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Ruhig und stilvoll setzt Oliver Hermanus in „Living“ Bill Nighy als Leiter eines Verwaltungsbüros in Szene, der sein Leben im Angesicht des Todes zu überdenken beginnt.

Living (2022)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Raus aus den Mühlen der Bürokratie

„Living“ ist ein Remake des japanischen Dramas „Ikiru – Einmal wirklich leben“ (1952) von Akira Kurosawa. Der 1983 in Kapstadt geborene Regisseur Oliver Hermanus und der sowohl als Schriftsteller als auch als Drehbuchautor tätige Kazuo Ishiguro belassen die Handlung im Entstehungsjahr des Originals, verlegen sie jedoch nach London. Dies verdeutlicht, dass das Sujet der oft frustrierend langsamen und ineffizienten Wege der Bürokratie absolut universell ist – ebenso wie die recht einfache, aber dadurch nicht weniger wahre Botschaft der Geschichte.

Mit dem queeren Soldatendrama Moffie (2019) sowie seinen drei vorherigen Langfilmen hat Hermanus bereits seine Hingabe an eine lyrisch anmutende Bildsprache demonstriert. Dies setzt er hier eindrücklich fort: Der liebevoll gestaltete Vorspann erinnert an Werke der 1950er Jahre, etwa an MGM-Melodramen aus jener Zeit, mit denen ein heutiges Publikum, wenn überhaupt, wohl nur noch durch Retrospektiven auf der Leinwand oder als im Nachmittagsprogramm versteckte TV-Wiederholungen in Berührung kommt.

Durch den jungen Peter Wakeling (Alex Sharp) werden wir in den eigentümlichen Kosmos der städtischen Beschwerdestelle eingeführt: Er ist neu im Job und muss die hauptsächlich ungeschriebenen Regeln der Behörde erst noch verinnerlichen, von den Ritualen bei der morgendlichen Fahrt mit der Dampflokomotive zur Arbeitsstätte bis hin zu den sichersten Taktiken bei der Weitergabe von Verantwortung.

Hermanus sowie sein Kameramann Jamie Ramsay und das gesamte Ausstattungs-Team erwecken diesen Schauplatz im passenden 4:3 Format zum Leben, indem wir nonstop die Geräusche alter Schreibmaschinen und Telefone hören – ein Score aus permanentem Klackern und Klingeln; die analoge Vorstufe zum jetzigen Büro-Klangteppich aus Tastatur-Hämmern, Maus-Klicken und Handy-Vibrationen. Hinzu kommen riesige Aktenstapel, die immer wieder Teile der Gesichter aller Figuren verdecken. Wendeltreppen führen zu Türen, die uns in Räume voller Schränke und Regale bringen. Und die Menschen? Sind bloß winzige Rädchen im Getriebe.

„We can keep it here“, lautet der Standardsatz, mit dem der kurz vor der Pensionierung stehende Leiter der Abteilung Public Works, Mr. Williams (Bill Nighy), Anträge in eine Ablage schiebt, aus der sie vermutlich nie wieder hervorgeholt werden. Williams eilt der Ruf eines mürrischen Eigenbrötlers voraus, der sich in all seinen Dienstjahren in das System eingefügt hat. Doch dann erhält er eine Krebsdiagnose – und beginnt, seine Routinen zu durchbrechen. Zunächst vertraut er sich einem Fremden an, dann findet er in der jungen Margaret Harris (Aimee Lou Wood), die gerade wegen eines Jobwechsels die Beschwerdestelle verlassen hat, eine Gesprächspartnerin.

Die Unterhaltungen zwischen Mr. Williams und Margaret gehören zu den stärksten Momenten von Living. Aimee Lou Wood, bekannt aus der Netflix-Serie Sex Education, zeigt die Irritation, mit der Margaret anfangs auf das plötzliche Bedürfnis nach Gesellschaft des bis dato so verschlossenen älteren Mannes reagiert – aber auch die Sympathie, die sich mehr und mehr entwickelt. Und der Charakterdarsteller Bill Nighy, der etwa mit seinem Auftritt als Rockstar in Tatsächlich… Liebe (2003) bewiesen hat, dass er eine Szene ganz mühelos an sich reißen kann, liefert hier eine verblüffend stille, zurückhaltende Darbietung – nuanciert, würdevoll und tragisch. Wenn er mit geschlossenen Augen eine Gesangsnummer anstimmt, ist das unglaublich rührend.

Was Williams unternimmt, um seine verbleibenden Lebensmonate einerseits zu genießen und andererseits mit etwas Sinnstiftendem zu füllen, mag (aus heutiger Sicht) nicht allzu bahnbrechend sein. Er geht in Bars, auf einen Jahrmarkt, besucht mit Margaret eine Vorstellung von Ich war eine männliche Kriegsbraut (1949) und bemüht sich auf der Arbeit, das Projekt eines Kinderspielplatzes endlich Wirklichkeit werden zu lassen – um etwas zu schaffen, was einer zukünftigen Generation Hoffnung gibt.

Ebenso ließe sich Hermanus’ Herangehensweise an eine Neuverfilmung als vergleichsweise bescheiden abtun; der Plot wird nur minimal variiert, das erzählerische Tempo bleibt gemächlich. Und doch liegt etwas Faszinierendes in der beinahe schon provozierenden Langsamkeit, mit der die Inszenierung unseren Sehgewohnheiten zuwiderläuft. In den Feinheiten der Kameraführung, Lichtsetzung und Montage verbergen sich Geschichten, die wir entdecken können, wenn wir uns darauf einlassen – etwa in der Art, wie Mr. Williams ganz wörtlich in seine Schwarzweiß-Erinnerungen hineinschaut. Living ist ein Film, der sich Zeit nimmt – um uns von einem Menschen zu erzählen, der kaum noch Zeit übrig hat.

Living (2022)

 Bei „Living“ handelt es sich um eine englischsprachige Adaption des Films „Ikiru“ von Akira Kurosawa aus dem Jahr 1952.

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