Nahschuss (2021)

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Der letzte Mensch, der in der DDR hingerichtet wurde, musste nur deswegen sterben, weil der Staat ein Exempel an ihm statuieren wollte. Mit diesem nahezu vergessenen Justizmord setzt sich nun Filmemacherin Franziksa Stünkel auseinander.

Nahschuss (2021)

Eine Filmkritik von Paul Katzenberger

Dreifach tragisch

Angelehnt an das Leben des Dr. Werner Teske, der 1981 in der DDR zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, erzählt Regisseurin Franziska Stünkel die bestürzende Geschichte eines Geheimdienstlers, der sich in einen aussichtslosen Kampf gegen ein erbarmungsloses System verstrickt. Der Fall als solcher und seine Hintergründe hätten genug Material für einen rasanten Spionagethriller hergegeben, doch Stünkel erzeugt in „Nahschuss“ auf andere Weise Intensität: In ruhigen und immer düsteren Bildern zeigt sie die innere Entwicklung eines Menschen auf, der sich mit zunehmendem Entsetzen seinem vielfach tragischen Los stellen muss.

Es ist befremdlich, dass etwas derart Ungeheuerliches so wenig allgemein bekannt ist: Vor 40 Jahren vollstreckte die DDR am 26. Juni 1981 gegen Werner Teske ihr letztes Todesurteil. Dem Geheimdienstler und Hauptmann des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wurden vollendete Spionage und versuchte Fahnenflucht zur Last gelegt, wobei seine Verurteilung vor dem 1. Militärstrafsenat des Obersten Gerichts der DDR zwei Wochen zuvor himmelschreiendes Unrecht war – selbst nach dem Strafrecht der DDR. Denn der 39-Jährige hatte die ihm zur Last gelegten Taten eindeutig nicht vollendet, und das Gesetz des Arbeiter- und Bauernstaates sah die Todesstrafe nur für vollendete Delikte vor. An dieses erschütternde historische Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte erinnert nun die Filmemacherin Franziska Stünkel in dem Filmdrama Nahschuss.

Das Schicksal Werner Teskes ist eng mit dem Werdegang des MfS-Oberleutnants Werner Stiller verbunden, obwohl die beiden nicht unmittelbar etwas miteinander zu tun hatten: Zwei Jahre vor Teskes Hinrichtung war Stiller mit Koffern voller Geheimakten und Mikrofilmen in die Bundesrepublik übergelaufen und hatte sich dem Bundesnachrichtendienst (BND) angeboten. Diese Flucht sollte Teske zum Verhängnis werden. Denn Stillers Coup, der bis heute als einer der spektakulärsten Spionagefälle im Kalten Krieg gilt, bedeutete für die DDR nicht nur einen riesigen Imageschaden, sondern war auch eine gewaltige Schlappe für den Auslandsgeheimdienst des Landes, die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA): Der Überläufer half nicht nur, zahlreiche Ostagenten im Westen zu hochgehen zu lassen, sondern er trug auch maßgeblich zur Enttarnung des „Mannes ohne Gesicht“, des HVA-Chefs Markus Wolf bei. Auf einem Foto, das westliche Dienste auf einer Reise Wolfs nach Stockholm mit einem Teleobjektiv heimlich von ihm aufgenommen hatten, identifizierte Stiller den DDR-Spionagechef. Die Aufnahme gelangte an den „Spiegel“, der sie im März 1979 auf seiner Titelseite veröffentlichte.

Die Blamage hätte für den Staat der Arbeiter und Bauern kaum größer sein können – sie gilt deswegen als Hauptgrund für die Härte des Urteils gegen Teske. Dieser Zusammenhang und der spektakuläre Ablauf von Stillers Flucht über den Berliner Bahnhof Friedrichstraße hätte Stünkel genug Material in die Hand gegeben, aus ihrem Teske-Biopic einen rasanten Spionagethriller zu machen. Doch die Regisseurin entschied sich für einen anderen Weg. Die Causa Stiller etwa kommt in ihrem Film nur ganz am Rande vor. Denn ihr lag vor allem daran, die innere Entwicklung eines Menschen erfahrbar zu machen, dessen Leben von den Zwängen eines politischen Systems maßgeblich beeinflusst wird.

