New Order (2020)

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Michel Francos „New Order“ nimmt die allgegenwärtige Verwahrlosung demokratischer Werte und die wachsende Schere zwischen Reich und Arm zum Anlass, einmal gnadenlos durchzuerxerzieren, was die Konsequenzen für eine Gesellschaft sind, wenn sich niemand um sie kümmert.

New Order (2020)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Neue Weltordnung in 90 Minuten

Stilsicher und irritierend beginnt Michel Francos neues Werk „New Order“ mit einem Bilderreigen, der sich zuerst gar nicht recht erschließen lässt. Nur eins taucht immer wieder auf: Blut und neongrüne Farbe, die von Oberflächen, Gegenständen und Körpern tropft. Was dann folgt, überrollt alle — sowohl die Protagonisten als auch das Publikum. Aber so ist es eben, wenn sich eine neue Ordnung etabliert.

Die schiere Wucht von New Order etabliert sich nach dem assoziativen Intro erst langsam. Vorerst wohnt man einer Hochzeit eines Paares bei, die in einem Villenviertel für Reiche stattfindet. Die Crème de la Crème der mexikanischen Gesellschaft tummelt sich hier um Marianne (Naian Gonzaléz Norvind) und ihre Familie, um ihre Hochzeit zu feiern, die gleichsam zwei mächtige Familien vereint. Die Reichen tummeln sich, und um sie herum arbeitet eine Heerschar Bedienstete. Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft ist eklatant offensichtlich, zumal die Bediensteten allesamt indigen sind. Im Gegensatz dazu sieht Marianne mit ihren blonden Haaren und ihrem roten Anzug aus wie ein Alien.

Doch die Festlichkeiten haben nicht nur deshalb einen bitteren Geschmack. Draußen vor den Toren der Reichen rumort es. Erst kommt ein ehemaliger Angestellter vorbei und bittet die Familie um dringendes Geld für die Operation seiner Frau. Die genervte Familie gibt ihm ein bisschen Geld und scheucht ihn fort. Marianne ist erbost und fährt ihm hinterher, um ihm mehr Geld zu geben. Doch draußen erwartet sie das Ende der bisherigen Ordnung: Die Armen haben zum Aufstand geblasen und rebellieren auf den Straßen. Ihr Erkennungszeichen: neongrüne Farbe, mit der sie Mariannes Auto gleich überschütten.

Bis hierhin fühlt sich New Order nach einem klassischen Thriller mit sozialkritischen Elementen an. Doch weit gefehlt. Denn was hier wirklich passiert, sieht man als ZuschauerIn genauso wenig kommen wie die Protagonisten. Francos Film ist vielmehr als ein Kommentar auf die riesigen klaffenden Lücken zwischen Arm und Reich in der mexikanischen Gesellschaft. Der Film ist stärker daran interessiert, die Konsequenzen einer solch extrem gespaltenen Gesellschaft radikal durchzuexerzieren. In seiner Genauigkeit und Rigorosität erinnert Francos Film hier an Parasite, ein weiterer Film, der sich fundamental dieses Themas angenommen hat. Doch im Gegensatz zu Bong Joon-hos Werk, das vor allem auf einer persönlichen Ebene zwischen zwei Familien spielt, geht Franco aufs Ganze und baut, wie der Filmtitel es eben schon ganz klar benennt, eine neue Weltordnung. Kurzum: Bevor man sich versieht, wird aus dem Aufstand der Armen ein viel größeres Ding.

Das Militär, das erst ungewöhnlich spät und zurückhaltend reagiert, tritt in den Vordergrund. Nachdem ein Teil von Mariannes Familie noch am Tag der Hochzeit von Rebellen dezimiert wurde, treten nun ganz andere, größere Ereignisse auf den Plan. Das Militär übernimmt die Kontrolle über das Land und belegt es mit Ausgangssperren. Wer von den Armen überleben und arbeiten will, hat sich in ein engmaschiges Überwachungssystem einzugliedern. Doch auch die Reichen kommen nicht davon. Ohne es zu wissen finanzieren sie die neue Diktatur. Mal mehr, mal weniger offensichtlich. Marianne selbst wird alsbald vom Militär, nicht von den Aufständlern, verschleppt, denn mit so einem reichen Mädchen lässt sich gut Lösegeld verhandeln.

Ganze 86 Minuten braucht Franco nur, um aus seinem Gesellschaftsstück eine harte Dystopie zu stricken, die tief in die Eingeweide schlägt, eben weil sie so klar realistisch durchexerziert wird. Da bleibt einem beim Sehen schnell die Spucke stecken. Es gibt keine Guten oder Bösen, keine Gewinner oder Verlierer in New Order. Es gibt auch keine klassischen erzählerischen Höhepunkte. Es gibt keine Wahrheiten, keine Narrative, keine Helden und kein gutes Ende. Es gibt vielleicht nicht mal ein Ende an sich. Auch wenn seine spezielle Dystopie stark auf die lateinamerikanische Gesellschaft ausgerichtet ist — ganz so wie Parasite es auf die koreanische war -, so ist die Universalität dieser Themen doch überall zu finden. Speziell die Klassenunterschiede, die immer stärker werden und die ein Loch im Teppich demokratischer Gesellschaften hinterlassen, das früher oder später jemand füllen wird (hier mit einer Militärdiktatur), lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Hier sitzt man also und sieht New Order und weiß: So fiktiv ist das hier nicht. Franco denkt nur konsequent zu Ende, was eh schon am Geschehen ist und setzt die Waffen des Kinos dagegen ein.

New Order (2020)

Eine wohlhabende mexikanische Familie gehört zur High Society des Landes und versucht, das weniger glamouröse Leben in Mexiko-Stadt auszublenden. Sie haben sich in ihrer Residenz in eine Art Kokon zurückgezogen. Während einer Hochzeitsfeier klettert eine Gruppe weniger privilegierter Männern über den Zaun ihres Anwesens und sprengt die Party.

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