Kopfkino

Kopfkino

Eine Filmkritik von Marie Anderson

... oder der Kampf gegen den modernen Drachen Schüchternheit

War das Spielfilmdebüt Kopfkino von Serdar Dogan zunächst bei vier Independent Filmfestivals in den USA sowie kürzlich beim ersten Lucerne International Film Festival zu Gast, erscheint der pfiffige Film um Liebeswerbung und -wirren nun mit ansprechenden Extras ausgestattet, zu denen auch ein heiteres Making Of gehört, auf DVD.
Wenn er seinen Kopf nicht gerade in ein Buch versenkt, hängt der zurückhaltende Buchhändler Tonio (Ben Hansen) gedanklich in den Wolken, denn insgeheim ist er heftig in die aparte Kellnerin Julia (Mary Muhsal) verliebt. So verbringt Tonio Stunden der stillen Anbetung in dem Café, wo Julia jobbt, und allein sein exaltierter Freund und Mitbewohner Schnitzel (Cris Cosmo) weiß um seine innere Befindlichkeit, die sich zunehmend zu einer emotionalen Notlage auswächst. Von Schlaflosigkeit gepeinigt beschließt Tonio, dem drängenden Rat seines Freundes zu folgen und Julia seine Zuneigung endlich zu gestehen. Allerdings hat der umtriebige Musiker Schnitzel dafür kein schlichtes Geständnis, sondern eine höchst spektakuläre, romantische Aktion im Sinn: Beim bevorstehenden Newcomer Festival soll der schüchterne Tonio, der über eine hübsche Stimme verfügt, einen eigens dafür komponierten Song als Liebeserklärung an Julia vortragen, die auch prompt ihr Erscheinen bei dem Musikwettbewerb zusagt. Während Schnitzel sich mächtig ins Zeug legt und alte Kontakte für den großen Auftritt mit Band aktiviert, folgt Tonio zunächst nur zögerlich den waghalsigen Plänen, die jedoch gewaltig frischen Wind in sein stilles Leben bringen …

Innerhalb von gerade einmal zehn Monaten praktisch ohne nennenswertes Budget ersonnen, inszeniert und produziert stellt Kopfkino das in vielerlei Hinsicht rasante, in elf Drehtagen entstandene Spielfilmdebüt von Serdar Dogan dar, der gleichermaßen als Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann sowie für den Schnitt verantwortlich zeichnet. Mit Unterstützung seiner Familie, der Karlsruher Produktionsfirma kambeckfilm und einer engagierten Schauspielertruppe konnte der junge Filmemacher sein erstes eigenes Projekt realisieren, in dem deutlich spürbar literweise Herzblut steckt.

Wird augenscheinlich die schlichte Geschichte einer Verliebtheit und ihrer heißen Werbungsphase erzählt, die zwei extrem unterschiedliche Freunde in gemeinsamer Mission geradezu zelebrieren, ereignet sich die Dramaturgie dieser flapsigen und letztlich doch hintergründig pfiffigen Komödie in zwei Dimensionen: Da ist einerseits die schnöde Realität des alltäglichen Lebens von Tonio, dem wortkargen, unbeholfenen Pullunder-Träger, und Schnitzel, dem flippigen, agilen Sprücheklopfer, der vermutlich auch nicht gerade die beste Zeit seines Daseins erlebt. Diese stark stilisiert gezeichneten Charaktere agieren zunächst bis an die Schmerzgrenze stereotyp, Tonio so unbeholfen wie Schnitzel regelrecht manisch aufgekratzt. Andererseits bestechen die häufigen Tagtraumsequenzen Tonios sowohl inhaltlich als auch vor allem ihre darstellerischen Qualitäten betreffend durch heroisch erhöhte Eleganz und unterstreichen auf diese Weise den Idealismus der Imagination, den Serdar Dogan durch die deutliche Differenz dieser beiden Welten fixiert, auch formal– bis zum Schluss.

Und es ist zweifellos zuvorderst der Schluss, der diese ebenso romantisch wie heiter-harmlos erscheinende Komödie krönt. Kommt Kopfkino auch dort konsequent reduktionistisch und bis auf die Tagträumereien beinahe bühnenhaft im Hier und Jetzt verankert daher, wo ein paar zusätzliche Informationen zu den Figuren förderlich gewesen wären, erklärt sich diese bewusst installierte Sparsamkeit durch das unvermittelte, schelmische Ende, das eine geradezu selbstironisch anmutende Metaebene präsentiert. Mit seinen durchaus sympathisch wirkenden Schwächen, zu denen sicherlich die Ausführlichkeit der Stereotypen zählt, und seinen atmosphärischen Stärken, die sich vor allem in den von Hauptdarsteller Ben Hansen arrangierten musikalischen Aspekten zeigen, stellt Kopfkino ein frisches, freches und ideenreiches Erstlingsprojekt dar, das am 12. Mai in der Schauburg in Karlsruhe in Anwesenheit von Cast und Crew sowie Live-Musik seine Premiere feiert. Wie viel Vergnügen die Mitwirkenden selbst bei den Dreharbeiten hatten, deutet der Abspann des Debüts von Serdar Dogan an, der es bereits bei seinem ersten Film wagt, sein Publikum spitzbübisch an der Nase herumzuführen.

Kopfkino

Wenn er seinen Kopf nicht gerade in ein Buch versenkt, hängt der zurückhaltende Buchhändler Tonio (Ben Hansen) gedanklich in den Wolken, denn insgeheim ist er heftig in die aparte Kellnerin Julia (Mary Muhsal) verliebt. So verbringt Tonio Stunden der stillen Anbetung in dem Café, wo Julia jobbt, und allein sein exaltierter Freund und Mitbewohner Schnitzel (Cris Cosmo) weiß um seine innere Befindlichkeit, die sich zunehmend zu einer emotionalen Notlage auswächst.
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