My Mexican Bretzel (2019)

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Anhand alter Amateuraufnahmen erzählt die Filmemacherin Nuria Giménez vom mondänen Leben eines Society-Paares in der Nachkriegszeit und balanciert dabei haarscharf auf der Grenze zwischen dokumentarischem und fiktionalem Erzählen. Wie sich am Ende herausstellt: Nichts ist so, wie es zunächst scheint.

My Mexican Bretzel (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Lügen und andere Wahrheiten

Vivian und Léon Barrett sind ein Schweizer Ehepaar, kinderlos und auf dem Weg nach oben. Die Bilder, die sie zeigen, stammen offensichtlich von Léon selbst, der mit Vorliebe seine Frau filmt und all die bürgerlichen Abenteuer, die sie erleben: Stierkämpfe in Spanien, Sommerurlaube auf Mallorca, Skiferien in den Alpen und ein Besuch der 24 Stunden von Le Mans im Jahre 1955, während der sich der bisher schwerste Unfall in der Geschichte des Motorsports ereignete, der 84 Menschen das Leben kostete. Ein Erlebnis, das die beiden, wie es im Film heißt, nachhaltig traumatisierte.

Sonst aber läuft es gut in ihrem Leben: Léon legt dank eines Antidepressivums namens Lovedyn eine steile Karriere in der boomenden Pharmabranche hin, seine Frau Vivian begleitet ihn auf all seinen Reisen und hält die Eindrücke in einem Tagebuch fest, das durchzogen ist von den Weisheiten und Sinnsprüchen eines (erfundenen) Gurus namens Paravadin Kanvar Kharjappali, der zu dem am Ende des Films als Plagiarist enttant wird, dessen einer Satz fast so etwas wie das Motto und Leitmotiv dieses Filmes bildet: „Lies are just another way of telling the truth.“ Denn wie sich herausstellen wird, hat es allem Anschein zum Trotz Vivian und Léon Barrett niemals gegeben, die ihnen zugeschriebenen Ereignisse und Geschichten sowie ihre Lebensläufe sehen zwar aufgrund des Materials echt aus, sind es aber nicht, sondern allenfalls Variationen und Abwandlungen einer ganz anderen Wahrheit.

50 Rollen 16mm-Filmmaterial bildeten den Ausgangspunkt für Nuria Giménez’ Film, die knapp 30 Stunden umfassen. Es sind Amateurfilme, die ihr eigener Großvater Frank A. Lorang gemeinsam mit seiner Ehefrau Ilse G. Ringier drehte und die die Regisseurin 2011 nach dem Tod des Großvaters fand. Fasziniert von dem Material wollte sie die Filme nicht einfach vernichten, sondern damit etwas tun. Gleichzeitig schien es ihr aber unvorstellbar, die sehr persönlichen filmischen Memoiren ihrer Großeltern ungefiltert auf die Leinwand zu bringen. Und so entstand mit der Zeit die Idee, deren Hinterlassenschaften mit der Geschichte eines anderen, rein fiktiven Paares zusammenzuflechten, das zwar Ähnlichkeiten zu der der Lorangs hatte, aber dennoch anders war.

Es gibt Filme — und die bilden die absolute Ausnahme -, nach denen sitzt man wie geplättet im Kinosessel und braucht erst eine ganze Weile, bis man begriffen hat, dass man gerade der Geburt von etwas ganz Neuem zugesehen hat. Nuria Giménez Lorangs schwer einzuordnender Film, der sich auf dem schmalen Grad zwischen Dokumentar- und Spielfilm bewegt und für den zudem kein Meter eigenes Material gedreht wurde, ist ein faszinierendes Werk, von dem man vielleicht erst in der Zukunft wird begreifen können, was der Film womöglich für Folgen nach sich zog. Vielleicht aber bleibt er auch ein Unikum, ein Solitär, weil er die Grenzen (ähnlich wie Kasimir Malewitsch mit seinem Werk Das Schwarze Quadrat aus dem Jahre 1913) seiner Gattung derart zu einem Endpunkt gebracht hat, dass er wie ein Monolith dasteht. Und so hinterlässt der nur 73 Minuten lange Film am Ende eine Menge Fragen — nach dem Verhältnis von Fiktion und Wahrheit, von Bild(ern) und Narration(en), nach einer immer wieder eingeforderten „Verantwortung“ im Umgang mit dokumentarischem Material und dem Recht zur Neuanordnung von Vorgefundenem, wie es die Musik schon lange kennt (Remixes und Samples) und letztlich auch nach dem Wesen des Films gerade im Zeitalter des Digitalen, in dem es nicht mehr unbedingt eine Kamera braucht, um ein aufregendes filmisches Experiment zu erschaffen.

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