Liebe in Zeiten von Corona (Miniserie, 2020)

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Wie funktioniert das eigentlich – die Liebe in Zeiten von Corona? Die US-Amerikanerin Joanna Johnson blickt in ihrer Rom-Com-Miniserie auf vier Beziehungskonstellationen.

Liebe in Zeiten von Corona (Miniserie, 2020)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Nähe und (soziale) Distanz

Die romantische Komödie gilt als formelhaftes Genre. Denn letztlich läuft sie immer auf ein erwartbares Ziel hinaus: das Happy End für die Liebenden. Diverse neue Formen des Kennen- und Liebenlernens wurden im Laufe der Jahrzehnte in die Plot-Formel integriert. So lautet etwa die Werbezeile zu Nora Ephrons „e-m@il für Dich“ (1998): „Die Liebe Deines Lebens ist nur einen Mausklick entfernt.“ Auch die Liebe abseits der Heteronormativität wurde innerhalb des Genres mal mehr, mal weniger progressiv thematisiert, jüngst sehr gelungen etwa in Clea DuValls „Happiest Season“ (2020). Und nun kommt die US-Miniserie Liebe in Zeiten von Corona.

Der Titel spielt auf den Roman Die Liebe in den Zeiten der Cholera des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez an. Darin bleiben die Hauptfiguren von der Cholera verschont, nicht hingegen von der Leidenschaft (die im Spanischen ebenfalls als cólera bezeichnet werden kann). Ähnlich ist es auch in Liebe in Zeiten von Corona, erdacht und inszeniert von der als Serienautorin und -darstellerin bekannten Joanna Johnson. Eine Aufarbeitung der durch die Covid-19-Pandemie entstandenen Krise strebt Johnson nicht an. Vielmehr will sie zeigen, wie sich die Art zu leben und, vor allem, zu lieben durch den Lockdown für eine Gruppe von Leuten in L.A. verändert.

Dramaturgisch entfernt sich Johnson dabei nicht allzu sehr von den Rom-Com-Konventionen. Parallel werden (Liebes-)Geschichten an vier Schauplätzen erzählt, die zum Teil miteinander in Verbindung stehen. Außergewöhnlich ist indes natürlich die Entstehung des Projekts im April 2020. Die Cast-Mitglieder, die direkt miteinander interagieren, sind auch im echten Leben Paare oder miteinander verwandt oder Mitbewohner_innen. Das Ensemble war selbst für Styling und Make-up verantwortlich, trug die eigene Garderobe, bewegte sich in den eigenen vier Wänden und positionierte selbst die Kameras. Die Crew operierte von außerhalb. Und man muss sagen: Das Ergebnis sieht nicht schlecht aus.

Zum Personal der Serie gehören der Filmproduzent James (Leslie Odom Jr.) und dessen Ehefrau Sade (Nicolette Robinson), die zusammen eine dreijährige Tochter haben. Als die beiden darüber nachdenken, noch ein weiteres Kind zu bekommen, baut sich ein Konflikt auf. Obendrein wecken die Nachrichten über Gewalt gegen Schwarze insbesondere bei James die Wut auf die rassistischen Strukturen des Landes. James’ Mutter Nanda (L. Scott Caldwell) ist derweil zunächst allein in ihrem Haus, da sich ihr Mann Charles (Charles Robinson) in einer Einrichtung von einer schweren Erkrankung erholt. Während sie noch hofft, den 50. Hochzeitstag mit Charles feierlich begehen zu können, merkt sie in den virtuellen Gesprächen, dass Charles zunehmend dement wird. Als James’ Bruder Dedrick (Catero Colbert) vor der Tür steht, weil er seinen Job verloren hat, nimmt Nanda ihn im Gästehaus auf.

