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Von einer ungewöhnlichen Freundschaft erzählen auf sehr berührende Weise Charlotte Vandermeersch und Felix van Groningen in ihrem Cannes-Wettbewerbsbeitrag „Le Otto Montagne“.

Le otto montagne - Acht Berge (2022)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Geschichte einer Freundschaft

Dass ausgerechnet ein Paar im Beruflichen wie im Privaten aus Belgien — einem Land, das nicht gerade für seine ausgeprägte Berglandschaft bekannt ist — einen wunderschönen Film über das Leben im Gebirge gedreht haben , ist nur eine von vielen wundervollen Fügungen in „Le Otto Montagne“, einem Film, der von einer sehr wechselvollen Freundschaft zwischen einem Jungen aus der Stadt und einem vom Land erzählt.

Der aus Turin stammenden Pietro (Luca Marinelli) ist 12 Jahre alt, als seine Eltern für drei lange Monate ein Haus im hinterletzten Eck Aostatals in einem Ort namens Grana mieten, in dem gerade noch eine Handvoll Menschen leben — alle anderen sind weggezogen, haben das Weite und bessere Lebensperspektiven für sich gesucht. Für einen Jungen wie Pietro ist das ein Albtraum, doch dann trifft er auf Bruno (Alessandro Borghi), das einzige gleichaltrige Kind, das noch in diesem Dorf lebt. Und so freunden sich die beiden Jungen bei aller Unterschiedlichkeit miteinander an.

Es ist eine Freundschaft, die viele Jahre andauern und die zahlreichen Wendungen erfahren wird. Immer wieder, gleich von Beginn an, geht es um Perspektiven, um Aussichten und Lebensentwürfe, die einer hat oder eben nicht. Da ist einerseits Pietro aus der Stadt, dessen Vater zur gut verdienenden Mittelschicht der Industriemetropole Turin gehört — dem Jungen, der selbstverständlich aufs Gymnasium geht, stehen dementsprechend alle Türen offen. Bruno hingegen lebt in Grana bei Onkel und Tante, der Vater arbeitet in der Schweiz oder Österreich als Maurer; die Mutter … der Junge weiß es nicht so genau und verstummt, als er danach gefragt wird. Und so entsteht die Idee bei Pietros Eltern, dass man Bruno, mit dem sich ihr Sohn so gut versteht, ja mit in die Stadt nehmen könne, um ihm ein anderes und besseres Leben zu ermöglichen. Zum Glück — oder auch nicht — scheitert der zwar gut gemeinte, aber übergriffige Plan der Eltern, was der Verbundenheit aber zumindest auf lange Sicht keinen Abbruch tut.

Immer wieder überwindet der Film, der auf einem Bestsellerroman von Paolo Cognetti aus dem Jahre 2016 beruht, im folgenden Verlauf souverän und bruchlos in den Fluss der Erzählung eingebunden große Zeiträume und erzählt die Geschichte zweier paralleler, miteinander verbundener und dennoch völlig unterschiedlicher Lebensläufe allein über die Begegnungen von Pietro und Bruno.

Während Bruno den Bergen seiner Heimat stets verbunden bleibt und sich nicht vorstellen kann, jemals in die Welt hinauszugehen, streift Pietro ziellos durch sein Leben und findet sein Glück schließlich im fernen Nepal, wo es ihn immer wieder hintreibt. Auch in die Berge also, doch es ist die Fremde und vielleicht auch das Unbehauste, das ihn umtreibt. Als Pietros Vater stirbt, der Grana zeit seines viel zu kurzen Lebens innig verbunden war, entdeckt sein Sohn durch Bruno, dass dieser fast eine Art Halbbruder ist, der durch den Verstorbenen viel Unterstützung erfuhr. Eine Verbindung, die das Band zwischen den mittlerweile erwachsenen gewordenen Freunden eher noch festigt, zumal es ein Erbe gibt, dem sich vor allem Bruno verpflichtet fühlt.

Es sind vor allem die traumhaften Bilder der Berge, die diesen vergessenen Ort hoch droben wie ein kleines Paradies erscheinen lassen  — eines allerdings, dessen rauer Charme und dessen Kargheit sich nicht jedem erschließt und in dem auch wahrlich nicht jede/r leben möchte oder kann. Charlotte Vandermeersch und Felix van Groeningen schwelgen in Bilder und sparsam eingesetzten Folksongs und es wäre ein Leichtes, sich allein auf deren Wirkung zu verlassen. Stattdessen spielt sich vor dem grandiosen Panorama ein erstaunlich fein gezeichnetes Drama voller Zwischentöne ab, das keinerlei Schwarz-Weiß-Zeichnung und harschen Kontrastierungen kennt, sondern bei aller Majestätik genau hinschaut und nuanciert zwei Leben nachspürt, die bis zum Schluss voller Überraschungen sind und deren innige Verbundenheit bei aller Traurigkeit, die den Film eben auch auszeichnet, tief bewegt.

Nach dem gleichfalls überaus beeindruckenden Schweizer Berlinale-Wettbewerbsbeitrag Drii Winter von Michael Koch und Adrian Goigingers Drama Märzengrund ist Le Otto Montagne (der Titel verweist auf die acht Achttausender des Himalaya, die sich auf dem Gebiet Nepals befinden) bereits der dritte Film in diesem Jahr, bei dem die Berge mehr als nur eine Kulisse für das Drama namens Leben bilden. Sicherlich eher ein Zufall und sehr wahrscheinlich nicht der Beginn einer Renaissance des Bergfilms, wie er in den späten 1920er und frühen 1930er-Jahren dem Heimatfilm den Weg bereitete. Die drei gegenwärtigen Dramen aber zeigen deutlich — und das ist womöglich eine Folge der Pandemie mit all ihren Einschränkungen -, wie differenziert und zugleich sehnsuchtsvoll der Blick auf Landschaften wie die Berge mittlerweile geworden ist. Als Bühnen für Lebensentwürfe, als Orte des Scheiterns und des Neuanfangs, des Aufstiegs, des Triumphgefühls beim Bezwingen eines Gipfels und bei den Abstürzen, die zwangsläufig folgen.

Le otto montagne - Acht Berge (2022)

Pietro ist in der Stadt aufgewachsen. Im Sommer seines elften Geburtstages mieten seine Eltern ein Haus in Grana, im Herzen des Aostatals. Dort macht Pietro die Bekanntschaft mit Bruno, einem gleichaltrigen Kuhhirten. Abenteuerlustig erkunden die Kinder die verlassenen Häuser des Bergdorfs, streifen durch schattige Täler oder folgen dem Wildbach. Zwanzig Jahre später haben die Freunde verschiedene Wege eingeschlagen – Pietro hat es als Dokumentarfilmer in die Welt hinausgezogen, während Bruno sein Heimatdorf nie verlassen hat. Pietro kehrt nach Grana zurück, um dort Zuflucht zu finden. Auch will er versuchen, sich mit seiner Vergangenheit zu versöhnen.

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