Luchadoras (2021)

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Die Angst, ermordet zu werden, gehört in der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez zum Alltag. Sie begleitet Frauen, die mit dem Bus zur Arbeit fahren und hoffen, nicht wie so viele Geschlechtsgenossinnen entführt und getötet zu werden. Drei Wrestlerinnen symbolisieren die Kraft, an sich zu glauben.

Luchadoras (2021)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Frauen mit Kampfgeist

Sie leben in Ciudad Juárez, der mexikanischen Grenzstadt, in der der Drogenkrieg besonders heftig tobt und die seit der 1990er Jahren für ihre Frauenmorde berüchtigt ist. Sie hören in den Nachrichten von Arbeiterinnen, die auf dem Weg zur Fabrik entführt und umgebracht wurden, erzählen sich ihre Geschichten, sehen die Vermisstenanzeigen am Straßenrand. Wenn die Wrestlerinnen Lady Candy, Baby Star und Mini Sirenita in den Ring steigen, dann nicht nur zum Vergnügen der Männer im Publikum. Sie wissen, dass sie an diesem Ort auch Vorbilder für Frauen und junge Mädchen sind, die sich von der mörderischen Kriminalität und den alltäglichen Zumutungen der Machokultur nicht einschüchtern lassen wollen.

Der deutsch-mexikanische Dokumentarfilm von Paola Calvo und Patrick Jasim porträtiert die drei Wrestlerinnen, die sich auch als Aktivistinnen weiblicher Selbstermächtigung begreifen. Sie treten auf Demonstrationen gegen die Frauenmorde auf, ermutigen Mädchen und Frauen, die Kampftechniken der Selbstverteidigung zu lernen. Lady Candy, Baby Star und Mini Sirenita werden nicht nur im Ring beobachtet, sondern auch in ihrem privaten Alltag begleitet. Stets bleibt die diffuse Gefahr, die draußen lauert, spürbar. Manchmal erzählen weibliche Stimmen aus dem Off über Leichenfunde, entführte Busse, während die Kamera schemenhaft Montagearbeiterinnen im Bus auf dem Weg zur Arbeit filmt. Eine Arbeiterin, die sich nach der Nachtschicht im Dämmerlicht auf den Heimweg macht, ruft ihre Mutter an, sie solle sich nicht sorgen. In einem belebten Viertel treten Nachbarn auf die Straße, sie haben am helllichten Tag Schüsse gehört und erzählen sich, dass jemand ermordet wurde.

Die Allgegenwart der Gefahr ist das eine Hintergrundmotiv dieses Films, das andere zeichnet sich nach und nach in den Porträts der Frauen ab in Form der vielen Hindernisse, die ihnen die misogyne Gesellschaft in den Weg legt. Dabei werden thematische Parallelen zu Doris Dörries Dokumentarfilm Dieses schöne Scheißleben von 2014 sichtbar. Darin ging es um Frauen, die als Mariachi-Musikerinnen in Mexico City auftreten und sich ihre Kunst weder von gesellschaftlichen Vorurteilen, noch von Familienpflichten nehmen lassen. Die junge Wrestlerin Lady Candy arbeitet in einem Bestattungsinstitut. Sie hat sich von ihrem gewalttätigen Mann scheiden lassen, der mit ihren beiden Töchtern über die Grenze ins texanische El Paso zog. Er verweigert ihr sogar den telefonischen Kontakt mit ihnen. Nun bemüht sie sich um ein Visum für die USA und klagt, dass ihr die Behörden keine Hilfe seien, sondern die väterlichen Rechte über die der Mütter stellten.

Baby Star, die im Ring stets eine an Superhelden-Comics erinnernde Augenmaske trägt und sich auch nur mit ihr filmen lässt, trat früher in Mexico City auf und will dorthin auch zurückkehren. Aber sie hat in Ciudad Juárez eine kleine Tochter von einem Mann, von dem sie sich getrennt hat. Er findet, sie dürfe ihre Mutterpflichten nicht vernachlässigen. Die Wrestlerin bekommt jedoch viel Rückhalt in ihrer Herkunftsfamilie, in der Lucha libre, die mexikanische Disziplin des Freistilkampfs, seit Generationen ausgeübt wird. Die dritte Protagonistin, die kleinwüchsige Mini Serenita, arbeitet als Montagearbeiterin, wenn sie nicht kämpft, und ist mit ihren 40 Jahren bereits Großmutter. Ihre Tochter zog sie allein groß. Sie möchte es in die großen Wrestling-Arenen von Mexico City schaffen und ihre Mutter bestärkt sie unermüdlich darin, ihren Traum zu verwirklichen.

Die Frauen sind hart im Nehmen, nicht nur im Ring, wo sie manchmal auch gegen Männer kämpfen. Einmal wird Baby Star auf einer Trage aus der Halle geführt, sie verlor bei einem Sturz auf den Kopf das Bewusstsein. Manchmal posieren die Wrestlerinnen für die Kamera, stehen im Wüstensand als leichtbekleidete Superheldinnen, die ein Zeichen für weibliche Selbstermächtigung setzen. Die Kamera sucht oft auch die Nähe zum Westerngenre, mit aus Untersicht gefilmten menschlichen Profilen, die sich gegen einen imposanten Himmel abzeichnen. Die bildgewaltigen Aufnahmen spielen mit dem Zwielicht als einer täglichen Phase des Übergangs, die nichts Gutes verheißt. Oder mit einer unvollständigen Dunkelheit, die die Orientierung erschwert. Nicht immer weiß man, wer gerade spricht oder im Bild zu sehen ist. Dabei spürt man die beunruhigende Atmosphäre, in der die Protagonistinnen ihren Weg gehen. Luchadoras beeindruckt nicht zuletzt mit seiner Filmsprache, die ganz hervorragend die Spannung ausdrückt, die zu diesem Ort und diesen Biografien gehört.

Luchadoras (2021)

Die mexikanische Stadt Ciudad Juárez verzeichnet eine der höchsten Zahlen an Femiziden weltweit. Frauen müssen jeden Tag auf der Hut sein, auch wenn sie nur auf dem Heimweg von der Arbeit sind. Eine Gruppe von Frauen steht auf und wehrt sich gegen die Gewalt und die Frauenfeindlichkeit. In ihrem Alltag und im Ring der traditionellen mexikanischen Lucha Libre Wrestlerinnen empowern sie sich und kämpfen für ein neues, emanzipiertes Frauenbild. Durch die Lucha Libre-Kämpfe wollen sie der schlecht bezahlten Fabrikarbeit entkommen und präsentieren mit viel Kampfgeist ein neues Bild davon, was es bedeutet, in Mexiko eine Frau zu sein. 

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