Mein 40-jähriges Ich (2020)

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Eine Perle des gegenwärtigen US-Kinos ist auf Netflix zu finden: „Mein 40-jähriges Ich“ ist ein kluger und vielschichtiger Film über das Künstler*innendasein und New York. 

Mein 40-jähriges Ich (2020)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Durchbruch mit 40

Es ist das Knarzen des Knies, das in diesem Film perfekt die Balance zwischen Komik und Wahrhaftigkeit ausdrückt. Radha (Radha Blank) hat einen Theaterbesitzer (Andre Ward) aufgesucht, weil sie für ihr Stück eintreten und eine bessere Bezahlung haben möchte. Daraufhin beginnt er eine Art Zeremonie und will seine Vorfahren befragen. Also setzt er sich auf ein Kissen und bedeutet Radha, sie möge sich dazusetzen. Als sie es tut, knarzt ihr Knie. Es hört sich fast so an wie eine Hosennaht, die aufgeht. Oder ein Pups. Aber es ist ein Knarzen, das so einige kennen mögen. Denn Radha ist fast 40 Jahre alt, und ihr Körper knackt und knarzt nun einmal an bestimmten belasteten Stellen wie das Kniegelenk. 

Dieses Knarzen wird im Film immer wieder auftauchen, es ist ein Running Gag, in dem aber wie in jeder Szene von Mein 40-jähriges Ich viel mehr steckt: Da ist der offensichtliche Witz mit dem Geräusch in einer absurden Situation, in der Ahnen kontaktiert werden, um Geld abzulehnen. Da ist aber auch der Theaterbetreiber, der zwar Stücke von Schwarzen Autor*innen produzieren will, damit aber kein Geld machen kann. Dazu kommt Radha, die mit fast 40 Jahren immer noch kämpfen muss, um von ihrer Kunst leben zu können. Und zudem verweist diese Szene alleine durch ihre Existenz noch darauf, dass Frauen wie Radha – fast 40, Schwarz, dick – kaum auf Leinwänden so zu sehen sind, wie sie im normalen Leben sind.

Diese Szene ist nur ein Beispiel aus diesem überaus klugen und vielschichtigen Film, für den Radha Blank in Sundance den Regiepreis gewonnen hat und der hierzulande auf Netflix zu sehen ist. In Schwarz-Weiß gehalten erinnert er an Woody Allens Manhattan – auch Radha könnte mit ihrer ausgestellten Selbstwahrnehmung und Selbstkritik eine Allen-Figur sein. Allerdings fehlen ihr deren Narzissmus und Anspruchshaltung. Vielmehr ist sie wundervoll mürrisch und zugleich wehmütig, lustig und kämpferisch. Vielleicht wirken sie und der Film daher auch wie eine klügere, aufrichtigere, erwachsenere, weiblichere Variante von Frances Ha und eine Fortsetzung von Spike Lees She’s Gotta Have it

Während Lees Nola mit drei Männern beschäftigt ist, bewegt sich Radha Blanks Radha in drei künstlerischen Bereichen: Sie gibt an einer Highschool Theaterunterricht und begegnet dort einer Gruppe Jugendlicher, die sie anfeuern, kritisieren und zugleich im Film immer wieder Comic-Relief-Funktion haben. In der (weißen) New Yorker Theaterwelt kämpft Rahda mit der Umsetzung ihres eigenen Stücks, das von dem weißen Produzenten und der weißen Regisseurin entscheidend verändert wird. Denn es sind nur bestimmte Geschichten, die als „Schwarze Geschichte“ durchgehen: poverty porn nennt Radha es präzise; Armut, Gewalt und Gentrifizierung sind unabdingbare Elemente. In Brookyln indes will Radha ein Mixtape aufnehmen. Schon als Teenagerin hat sie Verse geschrieben, nun will sie diese Kunst wieder aufnehmen und begegnet dort einem Produzenten und seinen Beats.

Ihre Arbeiten führen Radha quer durch New York und erlauben es zugleich, wichtige Hindernisse insbesondere für und (gesellschaftliche) Ansprüche an Schwarze Künstlerinnen zu benennen und deutlich zu machen. Es geht um Älterwerden und um Trauer, um Freundschaft, Liebe und Glück. Dazu verhandelt dieser zutiefst persönliche Film von der Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Radha Blank wichtige Fragen im Künstler*innendasein: Was bedeutet eigentlich Erfolg? Wer bemisst ihn? Und wie viele Kompromisse kann ein*e Künstler*in machen, ehe sie sich selbst verrät?

Mein 40-jähriges Ich (2020)

Eine vom Glück verlassene 40 Jahre alte Bühnenautorin entschließt, sich selbst neu zu erfinden und sich selbst auf ungewöhnliche Weise künstlerisch auszudrücken — sie wird Rapperin.

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