Lord & Schlumpfi - Der lange Weg nach Wacken (2020)

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Der Festivalsommer 2020 fällt aus. Musikbegeisterte müssen sich mit der eigenen Plattensammlung oder sonstigem Ersatz begnügen. Eine Abhilfe bieten die aus dem Netz bekannten Lord und Schlumpfi – ein teuflisch gutes Duo.

Lord & Schlumpfi - Der lange Weg nach Wacken (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Happy Heavy-Metal-Häppchen

Eines der größten Musikfestivals der Welt geht auf deutschem Boden über die Bühne. In einer kleinen Gemeinde in Schleswig-Holstein finden sich jedes Jahr bis zu 85.000 Metal-Fans ein, um drei Tage lang zu harten Gitarrenklängen ihre Haare kreisen zu lassen. Dank Filmen wie Sung-hyung Chos „Full Metal Village“ und reger Medienberichterstattung ist das Dörfchen Wacken längst bundesweit bekannt. Zum Wacken Open Air – kurz: W:O:A – wollen auch die Titelhelden dieser Episodenkomödie.

Lord (Tobias Öller) und Schlumpfi (Andi Rinn) könnten kaum unterschiedlicher sein. Während der eine nur mit Grabesstimme spricht und sein Gesicht stets in Corpsepaint, die für den Black Metal typische schwarz-weiße Schminke, hüllt, ist der andere ein lustiger und etwas begriffsstutziger Zeitgenosse. Was die beiden eint, ist die Liebe zur Musik. Im Land der Brezeln, Bierzelte und Blaskapellen ist ihr musikalischer Weg praktisch vorgezeichnet: Black Bavarian Splatter Metal!

Um ihren Traum von einem Auftritt in Wacken zu erfüllen, holt sich das ungleiche Paar Rat bei Sågwerk-Sigi (Ludo Vici). Der legt nicht nur hölzerne Scheiben auf den Plattenteller, sondern hat auch gleich den alles entscheidenden Tipp parat. Das Buch „Pentatonikon“ weist den Weg zum Erfolg. 666 Euro kostet der teuflische Schinken. Zum Glück gibt’s auch die Studienausgabe bei Reclam. Und das Kinopublikum merkt, dass hier nicht alles mit ernsten Dingen zugeht.

Wie kaum ein anderes Musikgenre bietet sich der Heavy Metal (mit all seinen Spielarten) gleichermaßen für ernste wie komische Filmstoffe an. Die Fallhöhe zwischen düsteren Texten, harten Riffs, theatralischen Shows und diabolischer Bühnenpräsenz auf der einen und der nüchternen Realität dahinter auf der anderen Seite ist schlicht zu hoch, um nicht dramatisiert oder ridikülisiert zu werden. Das hat dem Kinopublikum in jüngster Vergangenheit Werke wie Metalhead (2013) und Lords of Chaos (2018) am dunklen und Happy Metal (2013), Deathgasm (2016) und Heavy Trip (2018) am lichten Ende der Skala beschert.

Tobias Öller, Kabarettist, Musiker, Autor, Ghostwriter und der Mann hinter Lord & Schlumpfi, schlägt den komödiantischen Weg ein. Die kurzen Episoden sind pointiert geschrieben, setzen auf Culture Clash, Wortwitz, Absurdität und den Charme seiner Kunstfiguren. In bester Komödientradition treffen hier zwei grundverschiedene Typen aufeinander. Statt Dick & Doof gibt’s bei Öller Bös & Doof. Gekonnt, aber stets liebevoll nimmt er die Schwermetaller-Szene im Speziellen und die Musikindustrie im Allgemeinen auf die Schippe.

Während ihrer Odyssee nach Wacken verheddern sich Lord und Schlumpfi in satanischen Ritualen, versuchen sich bei einem Talent Casting, machen ein Foto Shooting und drehen ein Musikvideo. Ihren Frust über die bescheidenen Ergebnisse ertränken sie in der Kneipe. Um sich einen Probenraum zu finanzieren, heuern sie in einem Getränkemarkt an, bevor sie schließlich für einen abgehalfterten Gottesmann auf Dämonenjagd gehen. Öllers Stammregisseurin Sabine Schreiber setzt das Ganze anspielungsreich und mit zahlreichen Gastauftritten als Spiel aus Verdecken und Enthüllen und als Spiel mit filmischen Mitteln um.

Im August 2016 als Webserie gestartet, kommt Lord & Schlumpfi nun ins Kino – allerdings nicht als eigenständiger Film. Die Kinoversion reiht lediglich zwölf Episoden aneinander; immerhin sind sechs neue darunter. Was als Einzelepisoden im Internet prächtig funktioniert, verbraucht sich am Stück konsumiert leider allzu schnell. Als kleiner Snack zwischendurch – ob als Pausenfüller während eines Filmfestivals, als Unterhaltungshäppchen während eines Musikfestivals oder als tägliche Humordosis im Netz – macht sich Lord & Schlumpfi deutlich besser als auf der großen Leinwand.

Angesichts eines ausgefallenen Festivalsommers mag die Kinoversion jedoch einige über das Verpasste hinwegtrösten. Auch wenn nicht alle Rädchen ineinandergreifen und das abrupte Ende unbefriedigend ausfällt, bleibt eine der schönsten Textzeilen der Musikgeschichte bestehen. In dieser wundersamen Welt des Black Bavarian Splatter Metal reimt sich „Herz aus Stahl“ auf „Antichrist vom Gmiasregal“.

Lord & Schlumpfi - Der lange Weg nach Wacken (2020)

Mit Grabesstimme und Schrammelgitarre sind Lord und Schlumpfi recht einsame Vertreter ihrer musikalischen Nische „Black Bavarian Splatter Metal“. Der Weg vom lokalen TV-Sender zur Weltbühne ist steinig, deshalb verbrüdert sich das ungleiche Metal-Duo mit den diensthabenden Mächten der Finsternis. Doch wie jeder Pakt mit dem Teufel hat auch dieses Bündnis unerwünschte Nebenwirkungen: Lord und Schlumpfi geraten tief ins Dickicht einer volkstümelnden Unterhaltungsindustrie.
In der Kinofassung mit allen Folgen der ersten und brandneuen zweiten Staffel treffen Lord und Schlumpfi auf Dämonen, Exorzisten, Getränkehändler und andere zwielichtige Gestalten aus dem Dies- und Jenseits. Die okkulte Heldensaga ist eine einzigartige Mischung aus bayerischer Comedy, Pop-Parodie, Horror-Persiflage und Fantasy. (Quelle: Filmfest München)

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