Monday um zehn (2021)

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Helga fällt vom Stuhl ins Heizungsgitter ihres gediegenen Bungalows: Dieser bildgewordene Zustand ihrer Gutbürgerlichkeit ist der Beginn eines innigen, komischen Porträts des Lebens auf der Suche nach Glück und in der Sorge um Status.

Monday um zehn (2021)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Die Dame und der Putzmann

Eine elegante Dame im eleganten Bungalow. Alles gediegen, ordentlich, an seinem Platz. Dann sieht sie etwas, oben, an der Decke. Holt ein Glas, holt einen Zettel: Die Spinne stört. Sie stellt sich auf einen Hocker, es wackelt, und rumms…! In Sonja Heiss’ „Hedi Schneider steckt fest“ von 2015 bleibt Laura Tonke als Hedi Schneider im Fahrstuhl stecken – der Beginn einer grandiosen Komödie über Depression. In Mareille Kleins „Monday um zehn“ steckt Ulrike Willenbacher als Helga in einem Loch fest, bis zu den Schultern, sie ist beim Sturz durchs Heizluftgitter gekracht. Das ist eine vergegenwärtigte Metapher wie das Elf-Uhr-Loch aus der guten alten Werbezeit – nur dass es nicht ums Durchhängen bei einem Frühstück ohne Palmöl-Brotaufstrich geht, sondern um den schleichenden Übergang von Gesetztheit in Erstarrung geht.

Die Putzhilfe entdeckt Helga und noch beim Vorspann ist sie wieder raus. Körperlich zumindest. Außer, dass der Knöchel gebrochen ist. Im Rollstuhl kurvt sie durch die Zimmer, die eine Krücke muss der Ex-Mann mal mitgenommen haben. Die Tochter bietet an, vorbeizukommen, das wäre nicht schlecht, nur ist derzeit so viel zu tun, wenn es nicht wirklich schlimm ist, geht es ja auch alleine, oder Mama? Der Ex stellt die Krücke vor die Haustür, die Putzfrau ist im Urlaub und der Ersatz ist – ein Mann! Ryszard ist Pole, stellt beinahe seinen Rucksack auf den falschen Stuhl, wäscht im Keller sofort die Wäsche, dabei ist vorher Staubwischen und -saugen angesagt, und beim Kloputzen nimmt er den gelben, nicht den blauen Lappen. Was soll Helga mit dem anfangen, der kaum Deutsch kann, und sie kann kein Englisch? Nun. Die beiden fangen was miteinander an…

Monday um zehn: Das ist die Zeit, in der Ryszard zum Putzen kommt. Irgendwie ändert das vieles in Helgas Leben. Sie beschließt gar, auszuziehen, eine Wohnung in der Stadt zu mieten. Alles, was sich über die Jahrzehnte im Keller angesammelt hat, muss entrümpelt werden. Inklusive dem toten Wellensittich im Vogelbauer, den die Tochter als Kind versteckt hat, inklusive der kaum benutzten Golfschläger von Helgas Ex, als er statt auf den Golfplatz lieber auf das eine oder andere Schäferstündchen gegangen ist. Ryszard findet einen 90er-Jahre-Sampler, er tanzt, sie küssen sich, das Schicksal hat zugeschlagen.

Mareille Kleins Film ist eine Komödie der Traurigkeit, es ist ein Liebesfilm ohne überwältigende Gefühle. Sie hält stets sorgsam balancierend die Distanz zum Geschehen, so dass Helga und ihre Welt komisch wirken; und bleibt stets nah genug, um sich einzufühlen. Und sie lässt Ambivalenzen zu: Hat der Ex die Krücke aus Bosheit grußlos hingestellt oder war Helga mit ihrem Rollstuhl zu langsam an der Tür? Legt Ryszard aus Berechnung ein flottes Tänzchen hin, um Helga rumzukriegen, oder nähern sie sich ganz natürlich einander an? Oder hat gar Helga ihren unbewussten Trieben schon vorher nachgegeben, als sie ihn einlädt zum sonntäglichen Konzertbesuch, weil sie sich wieder allein fühlt, als Rita, die Freundin, sie wiederholt versetzt und weil eine Begleitung schlicht ihrem Status entspricht?

Beim regelmäßigen Kartenspiel mit ihren Freundinnen wird eifrig diskutiert. Also einen Mann würde man doch wohl nicht sein Klo putzen lassen? Überhaupt, warum muss einer in Ryszards Alter noch putzen gehen? Bei einer Geburtstagsfeier ist nicht nur die herrliche Hurtigruten-Kreuzfahrt Gesprächsthema, sondern auch die Immobilienpreise in Polen und die Frage, warum Ryszard eigentlich nie richtig Deutsch gelernt hat. „Also, in Polen will ich nicht wohnen!“ – „Wo soll man überhaupt wohnen außerhalb von Deutschland?“

Helga hat sich eingelebt im gutbürgerlichen Milieu der älteren Semester, das Veränderung scheut und das Bekannte schätzt. Das bringt Formulierungen mit sich, die rassistisch und sexistisch sind (in diesem Fall gegen den Putzmann) – aber die sind nicht böse gemeint, man kennt’s halt nicht anders, als dass alles seine langerprobte Ordnung hat. Dass sich Helga auf Ryszard einlässt, ist für sie das Glück – aber nur im Privaten, in den eigenen vier Wänden. Außerhalb ist es peinlich, es ist halt nicht so richtig standesgemäß, zumal Ryszard ebenfalls im Freundeskreis verkehrt, nur eben als dienstbarer Geist.

Klein inszeniert ganz wunderbar behutsam, sie dringt nicht filmisch auf ihre Charaktere ein, sondern lässt sie sich entfalten. Wir bekommen alte Verletzungen und die gegenwärtigen Befindlichkeiten mit, ohne dass sie uns aufs Auge gedrückt würden. Die Schauspieler, allen voran Ulrike Willenbacher, agieren natürlich, organisch mit ihren Rollen verwachsen: mit Figuren, die in ihrer Welt und in ihrem Denken stecken und denen wir daraus eigentlich kaum einen Vorwurf machen können. Genau daraus zieht der Film seine Komik: Als Helga im Loch steckt, bekommt sie einen Anruf. Rita sagt wieder mal das Konzert ab, „erschieß mich, ich hab eine spontane Einladung nach Formentera bekommen“, und überhaupt: Wie geht’s dir denn? „Ach joa, alles gut soweit.“ Kurz danach kommt der Rettungsdienst.

Monday um zehn (2021)

Spätestens als Helga (62) durch den Boden ihres Wohnzimmers kracht, begreift sie, dass sie feststeckt. Vielleicht kann die Begegnung mit dem polnischen Putzmann Ryszard ihrem Leben eine neue Richtung geben

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Meinungen
Manon&Hans von Flotow · 05.07.2021

Der Film klingt vielversprechend- witzig, klug und man am Leben. Freue mich schon, wenn er ins Kino kommt!!!

Kommentare