Kokon (2020)

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Ohne in abgegriffene Metaphern und allzu bekannte Bilder jugendlicher Selbstfindung zu verfallen, versucht „Kokon“ vom Erwachsenwerden und Comingout einer jungen Frau zu erzählen. Das Ergebnis ist von herausragender Schönheit.

Kokon (2020)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Anfang einer Freiheit

Filme über Berliner Jugendliche, die sich in heißen Sommern und nächtlichen Partys auf dem Weg zum Erwachsenwerden selbst finden, neigen leicht dazu, anstrengend und prätentiös nur von ihrer eigenen Coolness zu erzählen. Leonie Krippendorfs „Kokon“ gelingt in einer seltenen Meisterinnenleistung das Gegenteil: einen Film zu drehen über die Selbstfindung, der nicht von sich, sondern von seiner Protagonistin erzählt, der ihren Erfahrungen folgt und ihre Freiheit teilt.

Nora (Lena Urzendowsky) verbringt viel Zeit mit ihrer älteren Schwester Jule (Lena Klenke) und deren bester Freundin Aylin (Elina Vildanova). Es ist heiß in Berlin und segmentiert von kurzen Sequenzen aus Handy-Videobildern erzählt Nora die Geschichte ihres Sommers, in Freibädern und auf Hausdächern, umgeben von aufkeimenden Liebschaften und heimlichem Begehren. Sie stellt fest, dass die Körper von Mädchen in ihr andere Empfindungen wecken als die von Jungen. Sie beobachtet aufgeplusterte Gespräche über Sex und Zugehörigkeit, über die Erwartungen an ein Leben nach der Jugend, das auch der ältere Freundeskreis ihrer Schwester sich bestenfalls vage vorstellen kann. Und sie lernt Romy (Jella Haase) kennen, die in der Parallelklasse sitzengeblieben ist, die sich nicht um Körperideale schert und Nora einen gänzlich anderen Blick auf das eröffnet, worum es im Leben vielleicht gehen könnte.

Brillant gespielt von Lena Urzendowsky, gestaltet Kokon die Verwandlung von Nora über alle Ebenen des Films: Schüchtern dem Gehabe der älteren Jungen und Mädchen beiwohnend, versucht sie dem Spott und Druck der Gruppe zu trotzen und hat doch keine eigene Position, mit der sie sich identifizieren und an die sie sich halten könnte. Aus dem ersten zaghaften Drängen nach einer eigenen Haltung, die sich in Noras Blicken andeutet und sich dann langsam auf ihren Körper ausweitet, wird die wachsende Sicherheit, dass es dort ein Selbst zu erahnen und zu erkunden gibt, welches sich schließlich formen und bewähren kann. Nora züchtet im schwesterlich geteilten Schlafzimmer Raupen und verteidigt das nerdige Hobby gegen die dafür irgendwann zu cool gewordene Jule. Der Titel des Films und seine sich durchziehende Metaphorik verheimlichen keinen Moment, dass am Ende ein Schmetterling die Flügel entfalten wird und dass dann auch Noras Kindersachen der Suche nach einem eigenen Stil weichen, dessen glänzendes Einhorn-Outfit zwar nicht vor den Schmerzen schützen kann, die in der Welt manchmal warten, dessen eigene Wahl aber den ganzen, entscheidenden Unterschied macht.

Dass die Raupe-zum-Schmetterling-Metapher für das Comingout einer jungen Frau zu keinem Zeitpunkt peinlich plakativ wird, ist einer Vielzahl von Faktoren zu verdanken, die in Kokon in seltener Harmonie zusammenwirken: Nicht nur dem herausragenden Spiel von Lena Urzendowsky und Lena Klenke, auch der sich zwischen allen nuancierten Empfindungen der Protagonistin einfühlsam entwickelnden Kameraarbeit von Martin Neumeyer und dem Drehbuch der Regisseurin Leonie Krippendorf gelingt es, das Leben junger Menschen in einer Weise zu zeigen, die ihnen eigene Räume und Zeiten zugesteht. Einen nicht-aufdringlichen Coming-of-Age-Film zu machen, der dieses Coming-of-Age tatsächlich seinen Figuren überlässt, mit Ehrlichkeit und Zuversicht ihre tastenden Selbstversuche zulässt, um schließlich ihrer Freiheit Platz zu machen, ist eine große Herausforderung. Mit der entscheidenden Liebesszene zwischen Nora und Romy weitet sich die Leinwand elegant unauffällig – nicht, weil der Film damit in großer Geste etwas an seine Figuren heranträgt, sondern weil diese ihre Freiheit und ihren eigenen Raum einfordern und die formale Gestaltung des Films ihnen beides bereitwillig überlässt.

Selbst für die schmerzhaften Momente von Verletzung, Eifersucht und Einsamkeit, für die Scham und die Wut, sich gegen andere Menschen behaupten zu müssen, die selbst auch nur verunsichert und verschämt sind, findet Kokon treffende Bilder. Der Film entwirft keine Welt, in der Nora für Romy zur Verkörperung eines abstrakten Freiheitsversprechens wird – ein Problem, das viele der heterosexuelleren Varianten des Genres in den idealisierten Frauentypen mit sich herumtragen, die zu Retterinnen von quirky-unselbstständigen Jungs werden müssen, damit diese ihr mehr oder weniger offenes Happy End und eine erwachsene Zukunft erhalten können. Auch Romy ist dagegen nur Teil einer Welt, in der Nora selbst ihre Position aushandeln muss.

Doch sie ist nicht allein: Kokon inszeniert die Erfahrung des Aufwachsens gemeinsam mit Nora, nicht über sie hinweg, oder nur durch andere Figuren hindurch, und macht sie gerade deswegen als Erfahrung auch für die Zuschauer*innen des Films teilbar. Es ist ein seltenes Glück, einen Film wie Kokon erleben zu dürfen, der die Möglichkeit der Freiheit seiner Figuren von Grund auf mit ihnen und mit seinen Zuschauer*innen denkt. Darin öffnen sich Bilder, die nichts neu erfinden, die keine bahnbrechenden Metaphern schöpfen, die das aber auch nicht müssen: Sie ermöglichen etwas so viel Schöneres, indem sie teilhaben lassen am Beginn der Freiheit einer jungen Frau, die ihre Identität und ihre Welt zuallererst in sich entdeckt, und die zugleich Teil einer Gemeinschaft anderer Menschen ist, die alle denselben Prozess erleben. Schritt für Schritt, Raupen-Beinchen für Raupen-Beinchen tasten wir uns voran in der Zuversicht, langsam immer näher zu uns zu gelangen.

Kokon (2020)

Für die junge Kreuzbergerin Nora gibt es viele erste Male in diesem flirrenden Hochsommer: Menstruieren, Kiffen, sexuelles Begehren entdecken. Und dann ist da auch noch Romy. Eine behutsame Annäherung zweier junger Frauen, gespielt von Lena Urzendowsky und Jella Haase.

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