Julia muss sterben (2020)

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„Julia muss sterben“ ist eine Komödie, die sich nach Kräften bemüht, lustig zu sein – und die sich vollends verliert in all den miesen Vorurteilen, die in ihren Protagonisten steckt. Sodass der Rassismus und Chauvinismus, den Regisseur Marco Gadge eigentlich anprangern will, so richtig aufblühen.

Julia muss sterben (2020)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Nicht lustig

Zu Beginn sehen wir eine junge Frau (Sabrina Amali) in einem Laden voll Obst- und Gemüsekisten herumfuhrwerken. Ein Anfangsbild, mit dem Regisseur Marco Gadge etwas gelingt: nämlich ein metaphorisches Bild dafür, wie sehr der folgende Film Kraut und Rüben ist. Klar ist nur, dass „Julia muss sterben“ eine Komödie darstellt, dies schon deshalb, weil die junge Frau – und auch alle weiteren Protagonistinnen und Protagonisten – sich immer ein bisschen zu viel bewegen, ein bisschen zu viel herumblicken, ein bisschen zu bewegt in den Gesichtern sind: „Spielt lustig!“, muss das Motto am Set gelautet haben.

Die junge Frau trägt Kopftuch, der Laden ist arabisch; nach ihrem hektischen Herumfuhrwerken fährt sie einem alten Mann im Rollstuhl, ihrem Vater, ins Bild, um den Hals ein Schild „Nicht vor 9 füttern“. Lustig! Rasch verlässt sie den Raum, und schon findet das Bild einen jungen Menschen, den wir als Wilson Gonzalez Ochsenknecht identifizieren. Er hat seine Haare wild in alle Richtungen gesprayt, und sie sind bunt, und seine Kleidung ist abgefuckt, und als er ein hochherrschaftliches Gebäude betritt, zieht er einen Stift aus der Tasche und macht aus einem „Mama ist die Beste“-Plakat ein „Mama ist die Bestie“-Plakat. Das ist lustig. Und es ist Punk!

Das Gebäude ist eine Schauspielschule, im Foyer eine enorme Menge hoffnungsvoller junger Kandidaten fürs Vorsprechen. Einer meint zum anderen: „Ah, alles hier riecht nach Kultur“, und der andere senkt verschämt sein Antlitz: „Ja, tschuldigung…“ Auch das ist lustig.

Wir treffen auf Clara (Nellie Thalbach), grell geschminkt, und auf Kasper (Michel Diercks), der mit seinem neuesten Kurzzeitfreund knutscht. Clara hat in ihrer Tasche einen Kugelschreiber in enormer Raketenform und dummerweise das Reclam-Heft nicht verstanden, weil sie eine Tschechow-Männerrolle einübt. Lustig. Sie und Kasper necken sich. Und sie lügt einem Mitaspiranten etwas von einem unbedingt notwendigen A38-Formular vor, der fortan als Running Gag durch die Gänge der Schule irren wird auf der Suche danach. Auch das ist lustig. Vor allem aber ist es ziemlich böse von Clara, die doch eigentlich Sympathieträgerin sein soll. Denn rasch freundet sie sich mit Lya an, der jungen Frau vom Anfang, die hier beim Vorsprechen ihr Glück versuchen will. Kasper ergeht sich in einigen bösen Sprüchen über Lyas Kopftuch und über ihre dunkle Hautfarbe, und dass er nicht nur chauvinistische, sondern auch noch rassistische Sprüche von sich gibt, ist überhaupt nicht mehr lustig: Denn auch Kasper ist als Sympathieträger angelegt, er wird der Dritte im Bunde sein, und Regisseur Gadge scheint die Sache über den Kopf zu wachsen. Denn Lya kommt aus dem Irak, alle führen sich, was die Hautfarbe angeht, auf, als sei sie aus dem dunkelsten Afrika/Indien/Tasmanien, es ist ziemlich albern.