Nahschuss wagt sich somit an das Psychogramm eines Menschen, von dem – wie im Falle Werner Teskes – keine autobiographischen Aufzeichnungen überliefert sind. Stünkels Protagonist heißt im Film daher auch nicht Werner Teske, sondern Franz Walter (Lars Eidinger). Ein deutlicher Verweis darauf, dass sich Walters Leben nur in Bezug auf die bekannten Fakten, die im Rechtsverfahren über ihn und über den Ablauf der Hinrichtung bekannt wurden, an die Biografie Teskes anlehnt. Was jedoch Franz Walters Wesen angeht, formuliert der Film Annahmen darüber, wie ein Mensch fühlt und denkt, wenn er sich in einen aussichtslosen Kampf gegen ein erbarmungsloses System verstrickt. Veranschaulicht wird das mit langen ruhigen Einstellungen, in deren Mittelpunkt ein immer stärker verzweifelnder Franz steht. Ein Mann, der am Schluss hyperventiliert und von dem die Verzweiflung Besitz ergreift. Das Geschehen spielt sich fast ausschließlich in Innenräumen mit immer weniger Licht ab. Alles wird erdrückender, enger, verzweifelter.

Die DDR ist im Film ein farbloser Ort, doch obwohl dieser vor mehr als 30 Jahren unterging, ist die Darstellung von Franz‘ innerer Entwicklung in Nahschuss für den Zuschauer vollkommen nachvollziehbar: Er begegnet zunächst einem jungen, hoffnungsvollen und aufstrebenden Mann, der gerade an der Berliner Humboldt-Universität promoviert hat und für den sich plötzlich wie aus dem Nichts die Riesenchance einer baldigen Professur auftut. Wer würde bei einer solchen Aussicht im Deutschland des 21. Jahrhunderts in einer vergleichbaren Situation nicht auch Kompromisse eingehen? Für Franz lautet das Zugeständnis: Er muss zuerst für die HVA arbeiten – aus dem nach außen hin ehrenhaften Grund, seinen Beitrag für den fortwährenden Frieden in der DDR zu leisten.

Es ist zu schön, um wahr zu sein, doch das will Franz in dem Augenblick nicht wahrhaben – auch wenn es sich um einen Posten handelt, den man eigentlich nicht vor Mitte 50 bekommt. Seine wissenschaftlichen Leistungen sind ja tatsächlich dokumentiert und das hat der Staat durchaus zur Kenntnis genommen. Doch in seiner Allmacht hat der Leviathan in Form des MfS etwas anderes mit Franz vor, als ihm eine wissenschaftliche Karriere zu Füßen zu legen. Tatsächlich ist die Professur nur ein Lockmittel, um ein parteinahes Talent wie Franz als Spitzel für die eigenen Reihen zu gewinnen. Die Stasi weiß genau, welche Hebel sie ansetzen muss: Geld, eine neue, luxuriös ausgestattete Wohnung, auf die andere DDR-Bürger Jahre warten müssten und das Privileg, als Spion in den Westen reisen zu dürfen.

Zunächst genießt Franz sein neues Leben in vollen Zügen. Bald heiratet er seine Freundin Corina (Luise Heyer). Das Paar hatte das schon lange geplant, und für die Karriere ist es auch besser, denn nur verheirateten Männer genehmigt die HVA Operationen jenseits des Eisernen Vorhangs – damit sie auch wieder zurückkehren. Seine Missionen empfindet der neue Agent zunächst vor allem als interessant. Hamburg zu sehen und zu erleben, fasziniert ihn.

