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In „Mit Liebe und Entschlossenheit“ schickt Claire Denis ihr Liebes-Trio Juliette Binoche, Vincent Lindon und Grégoire Colin mit voller Wucht durch die emotionale Hölle.

Mit Liebe und Entschlossenheit (2022)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Ein Gefühlshorrorfilm

Alles beginnt in einem Urlaubsparadies. Sara (Juliette Binoche) und Jean (Vincent Lindon) genießen das Meer. Weit und breit keine Menschenseele außer ihnen beiden. Sanfte Berührungen, entspannte Gesichter, Händchenhalten unter Wasser. Es ist so unfassbar schön, dass wir glauben müssen, es handele sich um eine Erinnerung – an eine Zeit, bevor dieses Idyll zertrümmert wurde. Denn so glücklich können Leute doch nur in der Rückschau sein, als stark verblendete Reflexion in den Scherben gebrochener Herzen. Oder?

Doch wir sind tatsächlich in der Gegenwart. Das Paar kehrt von seiner Reise zurück in den Pariser Alltag. Und hier müssen wir plötzlich feststellen, wie großartig Claire Denis darin ist, unser Leben im Hier und Jetzt, in der aktuellen Zeit einzufangen: der Mund-Nasen-Schutz am Arbeitsplatz, im Supermarkt oder in der Métro; Videochats, verpasste Anrufe auf dem Handy; Händewaschen in der Spüle beim Betreten der Wohnung. Was in anderen Filmen oder Serien entweder bis heute nicht angekommen ist oder allzu bemüht in die Inszenierung eingebaut wirkt, integriert Denis ganz organisch in das Geschehen.

Umso bemerkenswerter ist das, da Mit Liebe und Entschlossenheit alles andere als ein naturalistisches Werk ist. Der Kammer-Pop-Score der britischen Band Tindersticks ruft mit jedem Ton kräftig: „Drama!“ Und schnell begreifen wir, dass Denis sich abermals einem Genre angenommen hat, um diesem lustvoll ihren eigenen Stempel aufzudrücken. So wie Trouble Every Day (2001) kein typischer Vampir-Grusel war, Meine schöne innere Sonne (2017) keine konventionelle romantische Komödie und sich High Life (2018) partout nicht den gängigen Regeln einer dystopischen Science-Fiction-Erzählung unterwarf, erhalten wir hier selbstverständlich kein formelhaftes Liebesdrama.

Vielmehr greift Denis die Formeln eines anderen, vermeintlich konträren Genres auf und überträgt diese auf das Gefühlskino: Mit Liebe und Entschlossenheit mutet wie ein Horrorfilm der Emotionen an, radikal, brutal, exzessiv. Ein Gemetzel der Empfindungen, ein schonungsloses Herzblutvergießen. Wir erfahren, dass die Radiomoderatorin Sara vor circa zehn Jahren ihren Freund François (Grégoire Colin) verlassen hat, um eine Beziehung mit dessen Kumpel und Kollegen Jean einzugehen. Dieser war zu jener Zeit noch verheiratet und hat einen inzwischen 15-jährigen Sohn, Marcus (Issa Perica), der bei Jeans Mutter Nelly (Bulle Ogier) wohnt. Plötzlich taucht François wieder auf und bietet Jean, der einige Jahre im Gefängnis saß, einen Job an. Sara wird von François’ Rückkehr völlig aus der Bahn geworfen – und sieht sich bald (erneut) inmitten eines Liebesdreiecks.

Wenn Sara François für einen kurzen Moment vor ihrem Studio erblickt und daraufhin im Fahrstuhl fast zusammensackt oder wenn sie beobachtet, wie er sich an einer Straßenecke mit Jean trifft, vermittelt der geheimnisvolle Ex-Freund beinahe den Eindruck des titelgebenden Monsters aus Der weiße Hai (1975): eine undeutliche und doch äußerst rabiate Bedrohung, eine Gefahr für Leib und Seele. Es sind emotionale Jump Scares, die dem großen Schrecken vorausgehen.

Wenn sich Sara und François schließlich nach langer Zeit wiederbegegnen, im neuen Büro der beiden Männer, erfassen Denis und ihr Kameramann Éric Gautier dies in Zeitlupe, mit zahlreichen Nahaufnahmen. Alle Standardsituationen eines Liebesdramas werden ins Unermessliche überhöht. In einer erotischen Szene flüstert und ruft Sara so oft und so inbrünstig „Mon amour!“, dass die Worte dem Ganzen mehr Intimität und Explizitheit verleihen als die nackten Körper. Der Streit, die Wut, die Vorwürfe, das Schreien – alles geht bis zum Äußersten und darüber hinaus. Eine Splatter-Orgie aus Tränen und psychischen Grausamkeiten.

Gegen Ende von Mit Liebe und Entschlossenheit sagt ein Mitarbeiter in einem Geschäft zu Sara, dass leider alles auf ihrem ins Badewasser gefallenen Handy gelöscht sei. Sämtliche Nummern und Nachrichten und somit auch all die Worte der Zuneigung und der heimlichen Lust, die Sara und François einander im Taumel der wiedererwachten Gefühle zugeschickt haben. Das dramaturgische Äquivalent zu diesem rigorosen Ende wäre in einem Horrorfilm wohl ein Finale, in dem absolut niemand überlebt. Kein Held, kein Final Girl, alle tot. Auf diese Weise von der Liebe zu erzählen, ist womöglich wirklichkeitsnäher, als wir uns eingestehen wollen. Und wenn ein Mensch das vor allen anderen verstanden hat, dann ist das ohne Zweifel Claire Denis. Bravo!

Mit Liebe und Entschlossenheit (2022)

Sara ist in einem Liebesdreieck zwischen zwei Männern gefangen, ihrem langjährigen Partner Jean und dessen früheren besten Freund François, mit dem sie davor zusammen war. Erst hatte Sara ihn auf der Straße wiedergesehen, und plötzlich nahm François nach Jahren der Funkstille Kontakt mit Jean auf, um wieder mit ihm zusammenzuarbeiten.

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