Nun sind jedenfalls diese drei Freunde geworden, auch wenn Lya so fremd ist – was zumindest das Drehbuch behauptet –, und wir sehen die Schule von außen, wo ein Fenster aufgemacht wird und dicker Qualm herausdringt. Das ist nun wieder lustig gemeint, weil es das Fenster zum Lehrerzimmer ist und im Lehrerzimmer immer ganz arg geraucht wird, und die Lehrer zicken sich gegenseitig an. Das ist aber nicht weiter wichtig. Beim Casting singt einer schräg die Internationale, eine andere spielt den Gollum, eine weitere zerhackt eine Melone. Das sollen die schlechten Kandidaten sein. Die guten Kandidaten, so richtig mit Qualität, das sind solche vom Schlage eines Kasper, der total ergreifend von sich hin monologisiert und dann auf dem Klo verschwindet. Dort sehen wir ihn kurze Zeit später, wie er eine schöne Dame untenrum leckt.

Der Trouble beginnt, als Lyas Familie aufkreuzt: Sie hat nämlich den Papa im Rollstuhl mit Schlaftabletten ruhiggestellt, weil niemand von ihren Schauspielambitionen wissen soll. Es geht also drunter und drüber, denn dies ist eine Komödie, die sich so sehr bemüht, lustig zu sein. Clara entführt den Papa im Rollstuhl auf dem Dach und deklamiert in der Hand Rutger Hauers Sterbemonolog aus Blade Runner. Dass sie dabei mit einer fetten, geladenen Pistole herumfuchtelt, thematisiert der Film nicht weiter. Sie ist halt eine lustige Figur; außerdem plappert sie in einem fort.

Julia muss sterben ist in seiner Anlage kein schlechter Film. Er hat gute Absichten. Der Titel spielt darauf an: Julia muss, so steht es im Shakespeare-Stück geschrieben, sterben, aber ist das ein Grund, sich nicht anzustrengen? Muss man sich damit abfinden, in gesellschaftlichen, familiären, emotionalen Käfigen festzustecken? Lya hat ihren Vater neun Jahre lang gepflegt und will jetzt etwas Neues anfangen. Eine der Schauspiellehrerinnen (Katharina Schlothauer) wurde frisch von ihrer Freundin verlassen. Der Rektor (Thilo Prothmann) wird mit den Tatsachen konfrontiert, dass seine Schule geschlossen und dass er Vater wird. Diese Thematik ist an sich klug entworfen, nur will der Film dem nicht so recht folgen. Weil die Schauspielführung zu sehr auf Kaspereien aus ist, weil zu sehr jeder noch so fern liegende Gag eingefangen werden will, weil die Figuren wenn, dann nur rein funktional charakterisiert sind. Weil Angefangenes liegengelassen wird – viele Szenen enden im Nichts, und Ochsenknecht Junior hat mit dem Film auch nichts weiter zu tun. 

Vor allem aber verliert der Film viel an einer ausnehmenden naiven Unbeholfenheit, was die gesellschaftlichen Diskurse angeht, die er so wichtig ansprechen will. Der Regisseur wendet sich in einem engagierten Kommentar auf der Film-Webseite gegen Ausgrenzung und Abschottung: „Wann, wenn nicht jetzt ist der Zeitpunkt, einen Film zu machen, der Integration und Multikulti zum Thema hat. In diesen scheinbar ruhelosen Zeiten braucht es neue Ansätze und Empathie.“ Das ist ehrenwert – und doch findet Gadge keinen Weg, dies im Film in irgendeiner Weise auszudrücken, im Gegenteil. Sein Film ist sicherlich nicht gesinnungslos, aber völlig unbesonnen: Die Familie von Lya besteht aus krassen Burkaträgerinnen, weil die Irakerinnen halt so sind; und alle anderen, auch die nettesten, nehmen an ihrem Kopftuch Anstoß, selbst als sie erklärt, dass dies zu ihrer Identität gehöre, weil richtig deutsch ist das ja nicht. Und, ganz schlimm: Als Lya und ihre Freunde mal von fiesen Nazis verfolgt werden, spielt der Soundtrack Boney M.s „Brown Girl in the Ring“. Geht’s noch lustiger?

Julia muss sterben (2020)

Was für ein Plan von Lya: Dem Vater Schlaftabletten in den Tee rühren, dann den schnarchenden Rollstuhlfahrer in den Gemüseladen des Bruders schieben und heimlich an der Schauspielprüfung teilnehmen. Und das alles nur, weil Lya findet, dass acht Jahre für die Pflege des Vaters genug Tribut an die Familie waren. Auf ein Mädchen mit Kopftuch hat in diesem deutschen Kulturtempel allerdings niemand gewartet. (Quelle: Filmfestival Max Ophüls Preis 2020)

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