Luca (2021)

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Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen: Pixars jüngster Animationsfilm wurde größtenteils im Homeoffice erstellt und erscheint nun direkt auf Disney+. Darin bürstet Enrico Casarosa alte Mythen und Märchen gegen den Strich.

Luca (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Der kleine Wassermann

Die Pixar Animation Studios sind stets für eine Überraschung gut. Ihre Filme spielen mal in Kinderzimmern, mal unter Wasser, mal im Weltall und manchmal auch in menschlichen Köpfen und Seelen. Im Idealfall beleben sie beides. Sie entführten uns bereits in monströse AGs, auf Rennstrecken, in eine Pariser Gourmetküche oder nach Mexiko zum Tag der Toten. Dieses Mal geht es an die italienische Riviera. Die Geschichte ist nicht neu, was Pixar daraus macht hingegen schon.

Schon auf den ersten Blick ist der 13-jährige Luca alles andere als gewöhnlich. Denn der Junge lebt unter Wasser. Während seine Mutter Daniela mit harter Hand den Haushalt führt und sein Vater Lorenzo gedankenverloren Krabben züchtet, hütet Luca einen Schwarm Fische, der sich wie eine Herde Schafe verhält und auch so anhört. Von den Menschen des nahegelegenen Städtchens Portorosso werden Luca und seinesgleichen als Seemonster verteufelt und gejagt. Dementsprechend nimmt sich der Fischjunge in acht, wenn ein Kutter mit „Landmonstern“ vorüberschippert. Als er auf den etwa gleichaltrigen Unruhestifter Alberto trifft, ändert sich Lucas Blick auf die Welt und mit ihm der Handlungsort.

Gemeinsam mit den beiden gehen auch wir Zusehenden an Land und siehe da: Aus den Wassermännern werden waschechte Menschen. Anders als in Hans Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau verlieren die zwei Jungs dabei aber nicht ihre Stimmen. Alberto nutzt sein Sprechorgan, um Luca lauter Flöhe über die Welt der Menschen ins Ohr zu setzen. Er hat schlicht keine Ahnung, wie diese funktioniert, was in unterhaltsame Szenen mündet. Hier nimmt der Film das Fish-out-of-water-Motiv wörtlich. Und anders als bei Andersen können Luca und Alberto auch jederzeit ins Meer zurück, was zu atemberaubenden Animationen führt, in denen die zwei Jungs fließend ihre Form wandeln. Ihr größter Traum ist ein eigener Motorroller, um mehr von der Welt oberhalb des Meeresspiegels zu erkunden. Doch dafür müssen sie sich noch weiter ins Land der Landmonster vorwagen.

Der Regisseur Enrico Casarosa schreckt nicht davor zurück, in Klischees zu baden. Das Langfilmdebüt des 1970 geborenen Genuesen zeigt eine Postkartenidylle aus vergangenen Tagen. Irgendwo in einer zeitlos anmutenden Epoche zwischen den 1950er- und 1960er-Jahren angesiedelt, grüßt Federico Fellinis La Strada (1954) als Filmplakat von einer Hauswand und Marcello Mastroianni lächelt augenzwinkernd von einem Foto. In dieser nostalgisch gefärbten Zeitkapsel ist die Welt noch in Ordnung. Kinder spielen barfuß Fußball. Alte Damen blicken unter ihren Kopftüchern böse drein. Die Augen der Männer sind hinter buschigen Brauen verborgen. Selbst die Hauskatzen sehen so aus, als trügen sie Schnauzbärte. Und zu essen gibt es jeden Abend Pasta. All das ist liebevoll und urkomisch, weil Casarosa nicht nur Spaß an den Klischees hat, sondern auch augenzwinkernd mit ihnen spielt.

Der Italiener hat das Illustrations- und Animationshandwerk in Mailand und New York erlernt. Für die Blue Sky Studios arbeitete er an den Storyboards für Ice Age (2002) und Robots (2005), bevor er zu Pixar wechselte und an Filmen wie Ratatouille (2007), Oben (2009) oder Coco (2017) mitwirkte. Für seinen animierten Kurzfilm La Luna (2011) hat Casarosa eine Oscarnominierung erhalten. All diese Erfahrungen kommen nun in seinem Langfilmdebüt als Regisseur zum Tragen. Es ist zwar ein gutes Stück von Pixars besten Filmen entfernt, bietet aber die richtige Mischung aus Herz und Humor.

Bei ihrem Versuch, das Geld für einen Motorroller zusammenzukratzen, begegnen Luca und Alberto der Fischerstochter Giulia. Die drei Außenseiter:innen verstehen sich prächtig und trainieren alsbald für den Portorosso Cup, einen Triathlon, der nicht nur ein Preisgeld verspricht, sondern Giulia auch die Gelegenheit bietet, den Seriensieger und schleimigen Dorfschnösel Ercole endlich zu schlagen.

Ganz anders als in Arielle, die Meerjungfrau (1989), Disneys berühmter Adaption von Andersens Märchen, geht es in Luca nicht um Prinzessinnen, Prinzen und die Liebe. Hier treffen keine adligen Welten aufeinander, hier werden die Gegensätze nicht in einer schnulzigen Hochzeit versöhnt. Casarosa erzählt nicht von hochwohlgeborenen, sondern von einfachen Menschen, wie es schon so viele italienische Filmemacher vor ihm taten, auf deren Werke der Regisseur ebenso anspielt wie auf die Animationswunder des Studios Ghibli (der Ortsname Portorosso etwa ist ein Verweis auf den Film Porco Rosso).  

Bei Casarosa dürfen die Außenseiter:innen zu ihrem Anderssein stehen. Ihre Freundschaft hilft ihnen dabei. Am Ende kapiert das auch die gesellschaftliche Mehrheit, die die Ausgegrenzten nicht länger ausgrenzt. Das mag utopisch sein, ist aber auch ein tröstlicher Gedanke in einem tollen Film über Freundschaft. Luca ist wie eine Erinnerung an einen nie enden wollenden Sommerurlaub voll neuer Bekanntschaften und Abenteuer.

Luca (2021)

An der Italienischen Riviera erlebt der kleine Junge Luca zusammen mit seinem neuen, besten Freund den Sommer seines Lebens – voller Eis, Pasta und endlosen Scooter-Fahrten. Doch über all dem Spaß liegt ein tiefes Geheimnis: Luca ist ein Seemonster aus einer anderen Welt, die unterhalb der Wasseroberfläche des Meeres liegt…

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Meinungen
Jenny · 05.07.2021

Ich will mall das an schauen

Kommentare

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