Doch dann wird er zunehmend aufgefordert, seine Zielpersonen mit den menschenverachtenden Mitteln der DDR-Diktatur unter Druck zu setzen: Erpressung, Irreführung und Psychoterror. Er kommt in Berührung mit dem, was Alexander Solschenizyn in seinem Monumentalwerk Der Archipel Gulag als ein prägendes Merkmal des stalinistischen Sozialismus beschrieben hat: „Wichtig ist das Resultat!“, schreibt der Literatur-Nobelpreisträger von 1970. „Wichtig ist es, eine schlagkräftige Partei zu organisieren! Die Macht zu ergreifen! Die Macht zu behaupten! Die Gegner zu vernichten!“

Franz kann es mit seinem Gewissen aber nicht vereinbaren, dass der Zweck alle Mittel bis hin zur Vernichtung von Menschen heiligt. Er will raus. Aber man lässt ihn nicht. Er beginnt zu trinken und entfremdet sich von Corina. Zunehmend verfällt er psychisch und physisch, bis er den Plan fasst, in den Westen zu fliehen. Er entwendet im Büro geheimdienstliche Unterlagen und schmuggelt sie nach Hause. Doch wegen Stillers Flucht sind die Vorgesetzten in der Stasi-Zentrale misstrauisch geworden. Ihnen ist Franz‘ Niedergang nicht verborgen geblieben. Sie finden die Unterlagen bei ihm zu Hause und nach tagelangen Verhören gesteht er, mit dem Material die Flucht in den Westen geplant zu haben. Ein Geständnis, das ihn das Leben kosten wird.

Die tiefe Tragik, die in dieser Geschichte steckt, arbeitet Nahschuss konsequent heraus. Anders als bei vielen Opfern des „Archipels Gulag“, die vollkommen unverschuldet und willkürlich im Vorhof der Hölle landeten, ist Franz nicht ohne sein Zutun in die desaströse Lage geraten, die der Film beschreibt. Er hätte von Anfang an „Nein“ sagen können, doch mit seinem „Ja“ wurde er zum Täter und Opfer zugleich. Auch er quälte Menschen und trägt deswegen Schuld. Das weist ihm an seiner Situation eine Mitverantwortung zu und das macht sein Schicksal dreifach tragisch: Denn über seinen Fluchtplan hinaus machte er sich erstens keines Verbrechens nach DDR-Recht schuldig, zweitens sollte einfach nur ein Exempel an ihm statuiert werden, und drittens hatte er es selbst in der Hand, das alles anders kommt.

Lars Eidinger stellt diese vielfache Heimsuchung mit derselben Kompromisslosigkeit dar, die ihn zu einem der gefragtesten Theater- und Filmschauspieler der Gegenwart gemacht hat. Doch vielleicht hätte zu dieser weithin unbekannten Geschichte das Gesicht eines weniger prominenten Schauspielers gepasst, der keine Assoziationen mit Zar Nikolaus II oder einem SS-Lagerkommandanten weckt.

Nahschuss (2021)

Der fußballbegeisterte Ingenieur Franz Walter (Lars Eidinger) erhält vom Auslandsnachrichtendienst der DDR ein vielversprechendes Angebot. Er soll als Stasi-Mitarbeiter die DDR dabei unterstützen, sich auf die kommende Fußballweltmeisterschaft vorzubereiten. Im Gegenzug wird ihm eine Professur in Aussicht gestellt. Franz nimmt das Angebot an und verpflichtet sich zu uneingeschränkter Systemtreue. Zusammen mit seinem Kollegen Dirk (Devid Striesow) wird er zu Auslandseinsätzen in die BRD geschickt. Zunächst scheinen seine Aktivitäten lediglich dem Informationsbedarf der DDR zu dienen, doch dieser Bedarf wird größer und monströser. Franz fühlt sich unwohl. Er isoliert sich. Selbst seine Frau Corina (Luise Heyer) ringt vergeblich um sein Vertrauen. Franz will raus, doch es gibt keinen Weg. Der Geheimdienst lässt ihn nicht gehen.

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