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Ein Aussteiger auf der Suche nach Freiheit: Adrian Goigingers Bergdrama erzählt die Abkehr eines jungen Mannes von den einengenden Vorstellungen seiner Eltern. Felix Mittlerers gleichnamiges Theaterstück lieferte die Vorlage für eine Heldenreise aus dem Zillertal in alpenländische Höhen.

Märzengrund (2021)

Eine Filmkritik von Bianca Jasmina Rauch

Freiheit in der Einsamkeit

Im Tiroler Zillertal, dem Märzengrund, wächst der Teenager Elias in den 1970er Jahren unter den traditionsgenormten Vorstellungen der Eltern über sein künftiges Leben auf. Zwischen Heugabeln, Stallausmisten und Holzhacken flieht er, versteckt vor seinem Vater, mit Romanen gedanklich aus der hiesigen Welt. Als seine erste Liebe, eine geschiedene Frau, von den Eltern mit allen Mitteln verhindert wird, kehrt Elias dem Tal enttäuscht den Rücken. Regisseur Adrian Goiginger hat sich mit der Verfilmung des gleichnamigen Felix-Mitterer-Stücks der Geschichte eines Aussteigers angenommen. 

Als der 18-jährige Elias (Jakob Mader) von seinen Eltern (Gerti Drassl und Harald Windisch) einen NSU Prinz bekommt, verschafft ihm dieser den ersten Schritt in die Freiheit. Was von Seite des Patriarchen als stolzes Statussymbol sowie Zuckerl für die zukünftige Arbeit des Sohnes intendiert war, lässt in dem sonst eher zurückgezogenen Burschen die Lust auf Abenteuer und Ausgehen erwachen. Seine erste Liebe ist eine typische Liebe auf den ersten Blick: Moid (Verena Alternberger) ist anders, als alle anderen, das spürt Elias sofort und verabredet sich mit seiner Partybekanntschaft zum Rendez-Vous. Doch seinen Eltern bleibt nichts verborgen — Moid wird in der patriarchalen Tiroler Gesellschaft als geschiedene Frau, die sie ist, kein Respekt mehr entgegengebracht, die Eltern intervenieren. Elias versinkt daraufhin enttäuscht von der Welt in Depressionen, der Vater betrachtet seinen Sohn als verweichlicht. Die Konflikte in Märzenrgund sind klassisch.

Die Unmöglichkeit individueller Entfaltung, ein Erwachsenwerden unter ständiger Anpassung und im Kernstück misogyne Wertigkeiten legen die Basis für Elias‘ Konflikt mit seiner Umgebung. Während sich in der Abkehr von den Normen und gesellschaftlichen Vorstellungen der Eltern Parallelen zu einem Film wie Into the Wild finden, liegt die Freiheit in Märzengrund hingegen nicht auf der Straße, sondern oben am Berg. Nachdem der depressive Elias ein halbes Jahr in die Berghütte der Familie versetzt wird, um für die Bewirtschaftung der Alm Essentielles zu lernen, verweigert er nach Ablauf der Zeit die Rückkehr ins Tal. Als er erfährt, dass seine Angebetete das Tal verlassen hat und seine hoffnungsvollen Liebesbriefe die Adressatin nie erreicht haben, beschließt Elias am Berg zu bleiben, wo ihn die Entfesselung von den Eltern wenigstens Raum zum Atmen gibt. Oben die Freiheit, unten der Kerker.

Goiginger bringt uns mit seinem Spielfilm in eine Welt und eine Zeit, die den meisten seiner Zuseher*innen nur aus Filmen oder aus naturverbundenen Urlauben bekannt ist. Die Schönheit der Alpen mit ihren gleichzeitig rauen Sitten repräsentiert ein beliebtes österreichisches Filmsujet. Dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht, wie der Autor Felix Mitterer dem Publikum redelustig während der Diagonale-Premiere erzählte, erstaunt nicht. Dass sein Theaterstück, das Märzengrund als Vorlage diente, eigentlich sein schlechtestes sei, brachte das Publikum zum Lachen – aber es versteht sich von selbst: Die Geschichte sei eine, die sich stark visuell erzähle, da eignet sich die Kamera besser als die Bühne. 

Eine klangvolle, pompöse Inszenierung mit Hang zum Kitsch kreiert Goiginger mit seinem Team zweifelsohne. Die Geschichte des von der Welt enttäuschten Aussteigers, der sein Glück in der Naturverbundenheit findet, ist nichts Neues, und der Plot überrascht wenig. Dramaturgisch kann Märzengrund dennoch eine gewisse Spannung aufbauen, indem er die Zeitachsen aus ihrer Chronologie holt. Ganz zu Beginn des Films wacht Elias als ergrauter Mann mit Bart (Johannes Krisch) im Krankenhaus auf, bekommt die Diagnose Protstatakrebs und versucht sich mit allen Mitteln vom Bett zu reißen. Daraufhin beginnt eine Rückblende zum jungen Elias, der bereits als Aussteiger am Berg wohnt, gefolgt von einem weiteren zeitlichen Schritt zurück.

Während das Publikum also mitverfolgt, wie die verschiedenen Lebensphasen des Protagonisten zusammenfließen, lernt es einen Rebellen kennen, der in Bächen badet und über Wiesen wandert. Manche Weitwinkelaufnahmen erinnern dabei gar an Go-Pro-Videoästhetik, die einen schon mal aus der scheinbar zeitlosen Bergwelt der 1970er herauskatapultieren kann. Die tirolerischen Dialekte hingegen lassen keine Zweifel an der Verortung der Geschichte aufkommen und zeugen auch von akribischem Dialekt-Coaching (was auch in österreichischen Filmen und Serien nicht immer gegeben ist). 

Am Ende von Märzengrund können wir uns fragen: Was war die Moral von der G’schicht? Ist die Abkehr von der Gesellschaft und das einsame — und möglicherweise egoistische — Leben in der Freiheit der Natur eine Lösung? Hätte Elias auch unten im Tal zum Kämpfer und Rebellen werden können oder hätte ihn die Depression als Krankheit im Angesicht des patriarchalen Korsetts weiterhin ans Bett gefesselt? Moid schien der einzige Ausweg aus der Misere des Tallebens und erhält so als die erste große Liebe, die im Prinzip die impulsive Schwärmerei eines Teenagers ist, einen so hohen Stellenwert in der Geschichte, dass sie sich in ihrer Eindimensionalität einer gewissen Abgedroschenheit nicht entziehen kann. Die schönsten Szenen zeigt Märzengrund zwischen Elias und seiner verständnisvollen und zuweilen energischen Schwester Ines (Annalena Hochgruber) sowie seinem guten alten Freund von der Alm. Ob Elias mit seiner Krebsdiagnose schließlich 40 Jahre später dauerhaft ins Tal zurückkehren kann, wird sich am Ende herausstellen.

Märzengrund (2021)

Als Sohn eines wohlhabenden Großbauern soll Elias einmal den Hof weiterführen. Eine Depression, die er auf einer Alm auskuriert, führt ihm schließlich vor Augen, dass er eigentlich ganz anders leben will, ja anders leben muss. 

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