Die Studentin Sophie (Ava Bellows), die einst als Grundschülerin von Nanda unterrichtet wurde, kehrt unterdessen vom College zu ihren Eltern Paul und Sarah (Gil Bellows und Rya Kihlstedt), einem Vertreter für Lebensversicherungen und einer Freelance-Autorin, zurück. Das Paar hat der Tochter bisher allerdings verschwiegen, dass es sich bereits vor Monaten getrennt hat. Die beiden beschließen, es der emotional recht instabilen 19-Jährigen vorerst nicht mitzuteilen und den Lockdown als „intakte“ Familie zu verbringen.

Der vierte Strang von Liebe in Zeiten von Corona befasst sich mit dem queeren Stylisten Oscar (Tommy Dorfman) und der angehenden Singer-Songwriterin Elle (Rainey Qualley), die spontan den Entschluss fassen, sich gegenseitig virtuelle Dates auszusuchen. Als Elle erfährt, dass Oscar seit neuestem auch ein Interesse an Frauen entwickelt hat, gerät sie ins Grübeln: Wären sie und er nicht eigentlich das perfekte Paar? Während sich Oscars Online-Date mit Sean (Jordan Gavaris) als Erfolg erweist, hat Elle zunächst kein Glück. Doch da gibt es ja noch den attraktiven Nachbarn Adam (Emilio Garcia-Sanchez), der immer in seinem Garten eine Dusche nimmt.

Eine der Stärken der Miniserie ist zweifelsohne die Chemie unter den Spielenden. Insbesondere das echte Ehepaar Gil Bellows und Rya Kihlstedt (dis-)harmoniert als jüngst getrenntes Paar wunderbar miteinander – und auch die Familiendynamik mit der jugendlichen Tochter erzeugt reichlich Situationskomik. Schön ist zudem, dass sich Johnson Zeit für kleine Beobachtungen nimmt. Während etwa der Film Songbird in erster Linie auf eine Ausschlachtung der Corona-Thematik setzte, fängt Liebe in Zeiten von Corona den neuen Alltag unter Quarantänebedingungen in vielen Details ein. So sehen wir Menschen bei der Einkaufsvorbereitung, bei virtuellen Meetings in Boxershorts, beim Essen, beim Baden, beim Lesen. Als Zeitstück ist die Serie fraglos reizvoll. Vieles wirkt jetzt, ein knappes Jahr nach den Dreharbeiten, jedoch schon wieder überholt – zum Beispiel wenn Masken liebevoll selbst angefertigt werden.

An Tiefgang lassen es die Drehbücher wiederum etwas vermissen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass alle Figuren überaus komfortabel wohnen und sich – abgesehen von Dedrick – offensichtlich keine Sorgen über das Bezahlen von Rechnungen machen müssen. Auffällig ist dies vor allem bei Oscar und Elle, zwei jungen, selbstständigen Menschen aus der Kreativbranche, von denen zumindest Letztere noch am Anfang einer Karriere steht. Dass die beiden ein sehr großes Apartment samt riesiger Küche bewohnen, mutet ein bisschen realitätsfern an – da es sich schließlich nicht um die beiden durchaus etablierten Nachwuchsstars Tommy Dorfman (Tote Mädchen lügen nicht) und Rainey Qualley (Tochter von Andie MacDowell, bekannt als Sängerin unter dem Namen Rainsford) handeln soll, denen die Wohnung ja tatsächlich gehört.

Hier wäre etwas mehr Lebensnähe beziehungsweise ein Blick auf weniger gut situierte Bevölkerungsgruppen wünschenswert gewesen. Insbesondere die Schauspiel-Veteranin L. Scott Caldwell (Lost) trägt jedoch in ihrer Rolle als Nanda dazu bei, dass auch Liebe in Zeiten von Corona über intensive Momente verfügt, die über amüsante Unterhaltung hinausgehen. Wenn sie allein am Esstisch sitzt und über den PC-Bildschirm mit ihrem kranken Ehemann kommuniziert, wird die Mischung aus Nähe und sozialer Distanz, die diese Zeit so prägt, äußerst treffend auf den Punkt gebracht.

Liebe in Zeiten von Corona (Miniserie, 2020)

Vier miteinander verwobene Geschichten über die Suche nach Liebe und Verbindung während einer Zeit der Quarantäne.

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