietrich Brüggemann mit diesem Film zu seinen Anfängen zurück. Denn das episodische Erzählen erprobte er bereits in seinem Diplomfilm Neun Szenen (2006), der seine Premiere in der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ bei der Berlinale feierte. Auch Brüggemanns übernächster Berlinale-Beitrag, Kreuzweg (2014), diesmal im Wettbewerb des Festivals zu sehen, war ein streng komponiertes Episodendrama. Und selbst eine viel loser erzählte Komödie wie 3 Zimmer/Küche/Bad ist in fünf klar voneinander getrennte Teile gegliedert.

Schon darin lagen Anna Brüggemann und Alexander Khuon gemeinsam im Bett und spielten Figuren namens Dina und Michael. Es sind jedoch nicht dieselben, die die Geschwister Brüggemann uns in ihrem neuen Film präsentieren. Trotzdem könnte man Neun Szenen, 3 Zimmer/Küche/Bad und als unzusammenhängende Trilogie über das Erwachsenwerden begreifen. Vom Schulabschluss im ersten über das Studium im zweiten sind die Figuren im dritten Film nun mitten im Berufsleben und Beziehungsstress angekommen. Alle drei Werke und besonders das letzte führen uns die Flüchtigkeit vor Augen. In der Erinnerung schnurren ganze Jahre auf einzelne Momente zusammen. „Gerade noch haben wir die Schule hinter uns gelassen, schon sind wir Mitte 40, und mit einem weiteren Gedankensprung kann wieder alles vorbei sein“, schreibt Dietrich Brüggemann über seinen jüngsten Film in einem Regiestatement.

Die Herausforderungen seiner Figuren sind dieselben geblieben. Auch in arbeiten sie sich an sich selbst, an ihren Partnern und an ihren Eltern ab. Und auch diesmal bewegen sich ihre Probleme in einer Wohlstandsblase. Neu ist, dass sie nun selbst Eltern werden/sind und das Abarbeiten an den eigenen Kindern hinzukommt. Für all die Sorgen und Zweifel, die damit einhergehen, finden Dietrich und Anna Brüggemann in ihrem Drehbuch wunderbare Ideen, die die Realität wiederholt durchbrechen. Dann wird ein Krankenhaus zu einem Kriegsgebiet, um Dinas Furcht vor dem Muttersein zu versinnbildlichen, dann friert während einer Operation die Zeit ein und Michael unterhält sich mit dem Patienten auf seinem OP-Tisch über seine Beziehungszweifel und dann spult die Zeit mittels der Geräusche aus einem Babyfon nach vorn, um den Abnabelungsprozess des gerade geborenen Sohns im Schnelldurchlauf zu veranschaulichen.

Aus seiner Bewunderung für den Regiekollegen Roy Andersson hat Dietrich Brüggemann nie einen Hehl gemacht. Aus Brüggemanns bisherigem Werk kommt Anderssons Inszenierungsstil am nächsten und bleibt doch ganz eigen. Nicht nur bewegt Brüggemann die Kamera immer dann, wenn es nötig ist und bricht damit die von Andersson gewohnte Statik auf. Auch der Humor ist ein anderer – kaum lakonisch, eher ironisch und größtenteils bissig. Vor allem aber hat der Humor in diesem Film in jeder Szene ein klar erkennbares Ziel und schlägt nicht so wild und nach allen Seiten um sich wie noch in Heil.

In seinem Regiestatement schreibt Dietrich Brüggemann auch darüber, dass das Medium Film wie keine andere Kunst Träume zum Leben erwecken könne und dass diese traumhafte Qualität in Deutschland einen schweren Stand habe. „Bei uns muss alles entweder sozial engagiert oder romantisch-innerlich sein“, ist da zu lesen. Alles andere sei Eskapismus. Als Beispiele solcher Weltfluchten führt er Werke von Georges Méliès, Spike Jonze und Michel Gondry an. Davon ist ein gutes Stück entfernt. Traumhaft ist der Film trotzdem. Und es wäre dem Publikum zu wünschen, dass sich Dietrich und Anna Brüggemann als Nächstes an einen Film im Geiste der zuvor Genannten wagen würden. Denn das deutsche Kino träumt viel zu selten.

Nö (2021)

Dina und Michael sind Anfang 30. Er ist Arzt, sie ist Schauspielerin. In 15 Bildern, die voller surrealer Elemente sind, beobachten wir unsere Protagonisten, wie sie sich im Lauf der nächsten 7 Jahre durchs Leben lavieren. Ein Film über die Liebe und darüber, was das Kino kann: Seelenzustände beschreiben, die jenseits des Sichtbaren liegen, aber nicht weniger existent und ausschlaggebend für unseren Lebensweg sind. (Quelle: BKM)

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Meinungen
Flo · 06.07.2021

Widersprüchlich-unbequemer Film, theatralisch inszeniert, mit gleichermaßen glaubhaftigen Figurenzeichnungen. Wird das bürgerliche Publikum im Kino eher verstören bzw. triggern. Überkommene Konventionen (der Gesellschaft) oder möglicherweise doch Glück in der Individualität und Einzigartigkeit - das ist hier die große Frage.

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