Klavierstunden (2017)

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88 Tasten hat ein Klavier in der Regel. Doch wie lernt man darauf zu spielen? Und was erfährt der Klavierspieler gleichzeitig über sich, wenn er sich abmüht, die Geheimnisse Schuberts oder Chopins zu ergründen? „Klavierstunden“ taucht ein in den universellen Zauber der Musik, der Profis wie Laien bannt.

Klavierstunden (2017)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

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„Weißt du wie viel Tasten ein Klavier hat?“, möchte der junge Klavierlehrer zu Beginn von Ken Wardrops „Klavierstunden“ von seinem noch jüngeren Eleven wissen. Die Unterrichtsatmosphäre ist betont locker: Sie widerläuft geradezu der klischierten Vorstellung mancher Zuschauer, die bei dem Wort „Klavierstunde“ sogleich an ebenso strikte wie frustrierte Lehrkräfte denken, die jedes Verspielen wie ein kriminelles Vergehen wahrnehmen und während des konzentrierten Übens selbstverständlich keine Sekunde Spaß verstehen. Es geht hier schließlich um nichts weniger als die hehre Kunst Chopins, Schuberts oder Beethovens.

In Wirklichkeit sind es bei einem gewöhnlichen Klavier 52 weiße und 36 schwarze Tasten, was aber in Wardrops wunderbar leichtfüßigem Dokumentarfilm nie explizit erwähnt wird. Schließlich geht es hier im Subtext weit mehr um die universell-völkerverständigende Kraft der Tastenmusik als um die nächste Aufnahmeprüfung fürs große Musikkonservatorium oder die hiesige Musikschule, wenngleich dieses mühsam-professionelle Üben in Klavierstunden partiell immer wieder mal angeschnitten wird. Dabei sind jedoch die teils angespannten, teils vollkommen relaxten Blicke der wartenden Eltern vor den verschlossenen Türen weit interessanter als das, was in diesen Momenten wirklich hinter denselben passiert.

In angenehm unaufgeregter Inszenierung folgt Ken Wardrops warmherziger Dokumentarfilm Klavierstunden vielmehr der puren Lust am Spielen, die irgendwann in jedem Eleven geweckt wird: unabhängig davon, ob er sich nun anschickt, der nächste Glenn Gould zu werden oder am Ende doch nur ein häuslicher Solist ohne Scheinwerferlicht und großem Publikum bleibt, der schon bei vermeintlich einfachsten Akkorden durchaus ins Schlittern gerät und für den sich aus diesem Grund nie so etwas wie Souveränität einstellen wird. „Egal wie viel ich übe: ich werde niemals gut sein“, gesteht einmal eine bereits 35 Jahre intensiv übende Klavierspielerin ebenso aufrichtig wie en passant gegenüber der durchaus ironisch eingesetzten Kamera, die Ken Wardrop neben Buch und Regie ebenfalls selbst verantwortet.

„Wir können das Klavier nicht zwingen“, wirft eine weitere Klavierlehrerin an anderer Stelle ein, ohne dabei elitär oder arg doktrinär zu wirken. Was soll’s!? Es muss ja nicht jeder gleich an die internationalen Karrieren von Lang Lang oder Martin Stadtfeld denken, wenn er zum x-ten Mal in die Tasten greift. Zwischen heimischen Lego-Welten, selbst gezimmerten Baumhäusern, diversen schulischen Verpflichtungen und der ersten Liebe wartet schließlich noch täglich das andere, nicht-musikalische Leben auf jeden der vorwiegend jüngeren Protagonisten in Wardrops pfiffiger Dokumentarfilmmusikstunde. Der irische Filmemacher, der in seinen selbst kadrierten Einstellungen mitunter einen betont lässigen Stil pflegt, porträtiert in dieser ausgesprochen unterhaltsamen Fingerübung in erster Linie beinahe sämtliche Arten des Klavierunterrichts.

Die angenehm unaufdringlich begleiteten Lehrer und Lehrerinnen reichen dabei von unkonventionellen Studienabbrechern über bestens gelaunte Nonnen wie Schwester Karol bis hin zu erfahrenen Pianisten, was Klavierstunden in seinen überwiegend statischen, aber generell kurzweiligen und flott geschnittenen Miniaturszenen (Montage: John O’Connor) einen enorm positiven Flow verleiht. „Humor gehört zum Leben und Dokumentarfilme handeln vom Leben“, lautet nicht umsonst das künstlerische Mantra Wardrops. Denn, „wenn man in einen Film geht, möchte man lachen, auch wenn es ein Dokumentarfilm ist“. Und so ist Klavierstunden im Kern ein kleiner großer Dokumentarfilm über das Außergewöhnliche im scheinbar allzu Ordinären geworden.

Klavierstunden (2017)

Mehr als 30.000 Klavierschüler gibt es Jahr für Jahr, die sich für verschiedene Arten von Aufnahmeprüfungen vorbereiten. „Klavierstunden“ begleitet einige von ihnen während ihrer Unterrichtseinheiten. 

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