Messies – Ein schönes Chaos

Messies – Ein schönes Chaos

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Das Versinken im Berg der Dinge

Warum immer wieder die Schweiz? Nein, es geht dieses Mal nicht um Steuerflüchtlinge, um Nummernkonten bei diskreten Schweizer Banken und um am Fiskus vorbei geschmuggeltes Schwarzgeld und noch nicht einmal um ominöse Daten-CDs, sondern um etwas ganz anderes. Nämlich um die Frage, warum ausgerechnet in der sauberen und stets wie aufgeräumt wirkenden Schweiz Messies solch ein Phänomen sind. Ob dies empirische Zahlen belegen, ist zwar unbekannt, doch zumindest könnte man auf diese Idee kommen. Denn Ulrich Grossenbachers Dokumentarfilm Messies – Ein schönes Chaos ist in jüngerer Zeit bereits der zweite Film nach [ilionk=8380]Sieben Mulden und eine Leiche[/ilink] von Thomas Haemmerli, der sich mit dem Phänomen auseinandersetzt. Wenngleich dies hier in einer ganz anderen Art und Weise geschieht. Während Haemmerlis Film nämlich eine vor allem aus persönlichen Erfahrungen gespeiste Recherche in das Leben der eigenen Messie-Mutter war, wählt Grossenbacher einen anderen Zugang.
Vier Messies stehen im Mittelpunkt seiner Beobachtung, an der Grossenbacher selbst – im Gegensatz etwa zu Haemmerli, der in seinem Film permanent präsent ist – keinen (sichtbaren) Anteil nimmt. Statt zu kommentieren und zu bewerten zeigt er einfach nur den Alltag seiner Protagonisten und die mannigfaltigen Schwierigkeiten, auf die sie immer wieder stoßen: Da ist beispielsweise der Bergbauer Arthur, der bereits jenseits der Siebzig ist und dessen Bauernhof wie ein überfüllter Friedhof kaputter Maschinen und Fahrzeuge jedweder Art erscheint. Weil dieses kunterbunte Sammelsurium aus – Verzeihung, nennen wir es beim Namen: Schrott – den Nachbarn in der kleinen Gemeinde und den Touristen ein Dorn im Auge ist, ergehen immer wieder Mahnbescheide an den renitenten Mitbürger, er möge doch bitte Ordnung halten. Bis schließlich eines Tages gerichtliche Vertreter eintreffen, die mit buchhalterischer Akribie den genauen Bestand aufnehmen und dann entscheiden sollen, was weg kann und was der Bauer zum Bewirtschaften seines Hofes braucht.

Was in den Höhen der Schweizer Berglage noch vergleichsweise normal aussieht, wird in der drangvollen Enge von Elmiras Wohnung schnell umso augenfälliger. Abertausende von Kassetten sind hier zu regelrechten Wänden geformt, bilden Barrieren, Wege und Sackgassen, die die schon etwas ältere Dame nur mit viel Mühe überwinden kann. Auf ihren Kassetten befinden sich unzählige Mitschnitte von Kultursendungen, die die überaus interessierte Frau sammelt und von denen sie einfach nicht lassen kann. Leben und schlafen ist in dieser Wohnung eigentlich kaum mehr möglich. Aber dennoch – sie kann einfach nicht anders.

Noch ein wenig trauriger ist die Geschichte von Karl, dessen Sammelleidenschaft längst auch seine Ehe belastet. Immer wieder versucht er sich  — auch seiner Frau zuliebe, die das Leben von dem angesammelten Kram
nicht mehr aushält, von seinem Besitztümern zu lösen. Doch als die Aufräumaktion dann ansteht, kämpft er um jedes Stück, erfindet fadenscheinige Ausreden, warum er das kaputte Radio oder die abertausende von alten Schlössern doch behalten MUSS. Außerdem gibt es da noch das geheime Depot, von dem niemand etwas weiß und wo er die bei der Aktion beiseite geschafften Dinge hortet, weil er sie hier vor dem Zugriff der Anderen sicher wähnt.

Der Letzte in der Runde ist Thomas, der mit Vorliebe auf dem Schrottplatz herumwühlt und mit kindlicher Freude alte Motoren und Geräte wie ausrangierte Fahrkartenautomaten der Eisenbahn auseinandernimmt. Mit ihm begann alles, denn Thomas ist ein alter Freund des Filmemachers und gestand diesem vor einigen Jahren, dass er Messie sei.

Anhand dieses Quartetts entwickelt Grossenbacher auf überaus anschauliche Weise beinahe so etwas wie eine Typologie der Messies und gibt dem Zuschauer einen Einblick in deren Seelenleben. Immer wieder gelingen ihm Szenen, die beinahe schon so etwas wie eine absurde Komik zutage treten lassen. Was der Film aber zu vermeiden versteht, ist ein Abgleiten in eine Haltung, die das Phänomen der Lächerlichkeit preisgibt – im Gegenteil. Die Gespräche mit den Messies gehen zu Herzen und sorgen für überaus berührende Momente, wenn beispielsweise Karl mit seiner Frau über ihre Ehekrise spricht oder wir ihn später weinend auf der Erde kauern sehen, als er die Trennung von einem besonders geliebten Gegenstand kaum verwinden kann.

Neben der Nähe und der unverhohlenen Sympathie, die den Film weit über die manipulativen und vor allem auf Voyeurismus ausgerichteten TV-Dokus vornehmlich privater Fernsehsender hebt, gibt die Dokumentation auch eine Ahnung von den psychologischen Motivationen für das Verhalten, ohne ihre Erkenntnisse dem Zuschauer auf das staunende Auge zu drücken. Eine Einsicht, die einen dabei ereilt, lässt es durchaus als nicht ganz zufällig erscheinen, dass ausgerechnet im saubersten Land der Welt eine insgeheime Vorliebe für das Chaos und die Unordnung herrscht – als Akt des unbewussten Widerstandes gegen die bestehende Ordnung und Mentalität. Dies ist aber nur eine Seite der Medaille.

Messies – Ein schönes Chaos ist ein bemerkenswerter Film, der sich einerseits seinen Protagonisten mit viel Zärtlichkeit und Anteilnahme nähert. Was ihn aber wirklich besonders macht, ist die Tatsache, dass er es versteht, neben seiner emotionalen Wärme auch die Metaebene zu bedienen und den Zuschauer zum Nachdenken zu bringen über die Ordnung der Dinge – und zwar die gesellschaftskonforme und die ganz eigene der Menschen, von denen er erzählt.

Messies – Ein schönes Chaos

Warum immer wieder die Schweiz? Nein, es geht dieses Mal nicht um Steuerflüchtlinge, um Nummernkonten bei diskreten Schweizer Banken und um am Fiskus vorbei geschmuggeltes Schwarzgeld und noch nicht einmal um ominöse Daten-CDs, sondern um etwas ganz anderes. Nämlich um die Frage, warum ausgerechnet in der sauberen und stets wie aufgeräumt wirkenden Schweiz Messies solch ein Phänomen sind.
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