Minari - Wo wir Wurzeln schlagen (2020)

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Es soll ein Neuanfang werden, als die Familie Yi in den 1980er Jahren im ländlichen Arkansas das Glück sucht. Mit traumschönen Bildern und in einer Mischung aus Tragik und komischen Elementen erobert der Regisseur Lee Isaac Chung die Herzen des Publikums im Sturm.

Minari - Wo wir Wurzeln schlagen (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Heimat finden

Arkansas in den 1980er Jahren: Aus Kalifornien kommend, hat der aus Korea stammende Jacob (Steven Yeun) seine Frau Monica (Yeri Han) und die beiden Kinder Anne (Noel Kate Cho) und David (Alan Kim) ins Familienauto gepackt und nach Arkansas verfrachtet, wo er gerade eine kleine Farm erworben hat. Hier will er sein Glück machen und mit dem Anbau koreanischen Gemüses für die Lebensmittelläden der Diaspora genügend Geld verdienen, um endlich den verhassten Job loszuwerden, bei dem er in gigantischen Geflügelzuchtbetrieben männliche Küken aussortiert und damit dem Tod überantwortet. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Hier, im Westen von Arkansas an den Ausläufern der Ozark Mountains, soll das Leben endlich eine Wendung zum Besseren, wenn nicht sogar zum Guten nehmen. Und das ist auch dringend notwendig, denn die Familie ist nicht nur verschuldet, sondern leidet auch unter der Herzerkrankung des kleinen David, die genaueste Beobachtung erfordert und vielleicht eine kostspielige Operation nötig macht.

Als sie das Haus sieht, ist Monica allerdings völlig entsetzt. Der Kasten wirkt nicht nur vollkommen heruntergekommen, sondern hat zu allem Überfluss auch noch Räder montiert. Es ist eher ein riesiger Wohnwagen als ein ordentliches Farmhaus. Hier sollen sie sesshaft werden? Undenkbar! Noch dazu ist der nächste Arzt mindestens eine Stunde Autofahrt entfernt – und das mit dem kranken David? Wie soll das alles gehen?

Viel Zeit lässt sich Lee Isaac Chung bei der Exposition und der Figurenzeichnung der kleinen Familie, an deren hartem und entbehrungsreichem, aber keineswegs nur tristen Leben das Publikum hautnah Anteil nimmt. Wir schauen dabei zu, wie Jacob sich daran macht, das Land urbar zu machen, bestaunen seine Begeisterung, als er an einer Stelle seiner misstrauischen Frau begeistert erklärt, es handele sich bei dem Boden um die beste Erde Amerikas („the best dirt in America“), schauen dabei zu, wie ein windiger Wünschelrutengänger nach einer Wasserquelle sucht, um die Felder bewässern zu können und lernen mit wachsendem Entzücken Soon-ja (Yuh-jung Youn) kennen, Monicas wunderliche Mutter, die bald zur Familie stößt und zu der vor allem David schnell eine innige Beziehung hat.

Lee Isaac Chung verarbeitet in seinem in Sundance gleich doppelt ausgezeichneten (neben dem Grand Jury Award gab es noch den Audience Award) und für gleich sechs Academy Awards nominierten Film auch eigene Erfahrungen, die er als Kind gemacht hat. Wie die Familie, die er in Minari so liebevoll in all ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten porträtiert, ist auch er als Sohn südkoreanischer Eltern im ländlichen Arkansas aufgewachsen. Doch erst, als ihm die Figur des David einfiel, so heißt es in einem Statement des Filmemachers, war ihm klar, auf welche Weise er seine persönliche Reise auf die Leinwand bringen konnte.

Und tatsächlich stellt sich David im Laufe des Films immer mehr als dessen eigentlicher Protagonist heraus. Zum einen dreht sich derart viel um seine Erkrankung, dass seine Schwester völlig in den Hintergrund gerät und es lange dauert, bis ihr Name zum ersten Mal fällt. Zum anderen wird die Beziehung des Jungen zu seiner recht unkonventionellen Großmutter neben der Paarbeziehung zwischen Jacob und Monica zu eigentlich bestimmenden und tragenden des ganzen Films. Während die Eltern in ihren Kämpfen erstarrt sind, sind es die alte Frau und der kleine kranke Junge, die erst die eigentliche Bestimmung des Landes und dessen Schatz entdecken.

Mit gemächlichem Tempo und betörend schönen, niemals ins Kitschige gleitenden Bildern vom Leben auf dem Land, gedreht von Lachlan Milne, gelingt es Lee Isaac Chung in seinem fast schon epischen Film, eine ganze, sehr spezifische Welt zu entwerfen, von der wir sonst vielleicht nie etwas in Erfahrung gebracht hätten. Man fühlt sich nach diesem Film um vieles reicher und auch ein wenig beglückt, daran teilhaben zu dürfen – an diesem Ausschnitt aus einem fremden Leben, das für 115 Minuten zu unserem wurde.

Minari - Wo wir Wurzeln schlagen (2020)

Das Leben des siebenjährigen David, eines Jungen mit koreanischen Wurzeln, wird gründlich auf den Kopf gestellt, als sein Vater sich Mitte der 1980er Jahre dazu entschließt, mit der Familie ins ländliche Arkansas zu ziehen, um dort eine Farm zu betreiben.

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