Mein etwas anderer Florida Sommer (2019)

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Der Urlaub in Florida mit Papa ist gestrichen. Stattdessen steckt der Teenager Daniel zu Hause bei Mama fest. Für Daniel ist das die Hölle, für das Publikum eine wahre Freude.

Mein etwas anderer Florida Sommer (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Mama ante Portas

In Filmen über das Erwachsenwerden dienen die Sommerferien gern als Zeit der Transformation. Die Figuren durchleben Abenteuer hinterm Haus, verlieben sich im Urlaub, schnuppern in Ferienjobs ins Berufsleben oder erproben einen neuen Look fürs nächste Schuljahr. In Simon Birds Langfilmdebüt als Regisseur passiert nichts davon. Damit kommt er der tristen Realität weitaus näher.

Daniel Bagnold (Earl Cave) denkt gar nicht daran, irgendetwas an seinem Alltag oder Aussehen zu ändern. Seine Mutter Sue (Monica Dolan), die ständig ungebeten in sein Zimmer platzt, darf ihm nicht einmal neue Schuhe für eine anstehende Hochzeitsfeier kaufen. In schwarzer Heavy-Metal-Kluft und mit fettigen Haaren schlurft er hinter Sue her und hält dabei peinlich genau eben jenen Sicherheitsabstand, den pubertierende Jungs zu ihren peinlichen Müttern eine Zeit lang einnehmen. Daniels T-Shirts zieren Bandnamen wie Dungeon. So fühlt sich das Leben in der britischen Vorstadthölle wohl an, wie im Kerker.

Zum Glück ist Daniel seine Mutter bald für ein paar Wochen los. Sein Vater hat ihn zu sich und seiner neuen Frau ins sonnige Florida eingeladen. Doch dann bekommt Papa kalte Füße und Daniel steckt zu Hause fest. Zum Glück für das Publikum, denn das schräge Mutter-Sohn-Gespann ist ein Fest für die Lach- und Gesichtsmuskeln. Der Humor ist so staubtrocken, dass das Gekicher immer wieder unvermittelt aus einem herausbricht. Und die kleinen Alltagssituationen sind so fein beobachtet, dass man aus dem Schmunzeln gar nicht mehr herauskommt. Oft sind dafür nicht einmal Dialoge nötig. So simple Dinge wie zum Trocknen aufgehängte Wäsche sind in diesem Film ganz großes Kino.

Im Grunde passiert nicht viel. Daniel tut das, was antriebslose Teenager eben so tun: lange schlafen, rumlümmeln, alles und jeden dumm kommentieren. Aus dem Off hellt der Soundtrack der schottischen Band Belle and Sebastian die trübe Stimmung auf, wenn nicht gerade schroffe Metal-Riffs humoristisch dazwischenfahren. Daniels größter Traum ist eine eigene Band. Wie sich dieser wider Erwarten erfüllt, zählt zum Komischsten, was in puncto harte Musik in den vergangenen Jahren zu sehen war. Derweil erlebt Sue, eine mausgraue Bibliothekarin, von Monica Dolan unwiderstehlich gespielt, ihr eigenes Abenteuer. Auch dessen Auflösung ist köstlich.

Simon Bird kennt sich mit dem medienvermittelten Erwachsenwerden aus. Der 1984 geborene Engländer spielte den Teenager Will McKenzie in der Sitcom The Inbetweeners (2008-2010) und in den zwei daraus ausgekoppelten Kinofilmen, die in Deutschland die plakativen Titel Sex on the Beach (2011) und Sex on the Beach 2 (2014) trugen. Bird war seinerzeit bereits Mitte 20 und hatte einen Studienabschluss in der Tasche. Sein Hauptdarsteller Earl Cave ist zwar ebenfalls schon volljährig, aber deutlich näher am Alter seiner Figur. Sein meist regungsloser Gesichtsausdruck ist unschlagbar. Die Ähnlichkeit zu seinem Vater, dem Musiker Nick Cave, ist unverkennbar.

Bird hat sich für sein Debüt Joff Winterharts Graphic Novel Days of the Bagnold Summer ausgesucht. Birds Frau Lisa Owens hat das Drehbuch geschrieben. Winterharts von allen überflüssigen Details befreite Panels überführt Bird in spärlich möblierte und fein säuberlich aufgeräumte Tableaus. Der lakonische Humor des Comics findet sich auch im fertigen Film.

In vier Kapiteln erzählt das Ehepaar gleich zwei kleine Entwicklungsromane in einem übergeordneten Familienroman. Sue, die nach ihrer Scheidung nur noch für ihren Sohn gelebt hat, lernt, endlich wieder mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Und Daniel muss (an-)erkennen, dass seine Mutter so schlimm gar nicht ist. Der Frust über Daniels Vater verbindet. Daniel findet weder einen Ferienjob noch erfindet er sich neu, am Ende findet er aber ein wenig näher zu seiner Mutter. Auch das gehört zum Erwachsenwerden.

Mein etwas anderer Florida Sommer (2019)

Die Urlaubspläne eines Heavy-Metal-begeisterten Teenagers scheitern in letzter Minute. So muss er denn den Sommer mit derjenigen Person verbringen, die ihm am meisten auf die Nerven geht: mit seiner Mutter.

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