L'état et moi - Der Staat und ich (2022)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Justizfarce

Einer rattert mit seinem Rollkoffer übers Kopfsteinpflaster, man hört Celloklänge, die abbrechen und ersetzt werden durch Schimpfen: Der mit seinem Rollkoffer, sicher so ein Tourist! Dies aber nicht in einer irgendwie natürlichen Art, sondern so statisch, wie der Rollkoffermarsch gestelzt ist. Mit seinem Koffer und der Umhängetasche wird dieser junge Herr als Nächstes in der Bibliothek stolpern und eine Menge Bücher umschmeißen. Was „L’état et moi“ als allererstes ist, ist ein Klamaukfilm mit richtig albernem Slapstick. Und der Slapstick muss so albern sein, weil anders als albern kann man Slapstick in einem Film heutzutage nicht mehr ernsthaft betreiben.

Yoshi (Jeremy Mockridge) heißt unser tollpatschiger Held, der über dem Strafgesetzbuch einschläft und damit den Film zum Kaiser persönlich katapultiert, der gerade telefoniert. Warteschleifenmusik: Ein Lied von Heinrich Heine. Der Justizminister stellt das neu verfasste Strafgesetzbuch vor, der Kaiser diktiert persönlich den Majestätsbeleidigungsparagrafen rein; Bismarck referiert über die Barrikadenkämpfe der Pariser Commune, und an der Wand hängt ein Bild von Sophie Rois, die hier einen Kommunisten darstellt, Verzeihung: einen Komponisten namens Hans List, der beim Aufruhr in Paris kräftig mitmischt.

In der Jetztzeit geht Sophie Rois, nun als frankophile Richterin Praetorius-Camusot, zur Abendgesellschaft der Freunde der Berliner Staatsoper unter den Linden – die bei der Produktion des Films kräftig mitgemischt hat –, es gibt einen Vortrag zur deutsch-französischen Freundschaft, und auf wundersame Weise wird der alte Kompo-Kommunist Franz List wiederbelebt, weil eine Wachsstatue lebendig wird.

Max Linz macht nach Ich will mich nicht künstlich aufregen (2014) und Weitermachen Sanssouci (2019) weiter: Er ist einer dieser eigenwilligen Filmemacher, die dieses Land so dringend braucht – Julian Radlmaier (Blutsauger) gehört auch in diese Liga, die Zürcher-Brüder (Das Mädchen und die Spinne), Susanne Heinrich (Das melancholische Mädchen), Nikias Chryssos (A Pure Place) oder Alexandre Koberidze (Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?): Da werden ganz absonderliche Filme gedreht, exzentrisch und sehr eigen, so eigen, dass es nicht mal für eine Gruppenbezeichnung wie „Schule“, „Bewegung“ oder gar „Genre“ reicht. Künstlichkeit ist wichtig, Ironie, komödiantische Elemente, vor allem aber auch politische Haltung, die sich gerade nicht in „Satire“ oder „Botschaft“ erschöpft, sondern in einer geradezu Antifilm-Verweigerungshaltung, im Bruch mit glatter Ästhetik, mit Charakteristik und Dramaturgie zugunsten von Typen, von Ideen, von Episoden, vom Darstellen eines gesellschaftlichen Kampfes, der längst zum Krampf wurde.

Max Linz nimmt sich die Justiz vor, nachdem er in seinen vorherigen Filmen Kunstbetrieb und Universitätsbusiness aufs Korn genommen hat. In diesem Fall nun findet sich Hans List, der wiedergeborene Kommu-Komponist, in den Mühlen deutscher Polizeiwillkür und Gerichtsbarkeit. So, wie unser Referendar Yoshi durchs Leben stolpert, so stolpert List in justiziable Fettnäpfchen. Schnippt eine Zigarette weg und entzündet die Fahne am französischen Botschafterauto – Verunglimpfung einer verbündeten Nation, Staatsterrorismus! Streichelt ein Pferd und wird flugs als Kutscher engagiert, baut einen Unfall mit dem französischen Botschafterauto – Verunglimpfung einer verbündeten Nation, Staatsterrorismus! Wird als Barpianist engagiert, spielt ein paar Takte „Internationale“ – dito! Vorgabe von Polizei, Staatsanwaltschaft bis hinauf zum Justizminister: Um die innere Sicherheit zu gewährleisten, müssen mehr politische Straftaten aufgedeckt werden, um jeden Preis – aber erst nach der Opernpremiere. Dort wird demnächst nämlich das Opernfragment von Kompo-Kommunist Hans List aufgeführt, „Die Elenden“ über die Pariser Commune – mit dem wiedergeborenen List unerkannt als Komparse im eigenen Stück. Ein Kreis, der sich schließt. Vor Gericht fällt keinem auf (außer einem), dass er der Richterin auffallend ähnelt.

Der Gerichtssaal besteht aus ein paar kulissenhaften Tischen vor kulissenhaften Vorhängen –Linz legt wert darauf, dass das Spielerische am Spielfilm stets sichtbar bleibt. Wichtig sind auch die extralächerlichen Gags: Der von Bernhard Schütz gespielte depperte Polizist heißt Detlev D. Detlevsen, das D. steht für Detlev; der Staatsanwalt (Hauke Heumann) heißt Donnerstagspacken, Verzeihung: Donnerstrunkhausen – Namenskalauer sind ja die niederste Form der Lustbarkeitsmöglichkeiten, und sie sind hier bewusst als niederste Form gesetzt. Denn das steht über allem: die Uneigentlichkeit des Gezeigten, mit Typen statt Charakteren, die durch Situationen stolpern statt Dramaturgie zu erzeugen, und eben mit Gags, über die sich der Film selbst wieder lustig macht.

Linz ist eine erfreuliche Ausnahmeerscheinung in einer Filmwelt, die solchen Quark wie Liebesdings für eine große und wichtige Stimme der politischen Komödie hält: Weil er – und die oben genannten Mitstreiter filmischer Absonderlichkeiten – zeigen, wie es eben auch geht: mit Bewusstsein und Haltung albern, ohne doof zu sein.

L'état et moi - Der Staat und ich (2022)

Richterin Praetorius-Camusot stockt in ihren juristischen Routinen, als bei den Feierlich-keiten der deutsch-französischen Beziehungen ein Exponat aus 150-jährigem Schlaf erwacht: Komponist Hans List aus der Pariser Commune sieht ihr zum Verwechseln ähnlich!

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